Von news.de-Redakteur Philip Seiler - 16.04.2011, 10.13 Uhr

Röhrl über Schumi: «Ich wäre daran zerbrochen»

Walter Röhrl ist für den Rallyesport das, was Michael Schumacher für die Formel 1 ist. Im news.de-Interview spricht er über den Rekordweltmeister und seinen neuen Liebling Sebastian Vettel. Außerdem verrät er, warum er Siegerehrungen hasst und auch mit 64 noch den Kick braucht.

Zwei Legenden ihrer Sportart: Walter Röhrl (links) und Michael Schumacher. Bild: news.de/dpa/imago (montage)

Herr Röhrl, Sebastian Vettel hat die ersten beiden Rennen der Formel 1 gewonnen. Ist er in dieser Saison überhaupt noch zu aufzuhalten?

Walter Röhrl: Die beiden Auftakterfolge sprechen natürlich für Red Bull. Das Team hat im Moment das beste Paket - was das Auto und den Fahrer betrifft. Auch in Shanghai hat Red Bull die besten Karten. Denn wie will die Konkurrenz den Vorsprung im Hinblick auf das Auto in ein paar Tagen aufholen? Dennoch muss man mit Prognosen vorsichtig sein. Die anderen Teams werden Tag und Nacht mit Hochdruck versuchen, den Vorteil für sich zu buchen.

FOTOS: Motorsport Rallye Monte Carlo - Die Mutter aller Rallyes

Wen sehen Sie als härtesten Konkurrenten um die WM?

Röhrl: Im Moment deutet alles auf McLaren hin. Erstens ist das Team mit Lewis Hamilton und Jenson Button fahrerisch sehr gut aufgestellt. Zweitens ist es technisch gut drauf. Aber die Formel 1 ist ein kurzlebiges Geschäft. Das kann sich alles sehr schnell wieder ändern.

Warum können sich die Kräfteverhältnisse so schnell ändern?

Röhrl: Das große Geheimnis in der Formel 1 ist der Windkanal. Die Teams verbringen 24 Stunden am Tag dort. Da wird gesucht und gefeilt und irgendwann macht einer wieder eine Entdeckung und verschafft sich dadurch Vorteile. Da muss auch Red Bull immer am Ball bleiben. Mark Webber wurde beim Start in Malaysia nach hinten durchgereicht, weil sein KERSKinetic Energy Recovery System nicht funktioniert hat. Sebastian hatte das Glück, dass ihm das erst nach der Hälfte des Rennens passierte.

Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo hat diese Arbeit im Windkanal kritisiert und gesagt, in der Formel 1 wäre «alles zu künstlich». Stimmen Sie ihm zu?

Röhrl: Beim Rennsport war es schon immer so. Wenn du kein gutes Auto hast, hilft Dir alles nichts. Nirgendwo sieht man das so klar wie in der Formel 1. Das beste Beispiel ist Michael Schumacher. Deshalb habe ich auch den Rallyesport gewählt. Wenn es bei Eis und Schnee bergab geht, dann ist das Auto nicht so wichtig. (lacht)

Sie haben Sebastian Vettel in Melbourne kennengelernt. Was hatten Sie menschlich von ihm für einen Eindruck?

Röhrl: Ich hatte schon vorher den Eindruck, dass er ein sympathischer Kerl ist. Aber beim Treffen hat er mich wirklich beeindruckt. Sebastian ist dermaßen bodenständig und legt eine unglaubliche Selbstsicherheit und Coolness an den Tag. Im Vorfeld wurde gesagt, dass Sebastian mich unbedingt kennenlernen möchte, weil er dauernd meine Videos anschaut. Da habe ich mir gedacht: Der wird andere Sorgen haben, als so einen alten Deppen wie mich zu treffen. Aber es war wirklich so. Er ist sofort auf mich zu gestürmt und hat mich immer wieder gefragt: «Können wir noch ein Foto miteinander machen?»

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Er hat Sie anschließend sogar auf der Pressekonferenz erwähnt.

Röhrl: Das war unvorstellbar. Er ist scheinbar ein richtiger Fan von mir und hat sich mit Motorsportgeschichte beschäftigt. Als ich aktiv gefahren bin, war er ja noch gar nicht geboren.

Sind Sie jetzt auch selbst ein richtiger Vettel-Fan?

Röhrl: Ja, natürlich. Als Deutscher war ich vorher auch schon Fan. Aber nachdem ich ihn dann kennengelernt habe, hat sich das noch verstärkt. Das zweite Saisonrennen in Malaysia habe ich in Hobart verfolgt (Walter Röhrl nahm dort am Rallye-Event Targa Tasmania teil, Anm. d. Red.). Dass er seine Gegner dort auch wieder so souverän im Griff hatte, hat mich riesig gefreut.

Haben Sie bei Vettel auch Parallelen zu sich selbst entdeckt?

Röhrl: Ich war immer einer, der mit beiden Beinen auf dem Boden stand und eher im Hintergrund geblieben ist. Das ist bei Sportlern heute fast gar nicht mehr der Fall - nicht nur im Motorsport. Kaum können sie geradeaus laufen, meinen viele, sie wären die großen Stars. Sebastian ist aber auf dem Teppich geblieben und das macht ihn auch für die Leute interessant. Michael Schumacher hat immer eher arrogant gewirkt, vielleicht auch als Selbstschutz. Das ist bei Sebastian gar nicht der Fall. Selbst in Melbourne hat er die Leute sofort für sich gewonnen, obwohl er den Australiern wegen der Rivalität mit Mark Webber eigentlich ein Dorn im Auge ist.

Michael Schumacher hat insgesamt sieben WM-Titel geholt. Hat Vettel das Zeug, in seine Fußstapfen zu treten?

Röhrl: In seinen ersten beiden Jahren ist er mindestens auf einem Level mit Schumacher gefahren. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied. Heute gibt es mehr gute Formel-1-Fahrer als zur Zeit von Schumacher. Da war zur Anfangszeit nur Ayrton Senna, der leider verunglückt ist. Heute sind da Fernando Alonso, Lewis Hamilton, Jenson Button etc. Das kann man als Vorteil oder auch als Nachteil für Vettel sehen.

Michael Schumacher hat nach dem neunten Platz im Vorjahr zu Saisonbeginn erneut enttäuscht. Hätte er Ihrer Meinung nach lieber auf sein Comeback verzichten sollen?

Röhrl: Das muss jeder selbst wissen. Aber ich hätte das nie im Leben gemacht. Wenn mir die Konkurrenz plötzlich um die Ohren gefahren wäre, dann hätte ich vergessen, dass ich einmal gut Auto gefahren bin. Ich wäre an dieser Situation zerbrochen.

Lesen Sie auf Seite zwei, warum Walter Röhrl Siegerehrungen hasst

Sie haben auch Nico Rosberg als «Prachtbursche» gelobt.

Röhrl: Wenn er nicht bei Michael Schumacher im Team wäre, wäre mir das vielleicht nicht so stark aufgefallen. Aber einen Schumacher fast in jedem Training in die Schranken zu weisen, das kennzeichnet die Qualität, die er hat.

Welche Chancen hat Mercedes in dieser Saison noch?

Röhrl: Das ist die große Frage. Ich schätze die Fähigkeiten von Ross Brawn (Mercedes-Teamchef, Anm. d. Red.) sehr hoch ein. Wenn man zurückblickt, war er in der Formel 1 immer dabei, wenn etwas gewonnen wurde. Ich hoffe, dass ihm vielleicht bald ein Geistesblitz kommt, damit Mercedes wieder vorne mithalten kann. Im Moment wird das Team aber eher schlaflose Nächte haben (lacht).

Sie werden von vielen als bester Rallyefahrer aller Zeiten bezeichnet. Wieso haben Sie es eigentlich nie in der Formel 1 versucht?

Röhrl: Dafür gab es im Prinzip zwei Gründe. Erstens wollte ich keine Rundstrecken fahren, weil die Leistung des Autos dabei zu sehr im Vordergrund steht. Der zweite Grund war, dass mir dort zu viele Zuschauer waren. Ich will nur für mich wissen, ob ich gut bin. In der Nacht durch den Wald - das ist genau das richtige für mich. Letzteres war natürlich naiv. In den 1980ern hatten wir in der Rallye sogar wesentlich mehr Zuschauer als die Formel 1. Zu einem WM-Lauf kamen zwei Millionen Fans. Damit habe ich dann gelernt, umzugehen. Aber gern habe ich das nie gemacht.

Warum nicht?

Röhrl: Eine Siegerehrung ist für mich das Schlimmste, was es gibt. Zurzeit habe ich nur Ärger, weil ich verschiedene Ehrungen nicht besuchen will. Jetzt soll ich den Bayerischen Sportpreis bekommen. Vom Ministerpräsidenten ist am Donnerstag der Brief gekommen. Da schäme ich mich.

Warum schämen Sie sich für etwas, das Sie geleistet haben?

Röhrl: Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt nichts mehr mache, wofür ich gelobt werden sollte. Als ich damals noch aktiv Rallye gefahren bin, habe ich das gerade noch ertragen. Aber für diesen Kult habe ich wenig Verständnis. Ich habe ja zuvor meinen Spaß gehabt und es für mich gemacht, und nicht um der große Meister zu sein und bejubelt zu werden. Aber vielleicht ist das auch eine Erziehungsfrage.

Niki Lauda nannte Sie ein «Genie auf Rädern», ihr Fahrstil wurde auch einmal mit Klavierspielen verglichen. Würden Sie sagen, dass Rallyefahren im Vergleich zur Formel 1 anspruchsvoller und eine Art Kunst ist?

Röhrl: Es ist auf jeden Fall intuitiver und vom Gefühl geleitet. Bei der Rundstrecke hast du 14 Kurven und weißt, welche Linie du fahren musst. Du fühlst aber immer, wo die Grenze ist. In der Rallye kommst du aber nur einmal an jeder Stelle vorbei und musst dich entscheiden, ob du 85 oder 103 Prozent vom Maximalen triffst. Wenn du aber abfliegst, geht der Baum nicht auf die Seite. Dann ist die Rübe ganz schnell weg. Darum glaube ich, dass die Fahrer in diesem Sport zum Beispiel auch ernsthafter sind.

Sie sind mit 64 noch immer bei vielen Veranstaltungen am Start. Warum lässt Sie der Sport nicht los?

Röhrl: Ich habe diesen Gedanken im Kopf: Wenn ich es nicht mehr mache, dann verliere ich diese Fähigkeit. Ich bin aber auch gerade an einem Scheidepunkt und frage mich: «Wie alt muss ich noch werden, damit ich das aufgebe?». Da kämpfe ich ständig mit mir selbst. Als in Tasmanien bei der ersten Veranstaltung ein paar Fahrer schneller waren, habe ich mir zwischendurch gesagt: «Jetzt reicht's.». Dann hat es zwei Tage geregnet. Und plötzlich waren alle anderen wieder Welten langsamer als ich. Ich habe mir einmal vorgenommen: Ich fahre solange, bis ich feststelle, dass einer im gleichen Auto schneller fährt.

Das hört sich so an, als wären Sie immer noch so ehrgeizig so früher?

Röhrl: Das Schlimme ist, dass ich immer noch den gleichen Spaß wie vor 40 Jahren habe. Da bin ich wie ein kleiner Bub. Aber irgendwann muss ich sagen: «Jetzt bin ich ein alter Mann und bleibe zu Hause.»

Walter Röhrl gilt als einer der besten Ralleyfahrer aller Zeiten. 1980 und 1982 wurde er Weltmeister, zwischen 1980 und 1984 konnte er viermal die Rallye Monte Carlo gewinnen - auf vier verschiedenen Fabrikaten. In Italien wurde der gebürtige Regensburger zum «besten Rallyefahrer aller Zeiten», in Frankreich zum «besten Rallyefahrer des Millenniums» gewählt. Heute nimmt der 64-Jährige noch immer an Rallye-Wettbewerben teil und arbeitet als Repräsentant und Versuchsfahrer für Porsche.

oro/news.de

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