Von news.de-Redakteurin Julia Zahnweh - 17.12.2010, 09.56 Uhr

Nazan Eckes: «Deutschland wird immer meine Heimat bleiben»

Nazan Eckes ist Deutschlands schönstes Fernsehgesicht. Ihre Eltern kamen in den 1960er Jahren als Gastarbeiter ins Land. Im news.de-Interview erzählt sie, was sie von Thilo Sarrazin hält und ob wir reif für einen türkischstämmigen Kanzler sind.

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Sie waren in der Sendung von Sandra Maischberger zu Gast. Thema war die aktuelle Integrationsdebatte. In der Talkrunde saß auch Thilo Sarrazin. Was halten Sie von ihm?

Eckes: Einige seiner Thesen haben mich sehr erschrocken, vor allem die zur genetischen Veranlagung. Mich hat aber vielmehr geärgert, dass sich so viele Menschen seiner Meinung angeschlossen haben, bevor das Buch überhaupt auf dem Markt war. Ohne zu wissen, was für ein Gedankengut Sarrazin darin verbreitet. Zu erkennen, wie schnell ein Großteil der Bevölkerung dazu bereit ist, sich jemandem so völlig kritiklos anzuschließen, das hat mich wirklich schockiert. Nach vielen Gesprächen bin ich aber auch zu der Erkenntnis gekommen, dass das vielmehr ein Ruf nach einer transparenten und offenen Diskussion war.

Wie erleben Ihre Eltern, die in den 1960er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind, die aktuelle Debatte?

Eckes: Meine Eltern haben viel weniger empfindlich reagiert als ich. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass meine Eltern in ihrem Leben viel mehr mit Diskriminierung zu tun hatten. Ich führe ein sehr selbstbestimmtes und selbstverständliches Leben. Durch die liberale Erziehung meiner Eltern bin ich schon als Kind immer sehr aufgeschlossen auf andere Menschen zugegangen. Sicherlich auch ein Grund, warum ich als Kind nie ausgegrenzt wurde oder andere unangenehme Dinge erlebt habe. Aber mein Vater hat sich als Gastarbeiter in den Fabriken blöde Sprüche anhören müssen. Er hat zu spüren bekommen, dass er hier nicht willkommen war. Die sehr emotionale und aggressive Debatte der letzten Monate ist nichts Neues für meine Eltern. Der Umkehrschluss aber, dass etwa ein Mesut Özil in Deutschland Erfolg hat oder ich als ihre Tochter, das macht sie wiederum wahnsinnig glücklich.

Auch Sie haben ein Buch geschrieben. In Guten Morgen Abendland beschreiben Sie, wie Sie als Tochter türkischer Gastarbeiter in Deutschland aufgewachsen sind. Ihre Biografie beweist, dass Multikulti nicht gescheitert ist, wie Frau Merkel erst vor kurzem noch behauptet hat. Was glauben Sie, haben Sie und ihre Familie anders und besser gemacht als andere türkische Einwanderer?

Eckes: Mir ist an dieser Stelle immer wichtig zu betonen, dass ich mich nicht als große Ausnahme sehe. Ich falle sicherlich mehr auf als andere, weil ich durch meinen Job in der Öffentlichkeit stehe. Aber wenn ich mich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis umschaue, dann sehe ich da wahnsinnig viele erfolgreiche Menschen, die wie ich Kinder von Gastarbeitern sind. Sie haben ihr Leben in die eigene Hand genommen und sind zu einem festen Bestandteil der deutschen Gesellschaft geworden. Das ist für mich die Bestätigung, dass es die Menschen, die immer vermisst werden, längst gibt.

Aber was ist deren Erfolgsrezept?

Eckes: Sie alle haben eine Gemeinsamkeit: Ihre Eltern haben nicht zu denen gehört, die gesagt haben: «Wir sind in diesem Land zu Gast und wir wollen so schnell wie möglich wieder weg». Unsere Eltern haben Deutschland als Chance begriffen und nicht als Nachteil.

Was müsste sich in Deutschland ändern, dass viel mehr Menschen mit Migrationshintergrund ihre Chancen wahrnehmen?

Eckes: Zum einen muss man endlich mit den gegenseitigen Schuldzuweisungen aufhören. Zum anderen dürfen meine Landsleute sich nicht andauernd als Opfer betrachten. Grundsätzlich geht es immer um die innere Einstellung, mit der man in die Welt hinausspaziert. Migranten müssen selbstbewusster werden und sich auch nach der 50. Jobabsage nicht von ihren Karriereplänen abhalten lassen. Gleichzeitig muss auch die deutsche Gesellschaft jedem Ausländer das Gefühl geben, dass er in diesem Land willkommen ist - sofern er etwas zur Gesellschaft beiträgt. Es muss sich etwas in unserem Land ändern, sonst verschenken wir wieder eine Generation. Wenn die Kinder, die jetzt einen Kindergarten oder eine Grundschule besuchen, bereits das Gefühl haben, dass sie sich nicht integrieren müssen, weil sie hier eh nicht gewollt sind, dann werden wir uns in zwanzig Jahren wieder fragen, was wir mit diesen Leute nun anstellen sollen.

Könnten Sie sich vorstellen, Deutschland zu verlassen?

Eckes: Ich habe hin und wieder mit diesem Gedanken gespielt. Ich bin in zwei Kulturen aufgewachsen und die Türkei wird wie Deutschland immer meine Heimat bleiben. Ich habe mich schon vor Jahren für Deutschland entschieden und ich denke, dass ich weiterhin hauptsächlich hier leben werde. Ich kann aber auch viele meiner Landsleute verstehen, die Deutschland verlassen. Sie haben hier studiert, arbeiten seit dreißig Jahren hier und sprechen perfektes Deutsch, müssen sich aber für jeden Ehrenmord, der irgendwo passiert, rechtfertigen, obwohl das mit ihrer Lebensrealität auch nichts zu tun hat. Für jemanden, der aus keiner fremden Kultur stammt, ist es wahnsinnig schwer zu verstehen, dass sich dieses Ständig-Erklären-Müssen auf Dauer wirklich nervig ist.

Braucht Deutschland einen deutschen Obama? Würde Cem Özdemir als erster deutscher Kanzler mit Migrationshintergrund mehr für die Integration bringen als alles andere?

Eckes: Wenn es jemals einen Kanzler mit Migrationshintergrund gäbe, dann wäre das der letzte Beweis, dass in Deutschland wahnsinnig viel richtig gemacht worden wäre. Doch bis dahin muss noch sehr viel in die Wege geleitet werden. Ich glaube, dass Deutschland momentan für einen türkischstämmigen Kanzler noch nicht bereit ist. Die Verlustangst ist zu groß. Diese Angst ist eine typisch deutsche Eigenschaft - die Angst davor, seinen eigenen sozialen Status zu verlieren, die Angst davor sein eigenes Land zu verlieren. Deswegen funktioniert ein Buch mit dem Titel Deutschland schafft sich ab auch so gut. Sarrazin hat die Urangst der Deutschen angesprochen. Wenn man diese Angst auflösen könnte, zeigen könnte, dass es gar nicht schlimm ist, wenn sich Kulturen vermischen, dann wäre schon viel erreicht.

Nazan Eckes ist am Freitag, 17. Dezember 2010, 22 Uhr in der MDR-Talkshow Riverboat zu Gast.

iwe/news.de

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