07.05.2021, 09.29 Uhr

"Markus Lanz" im ZDF: Intensivpfleger packt aus - und übt heftige Kritik an Gesundheitssystem

"Das ist so unwürdig": Der Intensivpfleger Ricardo Lange gab bei "Markus Lanz" Einblicke in seinen Arbeitsalltag während der Corona-Pandemie. Außerdem kommentierte er den akuten Pflegenotstand mit drastischen Worten.

Intensivpfleger Ricardo Lange sprach bei "Markus Lanz" über die psychische Belastung seines Arbeitsalltages zwischen Corona-Pandemie und Pflegenotstand. Bild: ZDF

Menschen, die sich angesichts strenger Kontaktbeschränkungen nicht angemessen von ihren verstorbenen Liebsten verabschieden konnten und Pfleger, die unter höchster emotionaler Belastung arbeiten: Schon in der vergangenen Woche schilderte der Intensivpfleger Ricardo Lange in der Bundespressekonferenz an der Seite von Jens Spahn seinen psychisch herausfordernden Arbeitsalltag. Am Donnerstagabend war Lange nun auch im ZDF-Talk "Markus Lanz" zu Gast - und er wurde erneut deutlich.

Er würde Corona-Tote in Plastiksäcken verstauen und dann den Reißverschluss zuziehen: "Das ist so unwürdig." Es fühle sich "nicht ethisch an". Außerdem fand Lange markige Worte zu der Tatsache, dass seine Kollegen und er aufgrund der medizinischen Ausnahmelage emotional erpressbar seien - Stichwort medizinische Fürsorge, selbst unter den Gegebenheiten des gravierenden Pflegenotstandes. "Für mich ist das sogar schon emotionale Vergewaltigung", griff Lange zu einem drastischen Ausdruck. "Es ist ein hartes Wort. Aber genau so fühlt es sich einfach an."

Intensivpfleger schildert dramatischen Notfall bei "Markus Lanz" im ZDF

Wie extrem die Zustände auf den Intensivstationen teils sein müssen, machten Schilderungen des Berliners klar. Weil Personal fehlte, habe er sich teils um drei statt den vorgesehenen zwei Intensivpatienten kümmern müssen, so Lange. Schließlich kam es zu einem Notfall: Ein Patient, der sich in einem anderen Zimmer befand, erlitt eine Atemnot und entfernte unter Panik die Sauerstoffmaske. Lange jedoch fiel das erst verspätet auf, als der Patient bereits leblos im Bett lag.

Auch wenn es Lange glückte, den Patienten wiederzubeleben, plagte ihn sein schlechtes Gewissen: "Man kommt trotzdem nach Hause und fühlt sich einfach schlecht, weil es war mein Patient, für den ich verantwortlich war. Und aufgrund von Personalmangel muss ich zu Hause sitzen und mir einen Kopf machen. Aber man kann ja nichts dafür."

Intensivpfleger empört: "Da wird Geld generiert bis zum letzten Atemzug"

Die Ursache, dass es überhaupt zu einer derartigen Personalnot im Pflegewesen kommen konnte, machte Lange an der Privatisierung der Krankenhäuser fest. Er kritisierte: "Kliniken sind momentan eher Fabriken, wo die Ware Mensch hineinkommt und da wird Geld generiert bis zum letzten Atemzug." Um mit allen Mitteln schwarze Zahlen zu schreiben, werde am Personal und damit am Menschen gespart, wie Lange kritisierte.

Auch bezüglich der Lieferung von medizinischem Material stellte er Deutschland ein alles andere als gutes Zeugnis aus. Es habe nicht nur an Masken gefehlt, erforderliche Gesichtsvisiere hätten seine Kollegen und er mit Büromaterial "zusammengebastelt", wie Lange erklärte: "Ich verstehe nicht, wie ein Industriestaat wie Deutschland es nicht schafft, so ein simples Visier herzustellen. Das ist peinlich!"

Kein Verständnis für Anfeindungen: "Was ist mit den Menschen los?"

Entsetzt zeigte sich Ricardo Lange außerdem über die öffentlichen Anfeindungen, mit denen er und seine Kollegen konfrontiert seien. Er habe schon zu hören bekommen, er habe den falschen Beruf ergriffen, "weil ein Müllmann, der Müll nicht in Säcke packen kann, hat eben den falschen Beruf". Lange zeigte sich deswegen fassungslos: "Da fragt man sich schon: Was ist mit der Gesellschaft los? Was ist mit den Menschen los?"

Friedrich Merz, ebenfalls bei "Markus Lanz" zu Gast, wollte Langes harte Kritik am deutschen Gesundheitssystem nicht unkommentiert stehen lassen. Zwar höre er Langes Schilderungen mit "persönlicher Betroffenheit", betonte Merz, aber international stehe das Gesundheitssystem Deutschlands im Vergleich gut da. Der CDU-Politiker wies auf das "stabile Fundament dieses Landes" hin. Gleichzeitig räumte er aber ein: "Wir haben Renovierungsbedarf auf fast allen Etagen des Hauses, das darüber steht."

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Dieser Inhalt wurde news.de vonswyrl.tv zur Verfügung gestellt.

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