Von kukksi - 28.04.2020, 15.05 Uhr

LINKEN-Fraktionschef Dietmar Bartsch im Interview: Gegen Schulöffnungen demonstrieren

Wir sprechen mit Politikern über das Coronavirus. Den Start macht Linke-Fraktionschef Dietmar Bartsch. Unter anderem wollten wir von ihm wissen, was er von der Maskenpflicht hält, ob die Ferien verkürzt werden sollten und wie sich für ihn der Alltag verändert hat.

Linke-Fraktionschef Dietmar Bartsch; Foto: Peter Endig Bild: Peter Endig/dpa

Halten Sie die Mundschutzpflicht für sinnvoll?

Bartsch: Inwiefern eine Alltagsmaske wirklich effektiv ist, kann ich nicht beurteilen – das ist bei Experten und Expertinnen umstritten. Auch steht zu befürchten, dass eine Maskenpflicht eine falsche Sicherheit vorgibt und wir so in eine neue Welle reingeraten. Fest steht aber: Wenn alle eine Alltagsmaske tragen, dann verringert sich die Ansteckungsgefahr. Vor allem junge Menschen können so Übertragungen auf Risikogruppen verhindern. Bei einer Maskenpflicht bin ich skeptisch, da ich der Meinung bin, dass der Staat, der so eine Pflicht ausspricht, auch allen Menschen entsprechend Masken zur Verfügung stellen muss – es kann nicht sein, dass auf private Maskenspenden gesetzt wird. Sonst wird auch die Maskenpflicht zur Klassenfrage.

Derzeit gibt es eine Debatte, ob die Ferien verkürzt werden sollen. Was halten Sie davon?

Bartsch: Die ganze Schuldebatte ist meiner Meinung nach etwas schräg. Viele Schülerinnen und Schüler sollen jetzt wieder in die Schule, obwohl die Hygienemaßnahmen nur schwer umzusetzen sind. Schulleiterinnen und Schulleiter werden damit alleine gelassen. Das ist fatal. Es war deswegen bemerkenswert und wichtig, das viele Schülerinnen und Schüler (digital) gegen die Schulöffnungen protestieren. Statt also jetzt über die Verkürzung der Sommerferien zu sprechen – wo niemand derzeit weiß, wie es in 2 Monaten aussieht! – sollte der Fokus darauf liegen, dass die Schulen fit gemacht werden und Risikogruppen in der Lehrer- und Elternschaft geschützt werden.

Größere Veranstaltungen sind bis zum 31. August 2020 untersagt – dazu zählen auch Festivals. Aber auch Clubs, Restaurants oder Kinos sind geschlossen. Müssen wir den ganzen Sommer auch darauf verzichten?

Bartsch: Ja. Leider. Wobei Restaurants unter strengen Auflagen eventuell teilweise öffnen könnten. Das wird sich zeigen. Mir ist bewusst, dass es gerade für junge Menschen ein harter Einschnitt ist, aber jede Großveranstaltung muss derzeit vermieden werden – in Berlin waren auch Clubs eine Quelle der Virenverbreitung. Das ist ein harter Einschnitt in die kulturelle Vielfalt unserer Gesellschaft, aber aktuell leider kaum zu verhindern. Auch hier ist es wichtig, dass wir die Vielfalt der Angebote in der Corona-Krise erhalten. Deswegen drängen wir als LINKE im Bundestag immer wieder auf die finanzielle Unterstützung von Künstlerinnen und Künstlern, aber auch anderen Selbstständigen in der Kultur- und Medienbranche.

Wie hat sich Ihr (Arbeits)-Alltag durch Corona verändert?

Bartsch: Um ehrlich zu sein: Ich bin froh, wenn ich keine Telefon- und Videokonferenzen mehr machen muss. Da jagt derzeit eine die andere. Natürlich hat sich auch mein Alltag stark verändert. Als Politiker spreche ich sonst viel auf Veranstaltungen – das fällt derzeit komplett weg. Auch die Arbeit im Bundestag ist anders. Wir treffen uns weniger, die Sitzungswochen sind verkürzt und drehen sich in erster Linie um Corona. Aber eins ist mein großes Glück: ich lebe im schönen Mecklenburg-Vorpommern. Ich kann also mehr Zeit in der Natur und am Meer verbringen.

Worüber denken Sie gerade nach, was nicht mit Corona zu tun hat?

Bartsch: Ehrlich gesagt dreht sich das meiste um Corona, vor allem um die Zeit danach. Wie sieht unsere Gesellschaft dann aus? Wie können wir diese Zeit nutzen, um mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schaffen? Wer bezahlt die Krise? Wie geht es mit der EU weiter? Ansonsten bin ich großer Sport-Fan – da gibt es derzeit nicht viel. Was vollkommen richtig ist. Die Bundesliga mit Geisterspielen zu organisieren, finde ich problematisch – auch wenn ich den Stadionbesuch wirklich sehr vermisse.

Teenager schauen derzeit vor allem Streamingdienste. Wie sieht ihr Tagesablauf aus, wenn Sie mal frei haben oder haben Sie Tipps für zu Hause?

Bartsch: Als jemand, der aus Vorpommern kommt, ist es für mich einfach zu sagen: Natur und Ruhe genießen! Ansonsten lese ich viel mehr, habe drei Bücher in für mich kurzer Zeit durch. Albert Camus „Die Pest", vom „Klassengegner" Ulf Poschardt „Mündig" und ein Nicci French-Buch. Sehnsüchtig warte ich darauf, wieder (aktuellen) Sport im Fernsehen gucken zu können.

Über Dietmar Bartsch

Dietmar Bartsch wurde 1958 in Stralstund geboren. Er studierte Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule für Ökonomie in Berlin und beendete diese als Diplom-Wirtschaftswissenschaftler. Anschließend war Dietmar Bartsch an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften in Moskau. Später war er Geschäftsführer bei den Verlagen „Junge Welt" und „Neues Deutschland". Im Jahr 1991 wurde er Schatzmeister der PDS, später dann Bundesgeschäftsführer der PDS, Linkspartei.PDS und DIE LINKE. Von 1998 bis 2002 und seit 2005 ist er Mitglied im Deutschen Bundestag, war von 2010 bis 2015 stellvertretender Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag und ist derzeit Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag.

kukksi/lic/news.de

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