26.01.2021, 08.38 Uhr

Coronavirus-News zu Impfungen: Impfplan in Gefahr! Wo landen unsere Impfdosen wirklich?

Millionen Menschen in Deutschland warten sehnsüchtig auf ihren Termin für die Coronavirus-Impfung - doch die Pläne, in den kommenden Monaten in den Impfzentren durchzustarten, geraten ins Wanken. Liegt die Schuld bei der EU oder bei intransparenten Impfstoffproduzenten?

Zu wenig Impfdosen geordert, mysteriöse "Lieferengpässe" bei den Herstellern - der Impfplan der Bundesregierung gerät mächtig ins Wanken. Bild: picture alliance/dpa/KEYSTONE | Gian Ehrenzeller

Kurz nach Weihnachten begann in Deutschland der Impf-Marathon gegen das Coronavirus - und die Hoffnungen darauf, dass in Kürze ein Großteil der Bevölkerung vor Sars-CoV-2 geschützt sein würde, wuchsen. Seitens der Politik war die Rede davon, man wolle "bis Ende des Sommers jedem Bürger ein Impfangebot" unterbreiten - so bekräftigte es Bundeskanzlerin Angela Merkel vor wenigen Tagenmit Blick auf geplante Lieferungen und Zulassungen weiterer Impfstoffe.

"Impfangebot für alle" bis zum Herbst in Gefahr

Doch nun gerät die zügige Verteilung von Impfstoffen ins Stocken - sobald sich Zulassungstermine verschieben oder Lieferungen nicht wie vorgesehen eintreffen, bricht die Planung zusammen. Dazu kommt die Vermutung, nicht alle Hersteller könnten ihre Lieferungen fair und transparent abwickeln. Wegen der Knappheit bei Corona-Impfstoffen sollen deshalb alle Exporte solcher Mittel aus der Europäischen Union künftig erfasst und genehmigt werden. Dies kündigte die EU-Kommission am Montag an.

Weniger Impfdosen geliefert als bestellt: EU hat Zoff mit Biontech/Pfizer und Astrazeneca

Der Grund dafür liegt in den Liefermodalitäten zweier Impfstoffhersteller: Biontech/Pfizer und Astrazeneca. Beide Produzenten wollen plötzlich weniger Covid-19-Impfdosen liefern, als ursprünglich mit der EU vereinbart wurde. Biontech/Pfizer hat wegen des Umbaus eines Werks in Belgien einen kurzen Produktionsengpass angezeigt - nach EU-Angaben befristet auf die vergangene Woche. Die Liefermenge soll EU-weit diese Woche wieder 100 Prozent erreichen und der Ausfall rasch wettgemacht werden. In Deutschland kommt dies nach Angaben des Gesundheitsministeriums in einem anderen Rhythmus an: Vergangene Woche war demnach etwas mehr verfügbar, nämlich 842.400 statt 667.875 Dosen. Diese Woche sollen aber nur 485.550 Dosen kommen, ab 1. Februar dann schrittweise wieder mehr. Für die Woche ab 22. Februar sind 906.750 Dosen in Deutschland avisiert.

Hinzu kommt nun die Ankündigung von Astrazeneca, ebenfalls weniger an die EU-Staaten liefern zu können, und das in viel größerem Umfang. Der britisch-schwedische Konzern könnte am 29. Januar die Zulassung bekommen. Danach erwartete die EU eigentlich 80 Millionen Impfdosen bis Ende März. Doch nun sollen es nach EU-Angaben nur 31 Millionen sein. Begründung hier: Lücke in der Lieferkette in Belgien.

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Böser Verdacht! Schleust Astrazeneca zugesicherter Impfdosen an der EU vorbei?

Doch steht der Verdacht im Raum, vorproduzierte Impfstoffdosen könnten an andere Abnehmer außerhalb der EU bevorzugt verkauft worden sein. Kyriakides sagte: "Die EU will wissen, wo genau welche Dosen bisher von Astrazeneca produziert wurden und an wen sie geliefert wurden." Der CDU-Europapolitiker Peter Liese kritisierte, Astrazeneca liefere "offensichtlich in andere Teile der Welt, auch nach Großbritannien, ohne Verzögerung". Die EU verlangt Aufklärung seitens Astrazeneca und die volle Menge. Für den 27. Januar ist eine weitere Krisensitzung mit dem Hersteller geplant, wie Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides am Montagabend ankündigte.

Die Antworten der Firma seien bislang nicht befriedigend gewesen - weder in einer internen Sitzung mit den EU-Staaten am Nachmittag noch in einer weiteren Zusammenkunft am Abend. "Mit unseren Mitgliedstaaten haben wir von Astrazeneca eine detaillierte Planung für Impfstofflieferungen gefordert sowie die Zeitpunkte, wann die Verteilung an die Mitgliedstaaten stattfinden wird", schrieb Kyriakides auf Twitter.

EU pocht auf vollumfängliche Vertragserfüllung seitens Astrazeneca

Zuvor hatte sie gesagt, die EU wolle, dass die bestellten und vorfinanzierten Impfstoff-Dosen so bald wie möglich ausgeliefert werden: "Wir möchten, dass unser Vertrag vollständig erfüllt wird." Aus Kommissionskreisen hieß es abends, die EU fordere das Unternehmen auf, "das Lieferangebot für das erste Quartal deutlich nachzubessern". Von rechtlichen Schritten oder einer Klage ist aber noch nicht die Rede. Es gehe jetzt um die "rasche Auslieferung einer größtmöglichen Menge an Impfdosen".

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) forderte unterdessen in Berlin: "Wir müssen als EU wissen können, ob und welche Impfstoffe aus der EU ausgeführt werden. Nur so können wir nachvollziehen, ob unsere EU-Verträge mit den Herstellern fair bedient werden. Eine entsprechende Pflicht zur Genehmigung von Impfstoff-Exporten auf EU-Ebene macht Sinn."

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Dies verfolgt die EU-Kommission mit ihrem "Transparenzregister", das nach Angaben aus EU-Kreisen binnen weniger Tage eingeführt werden soll. Kyriakides sagte, alle Firmen, die Covid-19-Impfstoffe in der EU produzierten, müssten künftig vorab anmelden, wenn sie in Drittstaaten exportieren wollten. Humanitäre Lieferungen seien nicht betroffen.

Hat die EU zu wenig Coronavirus-Impfstoff vorbestellt?

Die Kommission steht selbst in der Kritik, weil sie Rahmenverträge mit den Herstellern ausgehandelt hat, vorerst aber nur relativ wenig Corona-Impfstoff in den 27 Ländern ankommt. Die Impfkampagne lahmt, während sich neue Virus-Varianten ausbreiten und die Staaten das tägliche Leben und auch das Reisen weiter einschränken.

Auch dazu machte die EU-Kommission einen Vorschlag. So sollen für bestimmte Länder und Regionen strengere Test- und Quarantäne-Regeln eingeführt werden. In Deutschland gelten schon seit Sonntag für mehr als 20 Länder mit besonders hohen Infektionszahlen neue Regeln bei der Einreise. Auch andere EU-Länder haben ihre Vorgaben schon verschärft.

Stiko-Chef Mertens: Impfstoff-Knappheit war "nicht vorhersehbar"

Lieferengpässe bei Corona-Impfstoffen sind nach Ansicht der Ständigen Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut nicht abzusehen gewesen. "Das ist sehr unerfreulich, gar keine Frage, aber das sind Dinge, die nicht in unserer Macht stehen", sagte der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens am Montag im ZDF-"Morgenmagazin". Die Herstellungsprobleme seien "letztlich nicht vorhersehbar" gewesen.

Zu der Zeit, als Vorverträge mit Herstellern gemacht worden seien, habe man nichts über die wirkliche Wirksamkeit der Impfstoffe gewusst. "Man musste mehrere Katzen im Sack kaufen, weil man nicht wusste, welcher Impfstoff zuerst zur Zulassung kommt", sagte Mertens. Die Stiko ist ein Expertengremium mit dem Ziel, Empfehlungen zu Impfungen auf Basis aktueller Forschung zu geben.

Astrazeneca: Berichte über schwachen Impfschutz bei Senioren falsch

Der britische Pharmahersteller Astrazeneca hat Berichte über eine sehr geringe Wirksamkeit seines Impfstoffs bei Senioren zurückgewiesen. Berichte, dass das Mittel bei Menschen über 65 nur eine Wirksamkeit von 8 Prozent habe, seien "komplett falsch", teilte ein Sprecher am Dienstagmorgen mit. Astrazeneca verwies unter anderem darauf, dass die Notfallzulassung der britischen Aufsichtsbehörde für Arzneimittel (MHRA) ältere Menschen mit einschließe. Eine Studie habe gezeigt, dass der Impfstoff auch bei Senioren eine starke Immunantwort auslöse. Allerdings heißt es in dieser Studie auch, dass es wegen geringer Fallzahlen noch zu wenig Daten zur Wirksamkeit bei älteren Menschen gebe.

Laut einem Bericht des "Handelsblatt" soll der Impfstoff des britisch-schwedischen Konzerns Astrazeneca eine Wirksamkeit von nur acht Prozent bei älteren Menschen haben. Die Zeitung bezieht sich dabei auf Koalitionskreise. Auch die "Bild"-Zeitung berichtete darüber.

Zoff um den Impfstoff: Vier Dinge, die man wissen muss

Wann kommt endlich meine Chance auf eine Corona-Impfung? Im Lockdown-Frust fragen sich das viele in Deutschland und anderen EU-Staaten. Großbritannien will bald rund um die Uhr gegen das Coronavirus impfen, in Israel geht es rasant voran, in den USA ebenfalls. Doch viele EU-Ländern hinken bei der Immunisierung ihrer Bürger hinterher. Zu wenig Impfstoff, zu späte Zulassung, zu schlechte Vorbereitung, zu viel Hin und Her - die Klagen sind vielfältig und der Schwarze Peter geht reihum. Einige Fakten:

Die EU-Staaten haben Zugriff auf 2,3 Milliarden Impfstoffdosen

Die EU-Kommission hat mit sechs Herstellern Rahmenverträge über die Lieferung von insgesamt 2,3 Milliarden Impfstoffdosen geschlossen - mehr als genug für die 450 Millionen Europäer. In die Entwicklung und den Aufbau von Produktionskapazitäten hat sie 2,7 Milliarden Euro gesteckt. Zwei Mittel sind inzwischen zugelassen: Von Biontech/Pfizer soll die EU bis zu 600 Millionen Dosen bekommen und von Moderna noch einmal 160 Millionen Dosen.

Deutschland hat mehr als 300 Millionen Dosen bestellt

Deutschland erwartet nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Biontech/Pfizer aus der EU-Bestellung 64 Millionen Dosen sowie über eine eigene "gesicherte Option" weitere 30 Millionen. Von Moderna sollen es noch einmal 50,5 Millionen sein. Bestellt hat Deutschland darüber hinaus: 56,2 Millionen Dosen von Astrazeneca; bis zu 73 Millionen Dosen von Curevac; und 37,25 Millionen Dosen von Johnson&Johnson.

Deutschland hat bisher fast nur Biontech/Pfizer genutzt

Die EU-Gesundheitsbehörde ECDC soll die Daten zu gelieferten und genutzten Impfstoffen der 27 EU-Staaten rasch zusammentragen und veröffentlichen, ist aber nach eigenen Angaben noch nicht ganz fertig. Für Deutschland veröffentlicht das Robert Koch-Institut regelmäßig die Daten. Bis einschließlich Sonntag waren 1,78 Millionen Impfstoffdosen verbraucht. Davon kam der allergrößte Teil, nämlich 1,76 Millionen Dosen, von Biontech/Pfizer. Von Moderna kamen rund 20 000 Einheiten. Die Zahl der Geimpften in Deutschland lag bei 1,55 Millionen, denn einige Menschen haben bereits ihre zweite Dosis bekommen.

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loc/news.de/dpa

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