22.03.2017, 11.07 Uhr

"Ich will dir in die Augen sehen": Vergebung? Frau geht mit ihrem Vergewaltiger auf Tour

Thordis Elva und Tom Stranger waren früher einmal ein Paar. Dann wurde sie von ihm vergewaltigt. Jetzt haben Opfer und Täter zusammen ein Buch geschrieben. Und touren gemeisam um die Welt. Geht das?

Thordis Elva und Tom Stranger. Bild: dpa

Es ist schon mehr als 20 Jahre her, dass Thordis Elva und Tom Stranger das erste und einzige Mal in ihrem Leben zusammen auf einen Ball gingen. Das war im Dezember 1996, der Weihnachtsball von Thordis' Schule, in Islands Hauptstadt Reykjavik. Sie war 16. Er, ein Austauschschüler aus Australien, zweiJahre älter. Beide seit ein paar Wochen ein Paar. Thordis trank zuviel, Tom brachte sie nach Hause. Dann - so erzählen es beide - vergewaltigte er sie.

Thordis Elva wurde zwei Stunden vergewaltigt - von Tom Stranger

Zwei Stunden lang. Noch heute erinnert sie sich, wie sie auf der Digitalanzeige ihres Weckers die

Sekunden herunter zählte. "Seit dieser Nacht weiß ich genau, dass zwei Stunden 7200 Sekunden haben." Zwei Tage später kam Tom noch einmal vorbei, um Schluss zu machen. Dann ging er nach Australien zurück. Thordis blieb auf ihrer Insel und behielt alles lange Zeit für sich. Zur Polizei ging sie nie.

Bis dahin: nichts Besonderes. Man weiß, dass sich in den meisten Fällen von sexueller Gewalt Opfer und Täter kennen. Und auch, dass bei Vergewaltigungen die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher liegt. Was die Geschichte so ungewöhnlich macht, ist, dass Thordis und Tom nach all der Zeit zusammen ein Buch geschrieben haben. Jetzt sind sie sogar miteinander auf Tour durch die Welt.

Thordis Elva und Tom Stranger reisen mit "South of Forgiveness" durch die Welt

Im englischsprachigen Raum sorgt "South of Forgiveness" (in etwa: "Im Süden des Vergebens") bereits für viel Aufsehen. Ein Internet-Video, wie beide in San Francisco gemeinsam auf der Bühne stehen, wurde mehr als 2,8 MillionenMal geklickt. Soeben ist das Buch auch auf Deutsch erschienen. Titel: "Ich will dir in die Augen sehen". Auf dem Umschlag stehen die Namen von Opfer und Täter, ihrer allerdings doppelt so groß. Anfang April sind sie auch in Deutschland.

Dass die beiden wieder miteinander in Kontakt kamen, liegt an Thordis Elva. Die Isländerin hatte nach Jahren der Selbstzweifel Karriere als Journalistin gemacht, sich auch mit dem Thema sexuelle Gewalt befasst. 2005 schrieb sie an Tom Stranger. "Ich wollte, dass er Verantwortung übernimmt. Ich hatte keine große Hoffnung, dass dabei etwas herauskommt. Aber ich musste das tun, für mich selbst."

Die Autorin Thordis Elva. Bild: dpa

Die Antwort-Mail kam schnell. Stranger gab zu, was er getan hatte, auch wenn er es anfangs noch nicht Vergewaltigung nannte. "Es ist ein dunkler Teil meiner Erinnerung. Ich habe versucht, ihn zu unterdrücken." Jahre später trafen sich die beiden auch: auf halber Strecke zwischen Island und Australien, in Kapstadt. Die Aussprache dauerte eine ganze Woche.

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