Von den news.de-Redakteurinnen I. Wiedemeier und I. Weißbach - 28.07.2009, 07.15 Uhr

Private Geschichten der Einheit: «Wir hatten Angst, wollten aber zusammen sein»

Urlaub am Plattensee - das bedeutete für DDR-Bürger dasselbe wie für Westdeutsche der Sommer in Italien. Sonne, Wasser, eine fremde Sprache, das Gefühl von Freiheit, weg vom Chef, von den Kollegen. Raus aus der Enge des eigenen kleinen Staates.

Völkerverständigung am Balaton. Bild: Collegium Hungaricum

Dass für 700 Ostdeutsche im Sommer 1989 die Freiheit am Plattensee plötzlich in einem durchgezwackten Grenzzaun greifbar wurde, gibt den Sommern in den 1960er, 70er und 80er Jahren im Nachhinein noch eine besondere Würze. Denn im Mikrouniversum der Campingplätze am Plattensee war Deutsche Einheit längst Realität. Zum Beispiel bei den Treffen von Christine Fischwasser und Brigitte Maudanz. Die beiden Frauen, eine aus dem Osten, die andere ein Westkind, lernten sich im Urlaub kennen. Kontakt knüpften sie vornehmlich über ihre Kinder, die zusammen spielten. Die Erwachsenen begegneten sich zunächst noch zurückhaltend, dennoch entwickelte sich nach dem Urlaub ein intensiver Briefkontakt. Pakete wurden getauscht, man traf sich abermals am Balaton und die Frauenfreundschaft hält bis heute.

Ungarn brachte die Menschen zusammen: Alte und neue Freundschaften, durch die Mauer getrennte Familien, organisierte Treffen der evangelischen Kirche. Ungarn unterstützte Liebesgeschichten und verhalf zur Flucht: Wie bei Catrin und Dieter Hennecke. Die Tochter eines Stasi-Offiziers lernte 1983 in Leipzig beim Tanzen Dieter kennen – aus Westdeutschland. Sie verliebten sich auf den ersten Blick. Dem Urlaub 1984 in Ungarn folgt die Flucht in den Westen. Dieter Hennecke hat ein Auto umbauen lassen, so dass sich seine Liebe im Tankbereich vor den Grenzkontrollen verstecken konnte. «Wir hatten Angst. Und im Auto hat alles nach Diesel gestunken, das war einfach nur schlimm», sagt Catrin Hennecke heute. «Aber wir waren verrückt nacheinander und wollten zusammen sein.»

Die beiden sind zwei von inzwischen 47 Menschen, die sich beim ungarischen Kulturinstitut Reisewege – Fluchtwege: Kleckerburg am Kieselstrand
Deutsch-deutsche Vorurteile: «Die Mauer in den Köpfen ist noch vorhanden»
Das Tal der Ahnungslosen: Volkszorn, Kabel, Ochsenköpfe

Dossier zum Thema:

Wieder vereint: 20 Jahre friedliche Revolution

ruk/news.de

Empfehlungen für den news.de-Leser