Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 10.11.2011, 06.52 Uhr

«Es ist nicht vorbei»: Die Hölle Frauenknast

Anja Kling litt gestern Abend im Film Es ist nicht vorbei an den Folgen ihrer Haftzeit im Frauengefängnis Hoheneck. Reine Fiktion? Im Gegenteil: Tausende Frauen wurden im DDR-Knast gequält und gefoltert. 

Wieder in Hoheneck zu stehen, und sei es auf der anderen Seite der Zellentür, weckt in Carola (Anja Kling) Erinnerungen, die sie eigentich ganz tief in sich vergraben hatte. Bild: SWR/Gordon Muehle

Hoheneck. Der Name ist ein Reizwort. Er steht für das größte Frauengefängnis der DDR, für ein Schandmal. Denn was sich hinter seinen hohen Mauern abspielte, gehört zu den dunkelsten Kapiteln deutscher Vergangenheit. Rund 8000 Frauen waren von Anfang der 1950er Jahre bis 1989 in Hoheneck im sächsischen Stollberg inhaftiert. Den meisten von ihnen wurde die Freiheit genommen, weil sie eine Republikflucht in den Westen geplant oder wiederholt Ausreiseanträge gestellt hatten. Im Knast erlebten sie Schläge, psychische Folter und wurden von Ärzten mit Psychopharmaka vollgepumpt.

Im TV-Drama Es ist nicht vorbei, welches Das Erste gestern Abend zum Jahrestag des Mauerfalls zeigte, spielte Anja Kling eine Frau namens Carola Weber, die in Hoheneck durch die Hölle gegangen ist. Mehr als 20 Jahre hat sie die traumatische Zeit verdrängt, doch als sie plötzlich ihrem Peiniger von damals gegenüber steht, bricht die Erinnerung wieder hervor: an die hoch dosierten Psychopharmaka, die ihr gegeben wurden, um ihre Renitenz zu brechen. Und an das kalte Urteil des Arztes, der sie trotzdem als arbeitsfähig einstufte - kurz darauf säbelt eine Maschine der jungen Pianistin bei der Zwangsarbeit drei Finger der rechten Hand ab.

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Mit Es ist nicht vorbei ist der ARD ein herausragendes, ein wichtiges Stück Fernsehen gelungen. Genau wie im oscargekrönten Spielfilm Das Leben der Anderen ist der eigentliche Plot zwar erfunden, aber in ihm steckt doch viel Wahrheit. Denn das, was Carola Weber im Film widerfahren ist, haben Tausende Frauen in der Realität erlebt: den gemeinsamen Marsch der Gefängnisinsassinnen zur Arbeit, die Methode der Problemlösung der Wachteln genannten Aufseherinnen, die Spritzen und die Ketten, mit denen Gefangene an Stahlbetten gefesselt wurden, bis sie buchstäblich Ruhe gaben, gebrochen waren. Für viele Frauen, die in Hoheneck einsaßen, ist «es» bis heute nicht vorbei.

Davon berichtete auch die Dokumentation Die Frauen von Hoheneck, die im Anschluss an den Spielfilm gezeigt wurde. Die Autoren Kristin Derfler und Dietmar Klein haben in mehrjährigen Recherchen mit vielen Frauen gesprochen. Zum Beispiel mit Ellen Thiemann, die wegen versuchter Republikflucht verurteilt wurde, verraten vom eigenen Ehemann.

Die Geschichte des Frauengefängnisses
Hoheneck
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Thiemann hat verhindert, dass aus Burg Hoheneck ein «Event-Hotel» wurde, in dem Gäste in zellengroßen Zimmern wohnen und Schließerinnen morgens einen Knust Brot als Frühstück servieren sollten. Sie ist Mitglied des Hohenecker Frauenkreises, der alljährlich in schaudernder Erinnerung an frühere Zeiten zusammenkommt und immer wieder die Stätte des Schreckens gemeinsam abschreitet. «Wir sind Zeitzeugen, wir leben noch. Und so lange wir leben, müssen wir auch darüber reden», sagt Thiemann. Ihre Inhaftierung in Hoheneck bleibe ein Trauma und sei noch heute lebendig. «Wir waren zu ein paar Jahren verurteilt. Tatsächlich dauert unsere Haftzeit lebenslang.»

Die Opfer leiden ihr Leben lang an den Folgen. Und die Täter? Im Film wurde Ulrich Noethen, der den Stasiarzt spielte, trotz Verjährung seiner Schuld und nach einem Mordversuch in Handschellen abgeführt. Dieses aufgesetzt wirkende Finale war der große Schwachpunkt eines ansonsten gelungenen TV-Dramas. Und es entspricht so gar nicht der Realität. Sämtliche Klagen der ehemaligen Strafgefangenen gegen ihre Haftärzte verliefen im Sand. Und: Viele der ehemaligen Mitarbeiter praktizieren noch heute.

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mik/news.de

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