Das neuartige Coronavirus hält die Welt in Atem. In Deutschland erkranken immer mehr Menschen an Covid-19. Alle aktuellen Entwicklungen zur Corona-Krise sowie aktuelle Zahlen, lesen Sie in unserem Schlagzeilen-Ticker.

mehr »
Von news.de-Redakteur Sebastian Haak - 20.05.2009, 18.26 Uhr

Inflation: Der Mythos vom billigen Kredit

Mitten in der Krise lohne es sich angeblich, einen Kredit aufzunehmen – weil man ihn schnell abzahlen könne, wenn erst die Inflation kommt. Dieser Mythos hält sich hartnäckig. Doch das ist zu einfach gerechnet. Und kann schwerwiegende Folgen haben.

Es lässt sich erahnen, woher die Idee kommt, gerade jetzt in der Krise sei die richtige Zeit, einen Kredit aufzunehmen und sich davon was Schönes zu gönnen. Ein Auto vielleicht; immerhin gibt es ja noch 2500 Euro vom Staat für die alte Rostlaube. Ein nettes Häuschen im Grünen. Oder teuren Schmuck, zum Beispiel. Wahrscheinlich hat das weniger mit Hedonismus als vielmehr mit dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen zu tun.

Denn die Erinnerungen an die Hyperinflation der 1920er Jahre ist in der Bundesrepublik auch am Anfang des 21. Jahrhunderts noch immer präsent. Vielen kommen dazu noch immer die Bilder von Männern in den Sinn, die ihren Wochenlohn mit Schubkarren nach Hause fuhren. Ein Brot bezahlte man in der jungen Weimarer Republik kurz vor der Währungsreform 1923 mit Scheinen, auf denen mehr Nullen abgedruckt waren als die Teigware Inhaltstoffe hatte.

Wer damals einen Kredit abzahlen musste, hatte am Ende gut Lachen. Denn weil immer neue Geldscheine mit immer größerer Stückelung gedruckt wurden, der Nennwert von Verbindlichkeiten aber fix war, ließ sich schließlich beispielsweise das Land vieler Bauern mit Fünf-Millionen-Reichsmark-Noten aus dem Spätsommer 1923 bequem abzahlen.

Doch wer heute davon spricht, seine Schulden in naher Zukunft billig loszuwerden, weil er – wie manche Wirtschaftsexperten – mit einer starken Inflation nach der Krise rechnet, der unterliegt unter Umständen einem womöglich folgenschweren historischen Irrtum.

Ein einfaches Rechenbeispiel: Nehmen wir an, jemand hat 1000 Euro im Monat zur Verfügung. Davon gibt er 50 Prozent, also 500 Euro, für seinen Lebensunterhalt aus und die restlichen 50 Prozent steckt er in die Tilgung eines Kredits. Nun schlägt in zwei Jahren aber die Inflation voll durch – Benzin und Heizöl werden wieder dauerhaft teurer, Lebensmittel auch, die Mieten steigen. Dann muss der Kreditnehmer, sagen wir, 750 Euro monatlich zum Leben ausgeben – um zur Arbeit zu kommen, sich zu ernähren.

Da aber parallel die Kreditraten in Höhe von 500 Euro weiter bedient werden müssen, braucht der Betreffende nun plötzlich 1250 Euro jeden Monat, um wie gewohnt leben zu können. Das kann nur funktionieren, wenn entweder das Einkommen im gleichen Maße steigt wie die Inflation - und darauf zu setzen ist, das bedarf keiner großen Ausführungen, ein Wagnis. Bleibt dieser Effekt aus, muss der Betroffene jeden Monat bis zu 250 Euro einsparen – und riskiert damit seinen Lebensstandard oder den Gang in die Privatinsolvenz.

Denn nicht die Inflation war der Grund, dass die Menschen 1923 sehr billig ihre Kredite abzahlen konnte – die Art, wie die Inflation unter Kontrolle gebracht werden sollte, war es. Damals nämlich warf man die Notenpressen einfach an, druckte immer neues Geld, mit einem immer größeren Nennwert, um den Menschen zu simulieren, dass ihr Einkommen im gleichen Maße steigt, wie die Inflation ihr Geld entwertet. Die Angst vor sozialen Unruhen trieb die Regierung dazu.

Doch ob das bei einer großen Inflation Anfang des 21. Jahrhunderts auch so kommen würde, ist fraglich. Denn in der Eurozone, wo nicht mehr die nationalen Notenbanken, sondern eine europäische Zentralbank die Hand an der Notenpresse hat, sind die verhältnismäßig einfachen, nationalen Maßnahmen gegen die Krise von 1923 kaum noch vorstellbar. Es ist heute eben nicht mehr möglich, so einfach wie vor mehr als 80 Jahren Geld zu drucken und den Menschen vorzutäuschen, ihre Kaufkraft halte mit der Inflation schritt. Jetzt einen Kredit auszunehmen, kann deshalb alles andere als eine gute Entscheidung sein.

ruk

Empfehlungen für den news.de-Leser