Von news.de-Redakteurin Ina Bongartz - 13.04.2011, 06.28 Uhr

«Maischberger»: Arbeitgeber - Opfer ihrer Angestellten?

Wer macht hier wen kaputt? Bei Sandra Maischberger ging es darum, wie verwöhnt oder versklavt deutsche Arbeitnehmer sind. Dabei erklärte ein Anwalt, warum Betriebsräte eine Firma zu Grunde richten können. 

 Ex-Bundesarbeitsminister Norbert Blüm diskutierte mit der US-Journalistin Heather De Lisle bei Sandra Maischberger den deutschen Kündigungsschutz. Bild: news.de-screenshot (ARD)

Die Gästeliste war vielversprechend, die Enttäuschung umso größer: Sandra Maischberger hatte am Abend (fast) keine Politiker geladen, um zum Thema Deutsche Arbeitnehmer: verwöhnt oder versklavt? zu diskutieren. So geriet die Runde zwar nicht zur parteipolitischen Inszenierung, dafür aber zur wenig erhellenden Zwei-Fronten-Debatte, die sehr an Verallgemeinerungen krankte und moderne Arbeitnehmer zu oft als Opfer stigmatisierte.

Die Runde wurde als Wortgefecht Zwei gegen Zwei eröffnet und sollte im Verlauf auf Drei gegen Drei erweitert werden. Auf Seiten der angeblich stets verängstigten und ihren Job furchtbar findenden Arbeitnehmer debattierte Ex-Bundesarbeitsminister Norbert Blüm gemeinsam mit Verdi-Gewerkschafterin Christiane Frank.

FOTOS: Sandra Maischberger Ochsentour bis ins Erste

«Die Zeit der wilden Globalisierung geht zu Ende»

Ein kurzer Einspielfilm zeigt Blüm, wie er 1973 sagt: «Lieber befristet angestellt als unbefristet arbeitslos.» Diese Aussage zähle er heute zu seinen Irrtümern. «Ich glaubte damals, dass dieses System nur für den Übergang funktioniere.» Blüm, gelernter Werkzeugmacher bei Opel, weiß, dass Arbeitnehmer – auch heute – eben nicht nur für Geld arbeiten wollen, sondern auch für Anerkennung. Er kritisiert, dass Arbeitnehmer heutzutage nur noch funktionieren müssen. Und plötzlich spricht er von Kinderarbeit und der Verantwortung jedes Einzelnen, regionale Produkte zu kaufen.

Diese Argumentationskette ist auch für Sandra Maischberger zu verdreht. Mit Mühe versucht sie, beim Thema zu bleiben. Gar nicht einfach, mit einem Norbert Blüm als Gast, der sich ein ums andere Mal in großspurigen Voraussagen wie diesen verheddert: «Die Zeit der wilden Globalisierung geht zu Ende.» Ihm geht es in erster Linie um Moral – ein starkes Argument, leider allzu schlecht präsentiert.

An verbalem Gegenwind für Blüm fehlte es bei Sandra Maischberger nicht: Für die Arbeitgeberseite saßen in der Runde die Journalistin Heather De Lisle und der Arbeitsrechtsanwalt Helmut Naujoks – bei Betriebsräten als der Mann fürs Grobe gefürchtet. De Lisle, gebürtige Amerikanerin und seit 16 Jahren als Freiberuflerin in Deutschland, kann den deutschen Kündigungsschutz nicht verstehen. Für sie ist es schier eine Unmöglichkeit, dass Arbeitgeber nicht so ohne Weiteres Angestellte entlassen können, mit deren Arbeit sie unzufrieden sind. Das System zwinge die Arbeitgeber ja geradezu, harte Bandagen anzulegen, wenn sie jemanden kündigen wollen.

Sabotage, Stehlen, Arbeitsbummelei

Mit diesen harten Bandagen kennt sich Arbeitsrechtsanwalt Naujoks bestens aus. Ein großer, schwergewichtiger Mann im schwarzen Anzug, rot-weiß-gestreifter Krawatte, das silbergraue Haar akkurat mit Gel aus der Stirn gekämmt. Er besetzt die Rolle des Fieslings in der Runde – des Wolfes im Schafspelz («Betriebsräte können, wenn sie es darauf anlegen, eine Firma zu Grunde richten.»). In seinem Buch Die Kündigung von Unkündbaren gibt er Arbeitgebern Tipps, wie sie unliebsame Angestellte – inklusive Mitglieder des Betriebsrates – loswerden. Das sei notwendig, denn in Deutschland seien Arbeitgeber allzu oft Opfer ihrer Angestellten, bei denen es einen Trend zur «Sabotage, zum Stehlen und zur Arbeitsbummelei» gebe.

Ohne Zweifel: Der Mann hat seinen Ruf nicht umsonst. Mit einer aufgesetzt freundlichen Stimme, wendet er sich an Norbert Blüm und appelliert, man möge nicht auch noch die Fronten verhärten. Übermäßig lieblich sagt Naujoks: «Wir sollten aufhören, uns gegenseitig die Schuld zuzuschieben.» Woran erinnert das bloß? Vielleicht an den Kreide essenden Wolf im Märchen Die sieben Geißlein.

Neben Naujoks sieht Verdi-Vertreterin Christiane Frank nicht wie die Kämpferin für gegängelte Angestellte aus. Eher schwach, wie ein verschüchtertes Reh. Ihre Rede ist fahrig, nervös, ihre Stimme zittert. Obwohl sie Naujoks aus unzähligen Rechtsstreits kennt. Angeblich habe Naujoks bereits 150 Prozesse gegen Verdi verloren. Frank kämpft in ihrem Arbeitsalltag für Angestellte, die wegen Bagatellen entlassen oder mit Mobbing mürbe gemacht und zur Kündigung genötigt worden sind. In der abendlichen Runde bei Maischberger mochte man ihr diese Mammutaufgabe kaum zutrauen.

Da half auch die Unterstützung wenig, die sie nach 45 Minuten in Form von Peter Hintermeier bekam. Der 60-Jährige ist seit 15 Jahren Leiharbeiter, hangelt sich von Job zu Job. Für Anwalt Naujoks kein Problem: «Immerhin waren Sie  in den vergangenen 15 Jahre nicht arbeitslos.» Die Unterstützung von Tina Voß, die als Chefin von 450 Leiharbeitern ebenfalls noch zum Talk dazu kommt, brauchte einer wie er nun wirklich nicht.

Bestes Zitat: «Ich gründe eine Firma, um Geld zu verdienen, und nicht, um Freunde zu machen. Das ist einfacher Kapitalismus.» (Heather De Lisle)

bas/news.de

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