Von news.de-Redakteurin Anwen Roberts - 27.05.2009, 17.40 Uhr

Nager-Genetik : Mensch ist nicht Maus

Weder Laborratten noch Versuchskaninchen, sondern Mäuse sind die echten Modelltiere der Forschung – auch weil sie uns Menschen genetisch so ähnlich sind, hieß es lange. Jetzt wurde das Maus-Genom vollständig analysiert - und dabei mehr Unterschiede gefunden als gedacht.

Unser liebstes Versuchskaninchen, die Maus, ist jetzt genetisch komplett entziffert. Bild: ap

Ganz normale Mäuse sind - abgesehen von der Fruchtfliege - in Forschungslabors wohl die wichtigsten Modellorganismen überhaupt. Ihnen verdanken wir zahllose Erkenntnisse auch über menschliche Krankheiten.

Im Gegenzug wissen wir bereits mehr über die Gene des Nagers als über jedes andere Säugetier. Abgesehen von der Analyse des menschlichen Erbguts, die 2006 vervollständigt wurde, ist bisher kein Organismus gleichermaßen umfassend untersucht worden.

Mehr oder minder akkurat ist das Mauserbgut zwar schon Ende 2002 untersucht, der DNA-Datenwust im Zellkern in einzelne Gene oder funktionale Abschnitte unterteilt worden.

Auch das Genom - die Summe und Anordnung aller Gene auf allen Chromosomen - von Schimpansen, Ratten, Hunden und Katzen wurde schon grob durchsequenziert.
Doch erst jetzt haben US-amerikanische, schwedische und britische Forscher das Erbgut von Mäusen erneut und diesmal viel exakter entziffert - und ihre Ergebnisse mit dem Genom des Menschen verglichen. Die Unterschiede seien wesentlich größer als bisher gedacht, so die Wissenschaftler um Deanna Church im Journal PLoS Biology.

2002 hatte die Genuntersuchung ergeben, dass das Erbgut der Maus 14 Prozent weniger umfangreich ist als das menschliche. Dennoch hätte die Maus genau wie der Mensch rund 30.000 Gene, die auch zu 99 Prozent im Menschen wiederzufinden seien, hieß es.

Doch bei der aktuellen Analyse fanden die Genetiker nur 20.210 Mäusegene. Beim Menschen sind es dagegen 19.042. Dass die Maus insgesamt demnach gut 1000 Gene mehr besitze, sei aber nicht verwunderlich, erläutern die Forscher. Hauptursache dafür sei, dass im Erbgut der Maus mehr Gene mehrfach vorkommen, doch kämen auch einige der Mäusegene im Menschen gar nicht vor.

Gut 15.000 Gene von Mensch und Maus sind der Untersuchung zufolge funktional verwandt und stammen von einem gemeinsamen Vorläufer ab – somit ähnelt das Mäuse-Genom nur zu etwa drei Vierteln dem Unsrigen.

Die funktional gleichen Gene waren schon Teil des Erbguts, als sich die Nagetiere in der Kreidezeit von anderen höheren Säugetierordnungen abspalteten. Das verbleibende Viertel der Gene hat sich somit erst in den letzten 90 Millionen Jahren entwickelt.

Jetzt gilt es zu überprüfen, wie aussagekräftig der Vergleich mit dem Menschen-Genom ist, weil bislang nur das Erbgut eines einzelnen Labormausstammes erfasst wurde. Angesichts der großen Bedeutung von Mäuseversuchen für die Erforschung von Krankheiten wie Krebs, Diabetes oder Herzerkrankungen ist nun außerdem fraglich, wie zulässig eine direkte Übertragung von Forschungsergebnissen auf den Menschen ist.

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hav/news.de/dpa

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