04.10.2017, 13.46 Uhr

"Willkommen bei den Honeckers" in der Wiederholung: TV-Kritik zu "Willkommen bei den Honeckers"

Johann Rummel (Max Bretschneider, li.) führt in Chile das letzte Interview mit Erich Honecker (Martin Brambach). Bild: ARD Degeto/Frederic Batier

Autor Matthias Pracht und Produzent Christian Rohde kündigen ein "beeindruckendes Schelmenstück" an. Der Streifen beruht demnach auf der wahren Geschichte des "Bild"-Journalisten Mark Pittelkau. Die filmische Verdichtung mache die Story nicht unwahrer. "Wir wollen dabei nichts beschönigen, aber auch nicht verurteilen." Die Geschichte bleibe ambivalent, genau wie die damalige Zeit.

Der Film wurde von der Magic Flight Film GmbH im Auftrag von ARD Degeto produziert. Sascha Schwingel, Redaktionsleiter ARD Degeto, meint, die Figur von Johann Rummel werfe viele Fragen auf. Die Auseinandersetzung mit ihr - und damit über Mut, Moral und Integrität - sei Reiz und Herausforderung. Einfache Antworten gebe es nicht.

"Willkommen bei den Honeckers" ist ein bisschen von allem und etliche Klischees

Und so soll wohl für jeden etwas dabei sein. Ein bisschen Liebesgeschichte, ein bisschen Freundschaft, aber auch ein bisschen Maueropfer und ostdeutsche Befindlichkeit. "Ich find den Honecker doch auch Scheiße, der hat mir mein Abi verbaut, da ist es doch nur gerecht, wenn ich mir da mal was zurückhole", meint Jungjournalist Rummel, als sein Freund Maik (Max Mauff) beim Honecker-Interview nicht mitmachen will - weil es moralisch nicht korrekt sei.

Es gibt im Film etliche Klischees, um den Osten zu illustrieren - angefangen bei den offensichtlich unverzichtbaren Hochhaus-Neubauten, über groß gemusterte Tapete in den Wohnungen und düstere Kneipen. Ironisch gemeint tauchen DDR-Fahnen, geballte Fäuste und Kampflieder im Hintergrund auf. Doch wie glaubhaft ist es, dass der unbedarfte Rummel alle Phrasen der Alt-SED-Funktionäre drauf hat? Auch eine Szene am FKK-Strand darf nicht fehlen. Ach, soll ja eine Komödie sein.

"Bild"-Reporter Rummel wird am Ende verschont

Befremdlich wirkt der Pathos, mit dem Rummel seiner Freundin Jenny (Cornelia Gröschel) vor dem Abflug nach Chile verspricht: "Ich werde ihm die Maske vom Gesicht reißen, ich will, dass er sich für alles entschuldigt, was er getan hat." Doch dazu kommt es nicht.

Es sei nicht darum gegangen, große historische Wendeereignisse nachzuerzählen, argumentieren Pacht und Rohde. Es sei eine Zeit voller Chancen für den gewesen, der sie für sich erkannt habe. Könne man das dem jungen Rummel zum Vorwurf machen? Eher nicht, ist aus dem Film zu lesen. Aber die Frage bleibt: Ist es im Journalismus wirklich so, dass der Zweck die Mittel heiligt?

Martin Brambach spielt den alten Erich Honecker höchst überzeugend

Großartig präsentiert sich Schauspieler Martin Brambach in der Rolle des greisen Honecker - mit zuckenden Mundwinkeln, fast brechender Stimme und schlurfendem Schritt. "Diese Lügen, diese vielen Lügen", seien manchmal nur schwer zu ertragen, murmelt er. "Was wollen diese Menschen jetzt von mir - warum lassen die mich nicht in Frieden sterben?" Honecker stirbt im Mai 1994 im Alter von 81 Jahren.

Doch trotz der fast mitleiderregenden Darbietung bleibt der Polit-Rentner im Rhomben-Pullover bei seinen harten Ansichten über die Mauer und DDR-Flüchtlinge: "Es gab sicher Dinge, die nicht schön waren, es wurden Fehler gemacht, aber niemand hat diese Menschen gezwungen, die DDR zu verlassen. Warum haben sie diese Dummheit begangen? Mussten die denn unbedingt ihre Heimat verlassen? Die wussten doch, was ihnen blüht", sagt er dem jungen Rummel - diesmal mit festerer Stimme. Der fragt schmerzfrei zurück: "Vielleicht waren sie verwirrt - fehlgeleitet durch die Versuchungen des Kapitalismus?"

Johanna Gastdorf hat den eiskalten Blick von Margot Honecker

Johanna Gastdorf als Margot Honecker trifft genau den eiskalten, Blick und distanzierten, misstrauischen Gestus der einstigen DDR-First-Lady. Die Härte hinter der aufgesetzten Freundlichkeit ist spürbar. Der Film greift auch eine bekannte Foto-Szene auf. Frau Honecker steht mit einem Gartenschlauch im Garten vor ihrem Haus und versucht, per Wasserstrahl vordringende Fotografen zu vertreiben. "Haut ab, Ihr Aasgeier", schreit sie. Margot Honecker wurde 89 Jahre alt, sie starb im Mai 2016. Zum Schluss des Films bemalen zwei Kinder an einer Litfasssäule ein Honecker-Foto. Eines fragt: "Wer ist das überhaupt?" Die Antwort: "Kenn ich nicht". Dann rennen sie weg.

Lesen Sie auch: Wie erging es den Honeckers nach dem Mauerfall?

Folgen Sie News.de schon bei Facebook, Google+ und Twitter? Hier finden Sie brandheiße News, tolle Gewinnspiele und den direkten Draht zur Redaktion.

gea/news.de/dpa

  • Seite:
  • 1
  • 2
Empfehlungen für den news.de-Leser