Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier, Leipzig - 30.12.2010, 10.52 Uhr

Pflegeeltern: Ein Zuhause für Kinder mit zwei Familien

Einem Kind ein Zuhause geben: Ein warmer Gedanke, der Pflegeeltern motiviert, ihre Familie zu öffnen für jemanden, der Schlimmes erlebt hat. Was auf sie zukommt, erfahren Interessierte beim Infoabend im Leipziger Jugendamt. Wir waren dabei.

«Bin nicht frech, bin nur laut, such einen, der sich traut.» Mit dieser Zeichnung wirbt das Leipziger Jugendamt. Bild: Stadt Leipzig

Es ist wohl zu kalt für potentielle Pflegeeltern. Oder zu glatt. Richtige Familien sitzen jetzt im Warmen. An diesem ungemütlichen Dienstagabend ist nur eine einzige Frau durch den Schnee ins Zimmer C306 gekommen, die vielleicht Pflegemutter werden möchte. Anne-Katrin Halbach hatte sich schon so etwas gedacht. Sie nimmt den Zettel aus dem Flipchart und lädt in ihr Büro. Der Infoabend findet trotzdem statt, wie jeden ersten Dienstag im Monat im Leipziger Jugendamt. Länger als eine Stunde erzählt sie. Was das für Kinder sind, die eine Pflegefamilie brauchen. Was die Familien mitbringen müssen. Was sie leisten müssen. Was sie wissen müssen. Und vor allem eins: Pflegekinder sind Kinder mit zwei Familien. Es geht hier nicht um Adoption.

Die potentielle Pflegemutter möchte ihren Namen nicht nennen, schließlich befindet sie sich selbst noch in einem Entscheidungsprozess. Sie hat eine kleine Tochter, würde ihre Familie gern vergrößern, und auf natürlichem Wege klappt es nicht. Ob ein Pflegekind eine Option ist? Die Idee kam ihr durch die Zeichnung in der Straßenbahn, eine Kampagne des Leipziger Jugendamts: Verschmitzt und ein bisschen schüchtern schaute der kleine Junge auf dem Plakat zu ihr hoch. Die Idee gab ihr ein gutes Gefühl: Kindern, die niemand liebt, die nur geschubst werden, eine Familie geben.

Ein sozialer Gedanke, bei dem es warm ums Herz werden kann. Aber auch eine ziemlich romantische Idee. An diesem Abend im Jugendamt ist kein Kind weit und breit, das man aufnehmen könnte. Statt dessen gibt es Fakten. Circa 60 Prozent der Pflegekinder haben alleinerziehende Mütter. Die sind meistens sehr jung, fast alle der Eltern beziehen Hartz IV, leben in beengten Verhältnissen in sozialen Brennpunkten. Typischerweise haben sie selbst Erfahrung mit der Jugendhilfe gemacht, Gewalt erlebt, vielleicht Missbrauch. Sie geben das weiter, weil sie es nicht anders kennen. Sie haben Bindungsprobleme, deshalb wechselnde Partner, Schulden und sind häufig süchtig - nach Drogen, Alkohol, Medikamenten. Sucht ist einer der Gründe, die Kinder aus der Familie zu nehmen, Verwahrlosung oder Gefängnis andere.

«Wir suchen Eltern für Kinder, nicht Kinder für Eltern»

«Wer vom Leben betrogen wurde, kann keinen Optimismus und Selbstvertrauen vermitteln.» Das ist einer von den Sätzen, die Anne-Katrin Halbach sagt und wirken lässt auf ihren Erstinformationsabenden. Aber sollte es nicht um die Kinder gehen? Schon. Aber die Eltern gibt es mit dazu. Darüber hatte die junge Frau noch nicht so nachgedacht. Sie und ihr Mann möchten einem Kind helfen. Aber oberstes Ziel ist immer: Die Eltern sollen befähigt werden, die Erziehung wieder aufzunehmen. So steht es im Sozialgesetzbuch.

Deshalb wird auch unterschieden in befristete und unbefristete Vollzeitpflege. Ist die Mutter zum Beispiel in Haft, im Krankenhaus oder macht eine Entziehung, suchen Anne-Katrin Halbach und ihre Kollegen für einen festen Zeitraum Pflegeeltern. Im anderen Fall wird davon ausgegangen, dass das Kind bis zur Selbstständigkeit bei der Ersatzfamilie bleibt. Doch auch in dem Fall ist Kontakt zu den Eltern erwünscht - es sei denn, es wäre zu schädlich für das Kind. «Es ist wünschenswert, dass die Pflegeeltern die leiblichen akzeptieren können und nicht sagen, mit solchen schwierigen Leuten wollen wir nichts zu tun haben. Und umgekehrt. Dass es keine Konkurrenzsituation gibt. Auch wenn das schwer umzusetzen ist», erklärt Halbach.

Aber was ist jetzt mit den Kindern? Bis Pflegeelternbewerber wirklich eines aufnehmen können, vergeht mindestens ein halbes Jahr mit Vorgesprächen, Hausbesuchen durch den Pflegekinderdienst und einer zweitägige Schulung. Das Prüfverfahren braucht seine Zeit. Und dann muss es auch ein Kind geben, das zu ihnen passt. Beziehungsweise andersherum. Denn, wie Halbach immer wieder betont: «Wir suchen Eltern für Kinder, nicht Kinder für Eltern.» Diese Kinder leiden fast alle unter Entwicklungsverzögerungen, manche sind behindert, was auch Folge von Misshandlung sein kann. Verhaltensauffällig, was auch immer das im Einzelfall bedeuten mag. Viele brauchen Therapie, häufig leiden sie unter Bindungsstörungen, gerade, wenn sie schon zwischen Eltern, Großeltern und Heim hin- und her geschoben wurden. Noch ein familiäres Fiasko sollen sie nicht erleben.

Pflegeeltern haben kein Sorgerecht

Doch auch, wenn die Betreuerinnen des Pflegekinderdienstes denken: «Das passt» - richtige Eltern sind Pflegeeltern eben nicht. Das Sorgerecht bleibt entweder bei der leiblichen Familie oder wird vom Gericht an einen Vormund übertragen. Die Pflegefamilien betreut der Pflegekinderdienst des Jugendamtes. Deshalb spricht Halbach auch von einer teilöffentlichen Situation.

Eine Pflegefamilie ist also nicht mehr autonom, muss viele Entscheidungen abstimmen. «Das hängt aber stark vom begleitenden Pflegekinderdienst ab», erklärt Carmen Thiele, Fachreferentin beim Bundesverband der Pflege- und Adoptionsfamilien (Pfad). Zudem sei die Gesetzgebung sehr weich, da zwar das Sozialgesetzbuch die Richtlinien vorgibt, die Ausgestaltung jedoch Ländersache ist.

«Allgemein gilt: Die Grundrichtung muss abgesprochen werden, aber den Erziehungsalltag gestalten schon die Pflegeeltern. Ein Urlaub im Inland zum Beispiel ist normalerweise kein Problem, auch ein normaler Arztbesuch nicht. Bei Operationen allerdings müssen die Sorgeberechtigten zustimmen. Es gibt aber auch Verhältnisse, da dürfen die Pflegeeltern maximal eine Klassenarbeit unterschreiben», setzt sie auseinander.

Eine Pflegefamilie erzählt ihre Geschichte

Doch letztlich sagt sie einen Satz, den auch Anne-Katrin Halbach immer wieder betont: «Jeder Fall ist ein Einzelfall.» Jedes der 258 Pflegekinder in Leipzig und Umgebung, jedes der 57.452 in ganz Deutschland. Auch Petra Rippold und Uwe Möckel haben so einen Einzelfall aufgenommen. Und sie haben uns ihre Geschichte erzählt: Hier können Sie sie lesen.

Grundsätzlich gibt es keine Einschränkungen dazu, wer Pflegeeltern werden darf. Verheiratete oder unverheiratete Paare, Einzelpersonen mit oder ohne leibliche Kinder, Homosexuelle, alles ist möglich, und auch der Bezug von Hartz IV ist kein Ausschlussgrund. «Wenn wir aber merken, dass die Familien es wegen des Geldes machen, schauen wir schon sehr genau hin», betont Anne-Katrin Halbach. Zwischen 600 und 800 Euro im Monat zahlt das Amt alles in allem für die Betreuung eines Pflegekindes. Der Lebensunterhalt der Familie muss jedoch auch ohne diesen Zuschuss gesichert sein, deshalb verlangt das Jugendamt Gehaltsbescheinigungen und eine Schufa-Auskunft.

Die meisten Pflegeeltern wollen einem Kind ein Zuhause geben, das es nicht so gut hat wie die eigenen Kinder. Aber es gibt noch viel zu wenige, die sich dazu entschließen. 103 Kinder bräuchten allein in Leipzig eine Pflegefamilie. Deshalb warten Anne-Katrin Halbach und ihre sieben Kolleginnen vom Leipziger Pflegekinderdienst weiter jeden ersten Dienstag im Monat im Raum C306.

che/news.de

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