29.04.2021, 15.12 Uhr

Aktuelles Einsperrgesetz haltlos?: Studie fehlinterpretiert! DARUM zweifeln Experten an der Ausgangssperre

Es sei nachgewiesen, dass nächtliche Ausgangssperren wirksam bei der Pandemie-Bekämpfung seien, so die Regierung. Doch ARD-Recherchen zeigen, dass sich eine zentrale Studie der Uni Oxford nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen lässt.

Ist Angela Merkels Ausgangssperre haltlos? Bild: dpa

Es sei nachgewiesen, dass nächtliche Ausgangssperren ab einer Inzidenz von 100 wirksam bei der Pandemie-Bekämpfung seien, so die Begründung der Regierung für das derzeitige "Einsperrgesetz". Doch entspricht das tatsächlich auch der Wahrheit? Aktuelle ARD-Recherchen sagen Nein. Viele fragen sich nun: Ist Merkels Ausgangssperre etwa haltlos?

Studie zu Ausgangssperren offenbar fehlinterpretiert

Das zumindest lassen aktuelle Recherchen des ARD-Magazins "Monitor" vermuten, über die aktuell auch die "Bild" berichtet. Demnach würde sich eine für die Regierung zentrale Oxford-Studie nicht eins zu eins auf die aktuelle Situation in Deutschland übertragen. Darauf weisen die Studienautoren selbst hin und betonen eine "große Unsicherheitsmarge" und warnen vor "Fehlinterpretationen".

Tatsächlich gehört die sogenannte "Oxford-Studie" aber zu den zentralen Stützen der Argumentation und Begründung der Regierungsfraktionen für die Einführung nächtlicher Ausgangssperren. Sie käme zu dem Schluss, dass die Ausgangssperren geeignet seien, den R-Wert "um 13 Prozent zu senken", heißt es etwa auf der Homepage der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Oxford-Studie lässt sich nicht auf aktuelle Corona-Situation in Deutschland übertragen

Einer, der die Notwendigkeit von Ausgangssperren in Deutschland ebenfalls immer wieder mit Hinweisen auf die Studie begründet, ist SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Sie zeige, dass Ausgangssperren einen Effekt "von etwa 15 Prozent Senkung der Reproduktionsrate" haben würden. Für einen der Studienautoren, Sören Mindermann, sind derartige Aussagen "Fehlinterpretationen". Der Experte betont, dass die Studie große Unsicherheitsmargen habe und nicht einfach auf die derzeitige Situation in Deutschland übertragbar sei.

Darum lassen sich die Studienergebnisse nicht auf Deutschland anwenden

Was genau die Anwendung der Oxford-Studienergebnisse auf Deutschland so problematisch macht? Dafür gibt es verschiedene Gründe, wie Mindermann erklärt. Zum einen leitet die Studie die Effektivität von nächtlichen Ausgangssperren aus Daten aus verschiedenen europäischen Ländern ab. Hierbei wurden die untersuchten Ausgangssperren jedoch zu unterschiedlichen Tageszeiten eingesetzt. Zudem hätten diese unterschiedlich lange gedauert, stellen die Studienautoren klar. Es sei daher schwierig, unmittelbare Rückschlüsse auf ihre Wirkung für einzelne Länder zu ziehen.

Auch weist Sören Mindermann darauf hin, dass sich die Daten der Studie auf die zweite Corona-Welle beziehen. Das bedeutet auch, dass das veränderte Infektionsgeschehen, welches etwa durch die britische Mutante B.1.1.1 hervorgerufen wurde, nicht mit einbezogen wurde. Man könne die Ergebnisse daher "nicht einfach so auf die dritte Welle übertragen", warnt Mindermann. Insgesamt seien die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Wirksamkeit von nächtlichen Ausgangssperren uneinheitlich, so der Experte.

Untersuchung der Uni Gießen ergab: Nächtliche Ausgangssperre brachte keinen signifikanten Unterschied

Eine andere Untersuchung der Universität Gießen und der Mines ParisTech, über die "Monitor" ebenfalls berichtet, hat zum Beispiel verglichen, wie sich die Inzidenzen während der zweiten Welle in hessischen Landkreisen mit und ohne Ausgangssperren entwickelt haben. Wie Prof. Georg Götz, einer der Studienautoren gegenüber "Monitor" erklärt, habe man dabei "keinen statistisch signifikanten Unterschied in der Inzidenz-Entwicklung in den Kreisen mit und ohne nächtliche Ausgangssperre" gefunden.

Einsperrgesetz haltlos? So reagiert die Bundesregierung auf die ARD-Nachfrage

Und wie reagiert die Bundesregierung auf die vermeintlich haltlosen Ausgangssperren? Laut ARD-Magazin "Monitor" wollte die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD auf Anfrage keine Stellung dazu beziehen, warum die Große Koalition die Oxford-Studie zur Begründung der Ausgangssperren herangezogen hat.

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sba/bua/news.de

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