22.06.2020, 16.18 Uhr

Ausschreitungen in Stuttgart: "Kriegsähnliche Zustände"! Teenager wird versuchter Totschlag vorgeworfen

In der Stuttgarter Innenstadt kam es Sonntagnacht zu Ausschreitungen. Mehrere Polizisten wurden bei den Randalen angegriffen. Die Polizei hat 20 Menschen festgenommen. Die Lage hat sich wieder beruhigt. Jetzt müssen die Hintergründe geklärt werden.

In der Stuttgarter Innenstadt haben hunderte Menschen randaliert. Bild: picture alliance/Simon Adomat/dpa

Fliegende Pflastersteine, zerbrochene Scheiben, geplünderte Geschäfte, Angriffe auf Polizisten:In Stuttgarts Innenstadt bricht mitten in der Nacht Randale aus. Die Szene erinnert an einen BürgerkriegWer steckt hinter der Gewalt?

Randale in Stuttgarter Innenstadt! 20 Festnahmen nach Krawall-Nacht

Bei schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei haben Dutzende gewalttätige Kleingruppen in der Nacht zum Sonntag die Stuttgarter Innenstadt verwüstet und mehrere Beamte verletzt. «Die Situation ist völlig außer Kontrolle", sagte ein Polizeisprecher am frühen Sonntag. Am Morgen beruhigte sich dann die unübersichtliche Lage. Die Polizei berichtete am Vormittag von 20 vorläufigen Festnahmen und mehr als einem Dutzend verletzten Polizisten.

Während einer Kontrolle anlässlich eines Drogendelikts hätten sich viele Feiernde gegen die Polizisten solidarisiert, teilte die Polizei mit. Die Menschen, viele von ihnen vermummt, zogen demnach randalierend in Richtung Schlossplatz. Es flogen Pflastersteine auf vorbeifahrende Polizeiautos, Schaufenster wurden eingeschlagen und Geschäfte geplündert.

Mehr als 200 Polizisten aus dem Stuttgarter Umland wurden vorübergehend in die Landeshauptstadt beordert,um die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Polizeihubschrauber flogen über die Stadt. Am Morgen sicherte die Polizei Spuren. Details und Hintergründe zu den Ausschreitungen wurden zunächst nicht mitgeteilt.

Im Kurznachrichtendienst Twitter kursierten Videoaufzeichnungen von jungen Männern, die gegen Schaufensterscheiben von Geschäften traten oder Pflastersteine aus dem Boden rissen. Der Polizeisprecher sagte: "Es wurde richtig randaliert." Viele Geschäfte seien betroffen gewesen, zudem Fahrzeuge. Es habe auch Plünderungen gegeben. Schwerpunkte seien der Schlossplatz und die benachbarte Königstraße gewesen, die als Stuttgarts Shoppingmeile bekannt ist. Ein Video zeigt, wie ein vermummter Angreifer einem Polizisten von hinten in den Rücken springt.

Die Polizei sprach von mehreren hundert Menschen, die in Kleingruppen unterwegs gewesen seien. Der Großteil der Einsatzkräfte, die aus anderen Teilen Baden-Württembergs in die Hauptstadt beordert worden waren, hat Stuttgart inzwischen wieder verlassen, wie ein Sprecher der Polizei am Morgen sagte.

Politiker wollen Sondersitzung einberufen

Nach der Tag waren viele geschockt. Die Szenerie ist für den Innenexperten der SPD-Landtagsfraktion vergleichbar mit „bürgerkriegsähnlichen Zuständen": "Straßenschlachten solchen Ausmaßes kennen wir in Baden-Württemberg nicht". Jetzt müssen die Vorfälle dieser "furchtbaren Nacht" in Stuttgart schnellstmöglich geklärt werden. Es wurde eine Sondersitzung gefordert.Auch FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke forderte eine Sondersitzung gegenüber den "Stuttgarter Nachrichten". "Innenminister Thomas Strobl (CDU) müsse dort ausführlich über die kriminelle Gewalt, mögliche Verantwortliche und seine Maßnahmen zum Schutz von Gesellschaft und Polizei berichten". Es müsse geprüft werden, ob die Politik die Polizei so organisiert habe, das sie in der Lage sei, Randale frühzeitig zu unterbinden und möglichst viele Straftäter zu ermitteln", zitiert ihn die Zeitung. Es wurde jetzt auch gewarnt vor schnelle Schlüsse zu ziehen und die Polizei ihre Arbeit machen zu lassen.

Kretschmann verurteilt Ausschreitungen in Stuttgart scharf

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat die Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt scharf verurteilt. Er sprach am Sonntag von einem "brutalen Ausbruch von Gewalt". "Diese Taten gegen Menschen und Sachen sind kriminelle Akte, die konsequent verfolgt und verurteilt gehören", teilte der Grünen-Politiker mit. «Die Bilder aus der Stuttgarter Innenstadt können uns nicht kalt lassen." Seine Gedanken seien bei den verletzten Polizeibeamten und den durch die Plünderungen Geschädigten. Nun müsse man die Faktenlage und Erkenntnisse zusammentragen und mit Hochdruck klären, wer dahinter stecke.

Die Krawalle hätten gegen Mitternacht begonnen, sagte der Polizeisprecher. Am Sonntagmorgen waren die Schäden zu sehen: So waren die Schaufensterscheiben mehrerer Handy-Läden eingeschlagen., auch ein Eiscafé und ein bekanntes Bekleidungsgeschäft waren von der Randale betroffen. Zur Sicherheit bleibe die Polizei mit einem Großaufgebot in der Innenstadt präsent, sagte der Sprecher.

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16-Jährigem wird nach Randale-Nacht versuchter Totschlag vorgeworfen

Nach den Auseinandersetzungen in Stuttgart muss sich ein 16-Jähriger wegen versuchten Totschlags verantworten. Er soll während der Randale in der Innenstadt einen bereits am Boden liegenden Studenten gezielt gegen den Kopf getreten haben. Er habe dabei den möglichen Tod des Studenten zumindest billigend in Kauf genommen, teilte die Staatsanwaltschaft in Stuttgart mit.

Insgesamt seien am Montag Haftbefehle gegen sieben mutmaßliche Randalierer beantragt worden, ein Haftbefehl sei bereits am Sonntagabend erlassen und ein weiterer gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt worden.

Die Tatverdächtigen sind laut Polizei im Alter zwischen 16 und 33 Jahren und besitzen die deutsche, kroatische, irakische, portugiesische und lettische Staatsangehörigkeit. Ihnen wird Landfriedensbruch ebenso vorgeworfen wie gefährliche Körperverletzung, tätliche Angriffe auf Vollstreckungsbeamte und Diebstahl in besonders schwerem Fall. Weitere 16 zunächst vorläufig festgenommene mutmaßliche Beteiligte seien wieder entlassen worden, hieß es weiter.

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bos/news.de/dpa

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