Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach - 28.01.2010, 15.26 Uhr

Blind werden: «Leben ist mehr als sehen»

Früher ist er Auto gefahren, hat Tennis gespielt, es geliebt zu lesen. Heute kann Miro Miletic das alles nicht mehr, denn der 33-Jährige hat nur noch eine Sehkraft von zwei Prozent. Aus Gewohnheit schaut er trotzdem jeden Morgen auf die Uhr.

Blind sein heißt nicht automatisch schwarz sehen. Bild: news.de

Die Uhr hängt da noch, wo er sie vor über fünf Jahren angebracht hat. Damals als Miro Miletic noch nicht einmal eine Brille braucht. Kurze Zeit später beginnt sein Augenlicht zu schwinden. Als blind will er sich nicht bezeichnen, denn der 33-Jährige sieht noch etwas, schemenhaft verzerrt, hell und dunkel, zwei Prozent. «Sobald ich die Augen aufmache, bin ich mit dieser Behinderung konfrontiert», sagt der gebürtige Kroate, der seit 15 Jahren in Deutschland lebt. Er sagt es und lacht dabei, denn er findet die Vorstellung auch irgendwie komisch, dass er nach so langer Zeit des Wirklich-Schlecht-Sehens immer noch aufs Handy blickt. «Ah ja, das geht ja gar nicht mehr», muss er sich dann selbst immer wieder erinnern.

FOTOS: Ohne Augenlicht Wie Blinde das Leben meistern

Dass seine Sehkraft durch eine Netzhautdegeneration fast ganz verschwinden wird, kommt überraschend für den jungen Mann. Vor acht Jahren stellt der Augenarzt bei einer Routinekontrolle fest, dass Sehzellen absterben werden. Was das für Miro konkret bedeutet, sagt der Doktor jedoch nicht: Dass nämlich die Krankheit irreversibel ist, keine Behandlung helfen kann. «Ich habe mich selbst über die Krankheit erkundigt und herausgefunden, dass man davon blind wird», erinnert sich der Wahl-Hamburger. «Vielleicht hat mir der Arzt nichts gesagt, weil er Angst hatte, dass ich mich unter die S-Bahn lege.»

«Etwas ganz normales»

Doch das ist keine Option für den damaligen VWL-Studenten. Er denkt an seine Familie, seine Partnerin, seine Freunde. Sie unterstützen ihn, als die Bilder vor seinen Augen verblassen. Er engagiert sich im Verein ProRetina, der wiederum Geld in Forschung investiert. Gespräche mit anderen Betroffenen bauen Miro auf. «Die Forschung ist schon weit. Ich hoffe, dass man in fünf oder zehn Jahren doch irgendwas machen kann.»

Es sei eine schwierige Phase, die Krankheit psychisch zu verarbeiten. Monate habe es gedauert, bis er begriff: «Leben ist mehr als sehen.» Mittlerweile sei es normal für ihn, kaum noch etwas zu erkennen. Er habe sich damit abgefunden. «Für meine Mutter ist das vielleicht noch schwieriger als für mich. Für sie muss ich auch stark sein.» Nach einem Jahr, sagt Miro, konnte er bereits Späße über seine Krankheit machen. «Ich lache darüber und mache Witze, das befreit mich und man zeigt nach außen hin, dass es etwas ganz normales ist.»

Wenn man Miro Miletic auf der Straße begegnet, ist der Gedanke an einen Blinden weit entfernt. Er geht aufrecht, kein weißer Stock, die dunklen Augen hinter der orangefarbenen Brille ohne Anzeichen von Blindheit. Wenn er dann doch mit dem Stock unterwegs ist, bekomme er manchmal Hilfe angeboten, die er gar nicht benötigt. «Es existiert eine verfälschte Vorstellung von Blindheit», sagt der 33-Jährige. «Das bedeutet nicht schwarz sehen.»

Im Alltag wird ihm das Leben erleichtert - unter anderem durch ein Bildschirmlesegerät, mit dem er Formulare oder kurze Texte vergrößern und dadurch erkennen kann. Für Bücher wäre das allerdings zu aufwändig. «Das Lesen von Büchern vermisse ich am meisten.» Handys oder Computer reden mit ihm durch die Sprachausgabe. In der Wohnung hat er die Möbel umgestellt, den Fernseher näher an die Couch gerückt. Mit 20 Zentimetern Abstand vom Bildschirm erkennt er Bewegungen. Im Kino setzt sich Miro in eine der ersten Reihen.

Keine Blindenschrift, keine Armbinde

Die Brailleschrift mit den erhabenen Pünktchen werde er aber nicht mehr lernen und auch keine gelbe Armbinde tragen, sagt Miro. Denn beides sei «out». «Jüngere Menschen können mit neuerer Technologie umgehen, das macht die Blindenschrift überflüssig.»

Er hat sich mit der Sehschwäche arrangiert. «Ich habe gelernt, besser zuzuhören, mich an Geräuschen zu orientieren.» Auch seine sehenden Freunde sind die gleichen geblieben, ein paar mit einem Schicksal wie dem seinen dazugekommen.

Und seit anderthalb Jahren hat er auch einen Job, dessen Anforderungsprofil er perfekt erfüllt. Er führt durch die Ausstellung «Dialog im Dunkeln», bei der sich die sehenden Gäste nur mit einem Blindenstock in völlig lichtlosen Räumen bewegen. «Ein Glücksfall», sagt der 33-Jährige und lacht wieder. «Ich bin genommen worden, obwohl ich mich blind beworben habe.»

seh/reu/news.de

Empfehlungen für den news.de-Leser