Von news.de-Redakteur Sven Wiebeck - 19.12.2010, 10.54 Uhr

TV-Schmonzetten: Die schöne Heititeiti-Welt

Immer wieder sonntags sitzen Millionen vor den Fernsehern und lassen sich in die romantischen Traumwelten von Rosamunde Pilcher, Inga Lindström und Co. entführen. News.de hat einen Experten gefragt, warum die aufgehübschten Weichspül-Phantasien derart beliebt sind.

Auch der Film Lords lügen nicht spiegelt die Welt der Rosamunde Pilcher bildhaft wider. Bild: ZDF

Früher, in den 1950er und 1960er Jahren, hießen sie Sonja Ziemann und Rudolf Prack, Gunther Philipp und Connie Froboess. Heute heißen sie Hardy Krüger junior und Sophie Schütt, Matthias Schloo und Eva Habermann. Damals streiften sie vorzugsweise durch den Schwarzwald oder die bayerischen Berge. Heute sind ihre Geschichten meist auf den saftig-grünen Wiesen Irlands oder an der malerischen Küste Schwedens angesiedelt.

Was dem deutschen Fernsehzuschauer einst die klassischen Heimatfilme à la Wo der Wildbach rauscht und Die Christel von der Post waren, sind ihm dieser Tage die bewegten und bewegenden Romanschnulzen nach den literarischen Vorlagen von Rosamunde Pilcher, Inga Lindström und Kolleginnen: Gefühlsduselige Schmonzetten, die Titel tragen wie Gezeiten der Liebe und Entscheidung des Herzens, Wind über den Schären oder Sprung ins Glück. Verfilmungen überbordender Romantik, die zu Gunsten triefender Emotionen oftmals einen akuten Mangel an weltlichem Realitätsbezug erkennen lassen.

Und dennoch – oder gerade deshalb – sitzen schon seit Jahren immer wieder sonntags Millionen von Menschen vor ihren Bildschirmen, um sich in die phantastische Romanzen-Galaxie der Pilchers und Lindströms beamen zu lassen, die sich vor allem aus ganz viel Liebe und jugendfreier Leidenschaft, vorübergehender Tragik und dem großen finalen Glück zusammensetzt. Denn am Ende wird doch immer alles gut.

Weichgezeichnet und aufgehübscht

«Und genau darum geht es», sagt Jon Christoph Berndt. Auch dem Münchener Markenexperte ist die große Beliebtheit, derer sich die TV-Schmonzetten seit geraumer Zeit ungebrochen erfreuen, der «regelrechte Run auf diese» nicht verborgen geblieben. In seinen Augen sind die immer gleich funktionierenden Romanverfilmungen ganz klar eine eigene Marke. Mit der Aussage: «Kauf mich – also, schau mich an! Und Du bekommst etwas dafür: nämlich ein gutes Gefühl», erläutert Berndt.

Und das in den Zeiten von Finanzkrisen, Terrorangst und Klimaverschmutzung. «Allen geht es schlecht: der Welt, der Gesellschaft, mir», fügt Berndt an. «Wie kann es mir also besser gehen?» Nun, eine Möglichkeit sind dem Markenexperte zufolge eben die TV-Romanzen. Denn glaubt man deren Schöpferinnen, geht es besser. «Die Geschichten geben Sicherheit in unsicheren Zeiten», sagt er. Überwiegend Frauen ab 25. Nach oben sei der primären Zielgruppe indes keine Altersgrenze gesetzt. Hinzu komme, dass viele von ihnen allein wären. Oder sich derart fühlten. «Was allerdings nicht mit einsam gleichzusetzen ist», betont der Markenexperte.

Krisen treten immer häufiger auf und werden immer unberechenbarer. Dem gegenüber böte die Heititeiti-Atmosphäre der schönen neuen heilen Welt von Pilcher und Co. Chancen, zu fliehen, aus dem trostlosen Alltag – zumindest kurzzeitig – auszubrechen. Sich den Wunsch nach dem funktionierenden Leben wenigstens in der stellvertretend abgebildeten Phantasie zu erfüllen.

Gestaltet nach dem stets gleichen Muster – mit hohem Wiedererkennungswert und geschöntem Identifikationspotential. «Es werden opulente, doch ganz einfache Geschichten erzählt», sagt Berndt. Und komplett austauschbare. «Weichgezeichnet und aufgehübscht. Man verpasst nichts, auch wenn man erst in der 70. Minute reinschaltet. Man hat schnell raus, wer in wen verliebt ist. Wer schwer krank ist, aber sehr wahrscheinlich geheilt werden kann. Wer wen mit wem betrügt. Und wer trotz all dem am Ende glücklich vereint sein wird.» Überraschungen gibt es keine, schon gar nicht am Schluss der Erzählungen. Gut und Böse – falls vorhanden – sind klar zu unterscheiden.

Traumwelten aus dem Hochglanz-Katalog

Wie schon vor 50, 60 Jahren beinhaltet die Handlung – in deren Fokus häufig Ärzte oder Adelige stehen – neben zahllosen schmachtenden Blicken und den mannigfaltigen Widrigkeiten einen Katalog musterhafter Bilder von unberührten Landschaften. Auf denen Irland und Schweden schöner sind als ihre eigenen Idylle-Klischees. Wie im hochglanzpolierten Reiseprospekt.

«Die heutigen Filme sind nichts anderes als Das Wirtshaus im Spessart», sagt Berndt. Motive und Momente kehren wieder. «Natürlich dem Zeitgeist angepasst.» Sowie angesichts der deutlich höheren Mobilität der Menschen geographisch weiter entfernt beheimatet. «Wodurch letztlich auch die Entfernung zur Realität größer wird», ergänzt der Markenexperte. Damals ging es darum, die schrecklichen Kriegsjahre und die entbehrungsreiche Zeit danach vergessen zu machen, respektive den Blick auf das Wirtschaftswunder und den Aufschwung zu lenken. Um zu zeigen, dass die Welt eben doch noch in Ordnung sein – oder wieder kommen – kann.

Nur tragen die Charaktere heute keine Schwarzwälder Trachten und fangen nicht unvermittelt im Wald an, zu singen. Vielmehr bevorzugen sie häufig gediegende Landhausmode und den legeren Schlabber-Look von Künstlern oder Bauern. Dazu entlocken sie ihren Geigen mit Vorliebe typisch-irische Klänge, während im Hintergrund frisch gestriegelte Pferde, ihre vermeintliche Freiheit genießend, über die weiten Weiden galoppieren. Die stereotype Volkstümelei darf schließlich auch vor der Jetzt-Zeit nicht Halt machen.

Wer trotzdem Lust auf einen sonntäglichen Kurztrip in die heile Traumwelt hat, kann diesen am Sonntagabend des 19. Dezember unternehmen: Wenn es um 20.15 Uhr im ZDF heißt Lords lügen nicht – nach Rosamunde Pilcher.

cvd/news.de

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