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Von news.de-Redakteur Frank Meinzenbach - 31.05.2009, 11.26 Uhr

Die Zukunft des Telefons: «Das Festnetz stirbt nicht aus»

Tausende Deutsche kündigen monatlich ihren Festnetzanschluss bei der Telekom und telefonieren über das Internet oder per Handy. Das Festnetz wird sich technisch wandeln. Telekomexperte Michael Maruschke erklärt, was auf die Kunden zukommt.

Das Festnetz stirbt nicht aus, es wird sich grundlegend verändern. Bild: news.de

Herr Maruschke, immer mehr Menschen kündigen ihren Festnetzanschluss und steigen auf das Handy um. Wird das Festnetz aussterben?

Michael Maruschke: Das Festnetz wird nicht aussterben. Doch das Handy gewinnt an Bedeutung, es wird auf eine Koexistenz hinauslaufen. Die Gewichtung wird sich hier jedoch verschieben, und zwar in Richtung Handy. Das liegt vor allem an der besseren Mobilität und den vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten (z.B. GPS) der Handys. Es liegt nicht daran, dass die Leute keinen Festnetzanschluss mehr wollen. Dennoch sollte man hier nicht so eine strenge Grenze ziehen.

Meinen Sie, dass Handy und Festnetztelefon zusammenwachsen werden?

Maruschke: Nein, das nicht. Was viele nicht wissen: Mobilfunk- und Festnetz sind eigentlich nicht so weit auseinander. Im Hintergrund läuft die Kommunikation über die gleiche Technik, wir nennen das das Kernnetz. Der Unterschied zwischen dem Handy und dem Festnetztelefon besteht eher im letzten Stück zum Kunden, das bezeichnen wir als die «letzte Meile». Die letzte Meile ist beim Handy über die Luft und beim Festnetz über einen festen Draht in der Erde geregelt.

Was wird dann zusammenwachsen?

Maruschke: Vereinfacht gesagt: Das Internet und die Telefonie – egal ob über Festnetz oder das Handy. Das geschieht über eine technische Umstellung in dem eben genannten Kernnetz. Bisher beruhen Telefonnetz und Internet technisch auf zwei unterschiedlichen Systemen. In Zukunft werden Telefongespräche dann auf derselben Basis wie das Internet abgewickelt, man nennt das IP-basiert.

Welche Vorteile entstehen daraus?

Maruschke: Zunächst einmal versprechen sich die Telekommunikationsunternehmen dadurch Einsparungen, da sie nur noch eine Ebene betreiben müssen. Abgesehen davon ist der Wechsel notwendig: Für die alte Telefontechnologie gibt es keine Anlagen mehr, die Firmen haben die Entwicklung eingestellt. Die derzeitigen Anlagen sind stabil, aber technisch veraltet. Man kann hier von einem Oldtimereffekt sprechen.

Werden die Kunden von diesem Wechsel etwas merken?

Maruschke: Es braucht niemand Angst haben, dass sein Telefon auf einmal nicht mehr funktioniert. Es handelt sich hier um einen Wechsel der Technologie im Hintergrund. Die Telefonunternehmen werden sicherstellen, dass auch die alten Telefone weiter funktionieren. Eventuell kann es sein, dass man eine Box zwischen sein Telefon und die Telefonbuchse stecken muss.

Wenn das Telefon auf derselben Basis wie das Internet funktioniert – was ist dann alles möglich?

Maruschke: Wenn die derzeit noch bestehende Wand zwischen Internet und Sprachübertragung eingerissen wird, eröffnet das völlig neue Möglichkeiten. Derzeit wird zum Beispiel daran gearbeitet, die Statusmeldungen von Chat-Diensten wie ICQ zu übernehmen. So kann der Besitzer des Telefons gezielt signalisieren: «Bin gerade beschäftigt» oder «Melde dich bei mir». Und das sind nur erste Ansätze. Wir können uns bisher nicht einmal vorstellen, was findige Programmierer sich noch alles einfallen lassen. Handy- und Festnetztelefonie wird mit interessanten Lösungen des bisherigen Web und des Web 2.0 verbunden.

Diese technischen Neuerungen sind spannend. Doch gibt es auch etwas, was für das alte Festnetz spricht?

Maruschke: Das neue IP-basierte Netzwerk muss zunächst einmal die Stabilität des alten Netzes schaffen. Hier liegt die Ausfallsicherheit irgendwo bei 99,999 usw. Prozent, das heißt die Wahrscheinlichkeit, dass das Netz ausfällt, ist extrem gering. Die neue Technologie braucht mehr Software und ist damit auch anfälliger.

Die Stabilität ist das eine, wie sieht es mit der Sprachqualität aus?

Maruschke: Das ist natürlich eine Herausforderung, die gelöst werden muss. Das Problem ist hier, dass Internet und Sprache über einen Kanal laufen. Das muss man sich wie eine Autobahn vorstellen mit einer bestimmten Anzahl von Spuren. Auf dieser Datenautobahn konkurrieren dann Sprachpakete mit klassischen Internetanwendungen. Dabei kann es zu Staus kommen - und dann kommen die Sprachpakete nicht rechtzeitig an, kurze Aussetzer drohen. Im Prinzip hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man baut breitere Autobahnen oder man installiert einen Verkehrspolizisten, der den Verkehr regelt und den Sprachpaketen die Vorfahrt einräumt. Die normale Verzögerung bei der Sprachübertragung ist weniger als eine Viertel Sekunde; was drüber liegt empfinden wir bereits als nervige Pause.

Michael Maruschke forscht und lehrt an der Hochschule für Telekommunikation Leipzig (www.hftl.de), die von der Deutschen Telekom betrieben wird. Der 46-Jährige ist Experte für Netzinfrastruktur und erforscht die Telefon- und Internetnetze der Zukunft.

ham

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