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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke - 17.02.2009, 15.41 Uhr

Kunstschnee: «Das ganze System wird immer verrückter»

In den Alpen werden derzeit etwa 30 Prozent aller Pisten beschneit, Tendenz steigend. Über die Kosten für Kunstschnee, die Folgen für die Umwelt und die Zukunft des Skitourismus sprach news.de mit der Expertin Christine Markgraf.

Die promovierte Biologin Christine Markgraf arbeitet seit 1994 für den Bund Naturschutz. Bild: news.de

news.de: Ob aus der Kanone oder natürlich – ist es nicht eigentlich egal, woher der Schnee kommt?

Markgraf: Hierfür muss man den Produktionsprozess betrachten. Für Kunstschnee wird Energie benötigt, er braucht Wasser, vor allem aber hängt an dieser Produktion ein ganzer Rattenschwanz an Baumaßnahmen wie Leitungen oder Speicherteiche. Man greift also, nachdem das durch Pistenpräparierungen und ähnliches ohnehin schon geschehen ist, wieder in den Hang und den Berg ein. Das erhöht die Erosionsgefahr und der Hang wird noch ein Stück künstlicher. Man muss sich einfach grundsätzlich fragen, wie das weitergehen soll, wenn es noch wärmer wird. Denn der Kunstschnee hält ja den Klimawandel nicht auf, dafür aber die Umorientierung im Wintersport.

news.de: Unterscheidet sich Kunstschnee in seiner Zusammensetzung von natürlichem Schnee?

Markgraf: Allerdings, vor allem chemisch. Denn Kunstschnee wird aus Bächen oder inzwischen sogar aus Trinkwasser gewonnen, was ich für völlig verrückt halte. Das führt dazu, dass er nährstoffreicher ist. Und er ist von seiner Struktur her dichter, denn er wird in kürzester Zeit mit enormem Druck zusammengepresst. Das führt zum Beispiel auch dazu, dass eine künstlich beschneite Piste schneller vereist, was viele Skifahrer gar nicht schätzen.

news.de: Welche Folgen hat das nährstoffreichere Wasser für die Natur?

Markgraf: Das Problem ist, dass auf den Berghängen die Düngung durch den Menschen fehlt und sich hier Pflanzen angesiedelt haben, die an nährstoffarme Bedingungen angepasst sind. Diese werden nun verdrängt durch Pflanzen, die es sozusagen fetter mögen. Es findet ein Verdrängungsprozess statt.

news.de: Beschneite Pisten schmelzen langsamer ab als natürliche, dadurch verschiebt sich die Wintersaison um bis zu drei Wochen künstlich nach hinten. Wie wirkt sich das auf die Umwelt aus?

Markgraf: Das kann zur Folge haben, dass sich unter dem Kunstschnee Fäulnis bildet, manchmal sieht man das auch auf den Pisten. Das liegt daran, dass die Pflanzen hier nicht genügend Sauerstoff bekommen. Und jede zusätzliche Schwächung ist ein weiterer Punkt, der zu mehr Erosion führen kann.

news.de: Wie sieht es mit Zusatzstoffen und Chemikalien aus?

Markgraf: In Deutschland sind die noch verboten, in anderen Ländern teilweise nicht. Dort wird vor allem das so genannte Snow Max eingesetzt, dass aus Eiweißen von abgetöteten Bakterien besteht und dafür sorgen soll, dass auch bei höheren Temperaturen noch beschneit werden kann. Das Problem aber ist, dass eben nicht alle Bakterien tot sind und einige davon in den Boden eindringen. Die Folgen sind noch überhaupt nicht ausreichend untersucht worden. Die aber könnten sehr gravierend sein. Der finanzielle Druck, noch weitere Zusätze zu nutzen, ist natürlich gewaltig. Es gibt sogar Überlegungen, gentechnisch veränderte Organismen dafür zu nutzen. Das wäre katastrophal. Das ganze System wird einfach immer verrückter.

news.de: Das heißt, man nutzt eine Technik, deren Folgen man nicht abschätzen kann?

Markgraf: Allerdings. Man müsste zunächst untersuchen, zu welchen Wechselwirkungen es mit bereits im Boden vorhandenen Organismen kommen könnte. Das Ganze ist ein Experiment zu Lasten der Natur und auch zu Lasten des Menschen. Ich nenne hier nur das Stichwort Trinkwasser, auch hier sind die Folgen noch nicht untersucht. Man versucht, krampfhaft einen Wirtschaftszweig aufrecht zu erhalten, der sich eigentlich umorientieren müsste, koste es, was es wolle.

news.de: Die meisten Schneekanonen laufen nachts, um mit ihrem Lärm die Urlauber nicht zu stören. Wie laut sind solche Geräte?

Markgraf: Hier gibt es verschiedene Systeme, die alle unterschiedlich laut sind. Und auch die Entwicklung geht voran, in den letzten Jahren sind Schneekanonen durchaus leiser geworden. Laute Hochdrucksysteme aber kommen direkt an der Kanone durchaus auf Werte von 100 Dezibel (100 Dezibel werden bei einem Presslufthammer in einer Entfernung von zehn Metern gemessen, Anm. d. R.). Diese Kanonen sind durchaus noch in mehreren Kilometern Entfernung zu hören.

Lesen Sie auf Seite 2, wie sich die Beschneiung von Pisten auf die Umwelt auswirkt und was für Kosten Kunstschnee verursacht

news.de: Werden die Tiere in den Alpen dadurch beeinflusst?

Markgraf: Durchaus. Die meisten Tiere der Alpen leben tagsüber schon recht zurückgezogen, um dem Rummel auf den Pisten zu entgehen. Viele dieser Tiere wie Rehe, Gemsen, Hirsche und Vögel wie Birk- oder Auerhühner, Eulen oder Käuze, sind dämmerungsaktiv. Das heißt, sie gehen am frühen Morgen oder am frühen Abend auf Nahrungssuche. Wenn die Beschneiung genau in diese Zeit fällt, führt das für diese Tiere zu einer Dauerbeunruhigung, die durchaus zum Aushungern oder zur Abwanderung führen kann. Der Stress verschärft sich deutlich.

news.de: Sie haben die Baumaßnahmen für Schneekanonen angesprochen. Wie genau sehen diese aus?

Markgraf: Von den Schneekanonen geht erst einmal ein ausgetüfteltes Leitungssystem nach unten ab, hin meist zu einem Speicherteich. Von diesem System sehen Sie meist in ein paar Jahren nicht mehr viel. Doch wenn der Winter schneearm ist, und das Landschaftsbild durch Kunstschneebänder auf den Pisten geprägt wird, ist das alles andere als schön. Als Urlauber aber nehmen Sie vor allem die Teiche sehr negativ wahr, die sind ein echter Fremdkörper in der Landschaft. Warum kommt man denn in die Alpen? Wegen der unberührten Natur, der Ruhe, einer Landschaft ohne technische Infrastruktur. Mit diesen Systemen macht man sich all das kaputt, was gerade im Sommertourismus so wichtig ist. Und dessen Bedeutung wird ja in den kommenden Jahren auch noch zunehmen.

news.de: Wie viel Wasser verbraucht eine durchschnittliche Schneekanone, um einen Hektar Piste zu beschneien?

Markgraf: Für die Grundbeschneiung zu Beginn der Saison wird erst einmal eine 30 Zentimeter dicke Schneedecke aufgebracht, dafür braucht man Pi mal Daumen etwa eine Million Liter Wasser pro Hektar. In der Theorie. Denn in der Realität gibt es immer wieder Wärmeeinbrüche, es muss nachbeschneit werden, da gehen wir sogar von bis zu vier Millionen Liter aus. Und wenn man das mal auf die gesamten Alpen hoch rechnet, kommt man auf eine riesige Menge Wasser.

news.de: Wie wirkt sich die Beschneiung auf den Wasserhaushalt der Berge aus?

Markgraf: Die Beschneiung erfolgt ja zu einem Zeitpunkt, wo in der Regel ohnehin schon wenig Wasser in den Gewässern ist, weil viel durch Schnee gebunden ist. Und die Tiere in diesen Gewässern zeigen bei niedrigerer Temperatur auch eine geringere Aktivität und sind anfälliger für Stress. Wenn jetzt zusätzlich Wasser entnommen wird, führt das auch ganz real in manchen Gewässern schon zum Austrocknen. Doch auch, wenn der Wasserpegel nur sinkt, haben die Tiere dadurch weniger Bewegungsspielraum. Zudem kann es passieren, dass ein Gewässer an den Rändern zufriert. Das kann dramatische Auswirkungen haben.

news.de: Das Problem dürfte es aber bei Speicherteichen doch nicht geben, oder?

Markgraf: Hier haben wir aber ein anderes. Denn das Wasser wird schon im Herbst in diese Teiche geleitet, zu einer Zeit, in der etwa Amphibien auf der Suche nach einem Winterquartier sind. Für diese Tiere können die Teiche dann zu einer Falle werden, wenn sie leer laufen und bis zum Boden durchfrieren. Das ist eine ziemlich komplexe Sache und neben dem Energieverbrauch ist das Problem mit dem Wasser sicher das gravierendste.

news.de: Wie hoch ist denn der Energieverbrauch für die Beschneiung?

Markgraf: Wir rechnen mit bis zu 27.000 Kilowattstunden pro Hektar, das entspricht etwa dem Jahresverbrauch von sechs Vierpersonenhaushalten. Alpenweit werden etwa 600 Millionen Kilowattstunden verbraucht, umgerechnet kommen damit etwa 130.000 Vierpersonenhaushalte ein Jahr aus. Paradoxerweise redet jeder vom Klimaschutz, und die Reaktion darauf ist, etwas mit noch mehr Aufwand zu tun, was den Wandel noch beschleunigt.

news.de: Und diese Kosten werden bereitwillig getragen?

Markgraf: Das ist eine Spirale, in die sich all gegenseitig reinziehen. Pfronten im Oberallgäu aber versucht zum Biespiel, neue Wege zu gehen, und auch im Traunsteiner Bereich gibt es das Ökomodell Achental, die haben gar keinen Skitourismus mehr. Viele Orte sind aber zu stark auf den Skitourismus fixiert. Und eine Umorientierung erfordert immer auch Mut und Geduld, denn die Ergebnisse sind eben nicht von heute auf morgen zu sehen. Das bezeichnende Zitat eines Bürgermeister dazu ist: ‹Wenn der Skilift stillsteht, dann stirbt der Ort.› Und gerade, weil es da auch um Abschreibungszeiträume geht, versuchen die meisten Urlaubsziele noch, rauszuholen, was rauszuholen ist. Und das, obwohl man weiß, dass das irgendwann ein Ende haben wird. Das ist einfach eine Sackgasse.

Die promovierte Biologin Christine Markgraf studierte von 1987 bis 1993 an der Universität Regensburg. Seit 1994 arbeitet sie für den Bund Naturschutz, seit 1998 ist sie Büroleiterin in München und seit 2003 Artenschutzreferentin für Südbayern. Sie setzt sich vor allem mit dem Naturschutz und der Situation der Gewässer in den Alpen sowie der Umsetzung der so genannten FFH-Richtlinie zur Schaffung von Naturschutzgebieten in den Alpen auseinander.

ruk

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