Kunst und Krieg: Biennale in Venedig: Russland vor der nächsten Rückkehr
Im Sport sind schon wieder Athleten unter russischer Flagge am Start. Jetzt will das Putin-Reich auch bei der großen Kunstausstellung in Venedig dabei sein. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Der 9. Mai ist traditionell der Tag, an dem Russland seinen Sieg im Zweiten Weltkrieg über Nazi-Deutschland feiert. In Moskau wird Kremlchef Wladimir Putin wohl wieder eine große Militärparade abnehmen. Dieses Jahr könnte er noch einen Grund zum Feiern haben: Am selben 9. Mai öffnet in Venedig die Biennale für sechs Monate ihre Pforten, eine der wichtigsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst weltweit. Und Russland wird womöglich erstmals seit Beginn seines Angriffskriegs gegen die Ukraine wieder dabei sein.
Grünes Licht aus Italien gibt es bereits. Biennale-Leiter Pietrangelo Buttafuoco, 2023 von der rechten Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ins Amt gehoben, verkündete: "Keine Boykotte, keine Vetos, keine Säuberungen: Die Biennale geht einen anderen Weg als die Politik." Russland werde genauso wenig ausgeschlossen wie alle anderen Länder, die sich im Krieg befänden: auch Israel, auch der Iran und auch die Ukraine. Buttafuoco fügte noch hinzu, eine "Biennale des Waffenstillstands" veranstalten zu wollen – auch wenn es aktuell für eine Feuerpause keine Anzeichen gibt.
Moskaus Projekt: "Der Baum ist im Himmel verwurzelt"
In Moskau laufen die Vorbereitungen längst. Präsentiert werden soll in den Biennale-Gärten ein Musik- und Performanceprojekt "Der Baum ist im Himmel verwurzelt", an dem mehr als 50 Künstler beteiligt sind. Kuratorin des russischen Pavillons ist Anastassija Kornejewa, Tochter eines Geheimdienstgenerals und Geschäftspartnerin einer Tochter von Außenminister Sergej Lawrow. Betrieben wird das Vorhaben vom Kreml-Beauftragten für internationalen Kulturaustausch, Michail Schwydkoi.
Die Namen stehen für eine staatlich gelenkte und autoritäre Kulturpolitik, vor der Dutzende Regisseure, Musiker, Schriftsteller und andere Künstler seit Kriegsbeginn geflohen sind. Für Moskau wäre der Auftritt in der Lagunenstadt ein weiterer Triumph im Vorhaben, trotz aller Proteste aus der Ukraine und fast geschlossener Ächtung durch Europa in den Kreis der internationalen Gemeinschaft zurückzukehren.
Gebäude stammt noch aus der Zarenzeit
Bei den Paralympics-Winterspielen in Mailand und Cortina d'Ampezzo – also auch in Italien – sind bereits wieder Sportler unter russischer Flagge am Start. Der Präsident des Fußball-Weltverbands Fifa, Gianni Infantino, wirbt ebenfalls vehement dafür, Russland wieder mitmachen zu lassen. Und nun also die Kunst, nachdem noch vergangenes Jahr der Stardirigent und Putin-Freund Waleri Gergijew in Italien nicht auftreten durfte.
Der russische Pavillon auf der Biennale – ein Gebäude von 1914, gebaut noch während des Zarenreichs – bot auch zu Zeiten der Sowjetunion schon Anlass für politische Diskussionen. Formal gehört er dem russischen Staat, steht aber auf italienischem Boden. Bei den beiden vorigen Biennalen wurde er von Russland nicht genutzt: 2022 zogen sich die vorgesehenen Künstler aus Protest gegen den Angriff auf das Nachbarland kurzfristig zurück. 2024 überließ Moskau das Gebäude Bolivien.
EU droht mit Entzug von Fördermitteln
Das mögliche Comeback ist sehr umstritten. Kiew verweist darauf, dass seit Beginn der Invasion mindestens 342 ukrainische Künstler getötet sowie Tausende kulturelle Einrichtungen zerstört oder beschädigt worden seien. Aber nicht nur aus der Ukraine kommt Protest. Die EU-Kommission droht damit, der Biennale-Stiftung Fördermittel in Millionenhöhe zu entziehen. Die Regierungen von 22 europäischen Ländern appellierten an die Ausstellungsmacher, die Teilnahme Russlands zu "überdenken".
Gastgeber Italien gehört nicht dazu. Kulturminister Alessandro Giuli machte jedoch deutlich, dass er mit dem Kurs der Biennale ebenfalls nicht einverstanden ist. "Ich bin der Meinung, dass Kunst in einer Autokratie nur insofern frei ist, wenn sie sich gegen diese Autokratie auflehnt. Wenn sie von den Spitzen eines autokratischen Staates ausgewählt wird, hat sie nicht die Freiheit, die dem reinen künstlerischen Ausdruck gewährt wird." Im Meloni-Lager wird jedoch darauf verwiesen, dass die Entscheidung über Russlands Teilnahme nicht in Rom liege.
Russische Opposition im Exil schlägt Alternative vor
Die Plattform russischer demokratischer Kräfte in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates warnte die Ministerpräsidentin, die als zuverlässige Unterstützerin der Ukraine gilt, vor einem "gefährlichen Präzedenzfall". "Kulturelle Ereignisse wie die Biennale sind nicht losgelöst von der Weltpolitik", heißt es in einem Brief. Deshalb dürfe kein "künstlich erzeugtes Konzept eines faschistischen Regimes" präsentiert werden. Vielmehr sollten russische Künstler und Intellektuelle im Exil ein Forum erhalten.
Das international bekannte russische Künstlerkollektiv Pussy Riot verwies darauf, dass Moskaus Pavillon in Venedig keineswegs den diplomatischen Status einer Botschaft habe. Deshalb könne die Regierung in Rom sehr wohl entscheiden, ob Russland teilnehmen dürfe oder nicht. So oder so: Die Punkband Pussy Riot will nun auch zur Biennale kommen.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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