06.05.2020, 19.51 Uhr

Christian Drosten: Virologe kritisiert Umgang von Politikern mit Wissenschaft heftig

Christian Drosten ist sauer. Deutschlands Top-Virologe hat in seinem jüngsten Podcast den Umgang von Politikern mit ihm scharf kritisiert. Ihm zufolge würde der Drang der Politik, möglichst schnelle Entscheidungen zu treffen, zu Fehlinformationen führen.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin, übt Kritik an der Politik. Bild: dpa

Kaum ein anderer ist derzeit gefragter für die Politik als Top-Virologe Christian Drosten. Doch der hohe Druck auf die Experten birgt auch Gefahren, warnt Drosten. In seinem aktuellen NDR-Podcast "Das Coronavirus-Update" macht der Wissenschaftler seinem Ärger Luft.

Virologe Christian Drosten macht seinem Ärger über Politik Luft

Seinen Aussagen zufolge birgt der hohe politische Druck auf ihn und seine Kollegen die Gefahr von Fehlinformationen. Auch die Art und Weise, wie Politiker in Deutschland seinen Namen erwähnen, missfällt ihm. Grund für die ganze Aufregung ist eine Studie aus Australien, die an 15 Schulen durchgeführt wurde.Als Ergebnis herausgekommen sei laut Drosten, dass sich dort lediglich neun Schüler und neun Lehrer angesteckt hätten. Allerdings seien diese Zahlen lediglich das Ergebnis einer Vorauswertung, so der Virologe.

Australien-Studie als Auslöser für den Ärger

Dennoch habedie "New York Times" die Zahlen als valides Ergebnis übernommen. Auch die kanadische Regierung habe sie sogar in seine Pläne zur Schulöffnung aufgenommen, sagt Drosten in seinem Podcast. Die Schuld dafür sieht Drosten vor allem in der Politik:"Das ist ein Beispiel dafür, wie die Wissenschaft im Moment politisch unter Druck steht." Seinen Aussagen zufolge sei es im Interesse der Politik, möglichst schnell neue Entscheidungen verkünden zu können.Zwar könne er die Notwendigkeit der Politik, weitere Entscheidungen zu treffen, nachvollziehen, allerdings nicht um jeden Preis.

Top-Virologe sieht Veröffentlichungen auf politischen Druck gefährlich

"Viele Politiker können da auch mal ganz schön Druck ausüben und sagen, ich will diese Verantwortung nicht auf meinen Schultern haben, ich möchte die Verantwortung lieber in einem wissenschaftlichen Manuskript sehen, da eine Zahl raus nehmen können und sagen: 'Das steht doch schwarz auf Weiß da geschrieben'." Der Druck auf die Forschungseinrichtungen würden demnach ins Unermessliche steigen."Dann kommen wir in diesen, wie ich finde, etwas gefährlichen Bereich rein, dass dann – sagen wir mal – einem Institutsdirektor gesagt wird: 'Du bist doch der Chef vom Ganzen. Wir brauchen jetzt Zahlen von deinen Mitarbeitern.'" Weiter führt er fort: "Und dann geht der Direktor zu seinen Mitarbeitern und sagt: 'Unsere Tabellen sind zwar erst halbvoll, aber der Minister will, dass wir was veröffentlichen. Jetzt nehmen wir die halben Tabellen und schreiben die schon mal zusammen'."

Drosten mahnt: Wissenschaft von Medien zu sehr polarisiert

Manchmal werde dies dann auch nicht von Wissenschaftlern gemacht, sondern von Pressestellen, die das plastisch für die Öffentlichkeit aufbereiteten. "Und schon ist eine Fehlinformation in der Welt."Die Wissenschaft werde in den Medien derzeit zu sehr polarisiert, kritisierte der Virologe. "Nicht nur ich als Person. Inzwischen nennen Politiker meinen Namen in Talkshows, was ich eine Unverschämtheit finde und eine vollkommene Irreführung der Öffentlichkeit und auch der politischen Meinungsbildung." Durch die andauernden Diskussionen um seine Person und die anderer Kollegen werde vom eigentlichen Problem abgelenkt, mahnt Drosten. Von der Politik wünscht er sich, die Wissenschaft wieder mehr in der Unterstützerrolle wahrzunehmen.

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sba/rut/news.de

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