Von news.de-Redakteurin Andrea Schartner - 26.10.2013, 09.00 Uhr

Sammeln und Betteln: So reich macht die Straße

Arbeiten im Freien, sein eigener Herr sein und das Geld auf der Straße finden – was für ein schöner Traum! Bettler, Straßenmusiker und Flaschensammler haben dieses Glück scheinbar gepachtet. Aber lohnt sich das Geschäft?

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Die Versuchung ist verlockend: Sich nicht im miefigen Büro durch die Stunden quälen, sondern raus, an die frische Luft, den Wind um die Ohren sausen oder die Sonne auf den Pelz scheinen lassen, das Geld auf der Straße suchen. So wie der Bettler in der Innenstadt, der Akkordeonspieler, der zum fröhlichen Tänzchen aufspielt oder der Flaschensammler, der sich das Geld nur aus dem Mülleimer fischen muss. Aber halt! Ist das alles so einfach, teilt die Straße das Geld mit vollen Händen aus?

Von Straßenmusikern mal abgesehen, suchen oft die Ärmsten der Armen da draußen ihr Glück. Oft sind es jene, die sich selbst als gescheitert sehen und sich keine Chancen auf einen Job mehr ausrechnen. Denn reich, soviel ist sicher, macht die Straße nicht.

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Flaschensammeln ist Profisache

Manche sind gut organisiert. So titelte die «Süddeutsche Zeitung» Anfang des Jahres «Goldgräberstimmung bei den Flaschensammlern». Von einem Mann war da die Rede, dem das Finanzamt auf die Pelle rückte, weil er mit dem Flaschensammeln angeblich zuviel Geld verdient hatte. Etwa 7000 Euro hatte Eduard Lüning, so heißt der Mann, pro Jahr mit dem Flaschenpfand eingenommen. In Jahren, bei denen er viele Festivals zum Leergutsammeln aufsuchte, kam er sogar auf 13.000 Euro.

Geld mit dem Dreck anderer Leute

Dem Artikel ist allerdings auch zu entnehmen, dass es sich bei dem Mann um einen Profi handelt. Er sagt Sachen wie: «Es fasziniert mich, dass man aus dem Dreck anderer Geld machen kann», und ist bestens organisiert, sucht gezielt Großveranstaltungen wie Fußballspiele oder Festivals auf und sammelt Leergut an Bahnhöfen. Lüning kennt seine Konkurrenten beim Flaschensammeln, die die sich im selben Revier herumtreiben und mit denen er sich arrangieren muss. Denn als guters Zubrot gilt das Geschäft mit dem Leergut allemal.

Flaschensammler im Allgemeinen sind sogar vernetzt: Auf «pfandgeben.de» können Pfandflaschen an Leergutsammler gespendet werden.

Bei soviel Konkurrenz doch lieber den Hut aufstellen? Die «Hamburger Morgenpost» erzählte im Frühjahr die Geschichte vom Bettler Horst. Der saß auf der Straße, seinen Hut vor sich, bibberte im Winter vor Kälte und ließ des Sommers die Sonne auf sich niederbrennen. «Sieben Euro pro Stunde», ist die Bilanz vom Bettler Horst, an Weihnachten sogar noch etwas mehr. Damit kann er zufrieden sein, allerdings kennt er auch die Einnahmen der Straßenmusiker, am besten sei es in der U-Bahn. Bei zwei Minuten musizieren kämen bis zu drei Euro zusammen. U-Bahn-Dudeln lohnt sich demnach wirklich.

Versagen im Selbsttest

Allerdings alles will gelernt sein. Die Reporter der «Hamburger Morgenpost» haben sich schließlich selbst getestet. Da gab es den eifrigen Flaschensammler, dem zunächst die Müllabfuhr zuvorkam, dann ließen sich die Mülltonnen nicht öffnen. Seine Bilanz nach drei Stunden: Fünf Euro, einen Cent und kalte Füße. Der Test-Musiker hatte es auch nicht besser: Mit seiner Gitarre stieß er, wie er titelte, am Hamburger Jungfernstieg auf taube Ohren. 13,50 strich er in drei Stunden ein.

Betteln dagegen bringt den Durchschnittslohn von sieben Euro auch bei Bettelanfängern. Der Test-Bettler machte den gleichen Schnitt wie der echte Bettler Horst. Allerdings bemerkte er etwas anderes. «Ich habe festgestellt, dass den Passanten der Kontakt zu mir unangenehm war. 50 Prozent von ihnen guckten bei Augenkontakt weg, 30 Prozent guckten herablassend und viele sahen mich überhaupt nicht.» Das wohl ist das eigentlich Problem, dass auf der Straße oft jene sind, die die Gesellschaft schon lange nicht mehr sieht.

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jag/news.de