28.10.2019, 09.38 Uhr

John Bercow: Mr. Speaker - Out of Ordeeeeer!!!

ORDER! - Dieser Aufruf machte ihn weltweit bekannt! Mit 31. Oktober tritt John Simon Bercow als "Speaker" des britischen Unterhauses zurück!

John Bercow Bild: picture alliance/House Of Commons/PA Wire/dpa

Keiner seiner Vorgänger genoss über die Partei-Grenzen hinaus ein derart großes Ansehen, einen solch hohen Bekanntheitsgrad und einen unglaublichen ureigenen Witz, der auch die langweiligste Sitzung des House of Commons interessant machte: Mr. Speaker, John Bercow, wird am 31. Oktober sein Amt zurücklegen! Die Schuhe, die er hinterlässt, werden für viele seiner Nachfolger viel zu gross sein!

Vor ihm kuschten auch die Prime-Minister

Im Jahr 2009 wurde John Bercow zum Präsidenten des britischen Unterhauses gewählt. Nicht weniger als vier Premierminister sah er kommen und gehen: Gordon Brown, David Cameron, Theresa May und schliesslich Boris Johnson. Zwischen ihnen und Bercow entwickelte sich eine Art Hass-Liebe: Als Regierungschef(-in) oblagen jedem/jeder der Genannten die Geschicke des Landes. Doch wenn der "Dickschädel mit Wortwitz" im Unterhaus unterbrach, so mussten auch die Mächtigsten auf den britischen Inseln klein beigeben. Mr. Speaker war der unumstrittene Star dieser politischen Show. Mit Sprüchen wie "Versuchen Sie Ruhe zu bewahren und verhalten Sie sich wie ein Erwachsener oder raus hier!" wies Bercow auch den unwilligsten Rabauken unter den Parlamentariern in seine Grenzen. Das machte ihn zur Kultfigur - weit über die Grenzen Grossbritanniens hinaus.

John Bercow privat

Bercow wurde am 19. Januar 1963 in Edgware/Middlesex als Sohn eines Taxilenkers geboren. Seine Leidenschaft gehörte dem Tennis - er war der beste U12-Spieler des Landes, allerdings etwas zu klein für den Profizirkus. Das Studium der Politischen Wissenschaft an der Universität Essex schloss er mit Auszeichnung ab. Danach arbeitete er als Credit Analyst, Public Affairs Consultant und schliesslich als Direktor bei Rowland Sallingbury Casey. 1997 trat er für die Konservativen (Tories) in das Unterhaus ein, 2009 dessen Präsident. In diesem Amt wurde er mehrfach bestätigt. Der Vater dreier Kinder ist mit Sally Bercow verheiratet, die ihn mit veröffentlichten erotischen Fotos, dem Einzug in's Big Brother-Haus und einer Affäre mit Bercows Vetter mehrfach in die Klatschspalten brachte. Er habe seiner Familie bei den vergangenen Parlamentswahlen versprochen, kein erneutes Mal zu kandidieren - allerdings wollte er sich das Spektakel des EU-Austritts noch gönnen. Am Datum des angekündigten und nun doch wieder verschobenen Brexits, dem 31.10.2019, wird er nun aus dem Amt scheiden.

 

Bercows Gegner

Als er seinen Rücktritt im Unterhaus preisgab, erntete dies langandauernde, stehende Ovationen für ihn. Ausgerechnet Labour-Chef Jeremy Corbyn bedankte sich bei Bercow: Er sei ein ganz vorzüglicher Speaker gewesen. Nur die Brexiters (auch unter den Konservativen) blieben mit verschränkten Armen sitzen. Sie werfen Bercow die Unterstützung der Austritts-Gegner vor. Als Mr. Speaker wandte er sich immer auch gegen die eigene Partei - seine Mitgliedschaft stellte er 2009 ruhend. Ex-Premierministerin Theresa May konnte ihren dritten Brexit-Antrag erst nach substanzieller Änderung vorlegen - Bercow hatte sich auf eine 415 Jahre alte Regel berufen, nachdem wortgleiche Anträge nicht ein zweites Mal vorgelegt werden dürfen. Auch Boris Johnson zog zähneknirschend den Kürzeren, als Bercow den Abänderungsantrag eines Konservativen zum letzten Brexit-Deal akzeptierte. Dennoch betonte Mr. Speaker in einem Interview: "Ich habe meine privaten Überzeugungen, aber im Parlament bin ich unparteiisch!" Zu seinen Gegnern zählt auch der US-amerikanische Präsident Donald Trump, da Bercow zwar dessen Vorgänger Barack Obama mit höchsten parlamentarischen Ehren empfing, diese Trump jedoch verweigerte. Einer seiner Kritiker bezeichnete Bercow gar als "scheinheiliger, dummer Zwerg"! Doch auch Bercow konnte austeilen. So nannte er einst die Fraktionsvorsitzende der Tories ein "dummes, nutzloses Weib" und Premier Boris Johnson verglich er mit einem Bankräuber, sollte dieser für den Brexit einen Rechtsbruch wagen.


Mit John Bercow wird wohl auch die Show und der Humor das britische Unterhaus verlassen und der Parlamentarismus wieder das werden, was er vor 2009, vor John Bercow war: Trocken und eintönig!

US/add/news.de

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