Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach - 20.10.2009, 07.20 Uhr

Hundertjähriger Kalender: Wetter ist wie ein Lottospiel

Von Industrieschnee hatte Mauritius Knauer noch nie gehört, als er den Hundertjährigen Kalender entwickelte. Barometer und Thermometer waren 1652 noch nicht verbreitet. Nicht nur deshalb halten Meteorologen seine Aufzeichnungen für Humbug.

Der Jungbäuerinnen-Kalender für 2010 ist nicht hundertjährig. Bild: ap

Manche Landwirte schwören bis heute auf ihn. Und auch Andreas Rohrmann, Angestellter bei einem Finanzdienstleister, hat den Hundertjährigen Kalender zur Hand genommen, als er einen Urlaub planen wollte. «Es ist ein Lottospiel, wie das Wetter wird, wenn man in Deutschland Ferien machen will», sagt Rohrmann. Doch der Kalender hat ihn in den vergangenen zehn Jahren bei seinen Trips vom Wohnort in Nordrhein-Westfalen an die Ostsee oder nach Süddeutschland fast nie im Stich gelassen. Mittlerweile ist er ein Experte.

Deshalb teilt Rohrmann im Internet sein Wissen über den Hundertjährigen Kalender. «Er stimmt nicht auf den Tag genau, aber schöne Wetterphasen kann man gut daran ablesen», sagt er. Nur in den vergangenen drei Jahren habe er größere Abweichungen des vorhergesagten Wetters im Frühjahr und Herbst registriert. Klimawandel, vermutet Rohrmann. Das konnte Abt Mauritius Knauer nicht wissen, als er die Wetterentwicklung von 1652 bis 1658 in seinem Kloster in Oberfranken festhielt.

FOTOS: Aberglaube oder Wissenschaft Mit Bauernregeln durch das Jahr
zurück Weiter 01.jpg (Foto) Foto: news.de/dpa (Montage) Kamera

Der Schöpfer des Hundertjährigen Kalenders ging davon aus, dass sich das Wetter alle sieben Jahre wiederholt. Wie die meisten Menschen damals war er überzeugt vom Einfluss der Sterne und Planeten auf Wetter und Klima, den Erfolg und Misserfolg von Ernten. Und teilte den Jahren jeweils Saturn, Jupiter, Mars, Venus, Merkur und aus damaliger Ermangelung an Planeten-Alternativen – mehr waren nicht entdeckt – Sonne und Mond zu. Alle sieben Jahren gibt es seitdem ein Saturn-Jahr, auf das das Jupiter-Jahr folgt. Seine Beobachtungen veröffentlichte Knauer als Galendarjum Oeconomicum Practicum Perpetuum, um die klösterliche Landwirtschaft zu optimieren.

Erste Zusammenarbeit zwischen Meteorologie und Medien


«Sieben war eine heilige Zahl und die Zeit sehr religiös geprägt», sagt ZDF-Meteorologe Ben Wettervogel im Gespräch mit news.de. Zum Hundertjährigen Kalender wurden Knauers Beobachtungen erst durch Dr. Christoph von Hellwig aus Thüringen. Der witterte ein einträgliches Geschäft und ließ den Kalender mit den berechneten Daten von 1701 bis 1800 in Erfurt drucken. «Das war die erste Zusammenarbeit zwischen Meteorologie und Medien», meint Wettervogel.

Der Wetterfrosch des ZDF-Morgenmagazins beschäftigt sich auch mit den Aufzeichnungen der damaligen Zeit, obwohl sie heutigen Messmethoden nicht mehr standhalten könnten. «Weil ich ständig danach gefragt werde und mancher Unsinn in den Köpfen einfach nicht totzukriegen ist», sagt Wettervogel. Mit seinem Buch Können Wetterfrösche irren? 120 populäre Irrtümer über das Wetter will er damit aufräumen, denn «in der Meteorologie spielt der Hundertjährige Kalender absolut keine Rolle».

Laut Mauritius Knauer soll es vom 17. bis zum 23. Oktober im Mars-Jahr 2009 «schöne Tage» geben. Wenn es so wäre, sei das Zufall, sagt Wettervogel. Die Treffgenauigkeit liege bei 50 Prozent.

Auch habe sich die Herbstvorhersage für dieses Jahr schon zu Beginn nicht bewahrheitet. Im Kalender steht: Der Herbst sei unterschiedlich. Bisweilen mehr trocken als feucht. Öfter sei er aber kühl und nass. Vor dem Advent schneie es nur selten zu. Was wie ein Horoskop fürs Wetter anmutet, das jeder auslegen kann, wie es ihm gerade passt, bewertet Wettervogel so: «Im Oktober schneit es selten zu stimmt in diesem Jahr schon deswegen nicht, weil auf der Zugspitze und auch in Sachsen bereits große Schneemengen gefallen sind.»

Lesen Sie auf Seite 2, welches Wetter bestimmt nichts mit den alten Kalendern zu tun hat

Wettervogel kann Schnee auch etwas Gutes abgewinnen. Denn eine andere Form der weißen Pracht gehört zu den Lieblingswetterirrtümern des Meteorologen. «Viele denken, ohne Wolken kann es nicht schneien», in der Nähe von Heizkraftwerken geht das aber doch, sagt der Experte. Bei Hochdruckwetterlage bleibe der warme aufsteigende Wasserdampf unter einer sogenannten

Inversionsschicht

hängen, kann nicht weiter aufsteigen, gefriert und rieselt als Schnee wieder zu Boden. «So konnte es zum Beispiel in Karlsruhe in der Nähe einer Raffinerie zu bis zu 15 Zentimetern Industrieschnee kommen», und das ganz ohne eine einzige Wolke am Himmel, erinnert sich Wettervogel.

Etwas ulkig findet er auch die Klage einiger Damen im Jahr 1988, die den Deutschen Wetterdienst vor den Kadi zerrten, um den Begriff «Altweibersommer» für das trockene Wetter Ende September zu verbieten. Sie fühlten sich als Frauen diskriminiert. Die Klage wurde abgewiesen, da der Begriff seit Jahrhunderten fest im deutschen Sprachgebrauch verankert und positiv besetzt sei. «Wahrscheinlich kommt der Name tatsächlich von den Spinnenfäden, die durch die Luft treiben und an das dünne, silberne Haar von älteren Frauen erinnert», meint der Meteorologe. Er wird bereits in alten Bauernregeln erwähnt.

Ein Bauer, der tatsächlich auch noch nach diesen Regeln das Feld bestellt, ist Wolfgang Vogel. Der Präsident des Sächsischen Bauernverbandes hat seit über 30 Jahren ein Auge auf die Termine im Bauernregel-Kalender und führt Buch über die Wetterlage an diesen Tagen. Mit Lichtmess am 2. Februar beginne für den Bauern das Jahr, sagt Vogel. «Wenn's zu Lichtmess stürmt und schneit, ist der Frühling nicht mehr weit. – Scheint die Sonne warm und trocken, wirst du lange hinterm Ofen hocken.»

Zu 80 Prozent stimme diese Regel, weiß er aus Erfahrung. Wenn also die Sonne scheint, lasse er sich auch bei frühlingshaften Temperaturen nicht dazu verleiten, mit den Feldarbeiten zu beginnen, da sie durch Frost bis in den März wieder zunichte gemacht werden könnten. Auch wenn er belächelt wird, schwört Vogel auf Bauernregeln. Genau wie Andreas Rohrmann auf den Hundertjährigen Kalender. «Meteorologen irren sich genauso häufig und können das Wetter nur für fünf Tage am Stück vorhersagen.»

seh/news.de

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