Von news.de-Mitarbeiter Michael Kraft - 18.05.2014, 11.47 Uhr

Andrew Sean Greer: Andrew Sean Greer stellt die großen Fragen des Lebens

«Warum ist es unmöglich, eine Frau zu sein?»

Vor allem aber erweist sich die Rolle der Frau als Konstante: «Warum ist es unmöglich, eine Frau zu sein?», fragt sich die Heldin dann auch ganz explizit gegen Ende des Buches. «Ich habe die Ebene des Daseins gesehen, und nirgends darauf ist es einer Frau vergönnt, den Lebensweg zu beschreiten, den sie sich immer erträumt hat. Immer gibt es Grenzen, Regeln, Fragen - willst du nicht lieber wieder heim an den Herd, junge Dame? - die den Lebenszauber brechen.»

Solche grundsätzlichen Gedanken sind ein wichtiges Element von «Ein unmögliches Leben». Greta als Ich-Erzählerin spricht den Leser direkt öfter an oder wendet sich sogar an die ganze Menschheit. Dann hat der Roman im harmlosesten Fall nette Aphorismen zu bieten. Im extremsten Fall sind es Sätze, die Allgemeingültigkeit beanspruchen, wie Gesetze für das Menschengeschlecht.

Parallele Welten und Universen - gibt es sie wirklich?

Dass der Autor in ganz großen Dimensionen denkt, zeigt sich auch in seinen immer wieder auftauchenden Gedanken zum Zusammenspiel von Rationalem und Irrationalem, von Wissenschaft und Esoterik. Das findet sich zunächst in dem feinen Kniff, dass ausgerechnet eine Anwendung der Medizin (also einer Wissenschaft) dazu führt, dass Greta in magischen Welten landet. Es findet sich auch in den wiederholten Anspielungen Greers auf physikalische Modelle, die andere, womöglich parallele Welten und Universen für möglich oder gar wahrscheinlich halten.

«Es heißt, es gibt viele Welten. Rings um die eigene, dicht gepackt wie die Zellen unseres Herzens. Jede mit ihrer eigenen Logik, ihrer eigenen Physik, ihren Monden und Sternen», schreibt er beispielsweise an einer Stelle. »In diesen anderen Welten sind alle deine geliebten Orte da, deine geliebten Menschen. Und vielleicht wird in einer dieser Welten alles Unrecht wiedergutgemacht und das Leben so, wie du es dir wünscht. Was also, wenn du die Tür fändest? Was, wenn du den Schlüssel hättest?»

Andrew Sean Greer legt rührenden Roman vor

Solche Passagen zeigen die Intelligenz, Kreativität und Tiefe dieses Romans, dennoch ist «Ein unmögliches Leben» weit davon entfernt, verkopft zu sein. Es ist ein emotionales, rührendes, manchmal auch herzzerreißendes Buch. Andrew Sean Greer dringt in diesem Roman ganz tief vor zum Kern der Liebe, zur Frage, wie sie uns schmeichelt, verletzt und uns den Spiegel vorhält.

Das zeigt sich auch in einem weiteren Leitmotiv: den Seuchen. 1918 ist es die spanische Grippe, die zur tödlichen Gefahr geworden ist, 1985 ist es Aids, das junge Männer reihenweise dahinrafft. Man liegt wohl nicht ganz falsch, wenn man unterstellt, dass Greer hier noch eine weitere Epidemie schildert: Die Unfähigkeit, seine Rolle im Leben zu finden und mit denen zusammen zu sein, die wir lieben. Auch sie ist wie eine Seuche - uralt, unausrottbar und im schlimmsten Fall tödlich.

Autor: Andrew Sean Greer
Titel: «Ein unmögliches Leben»
Verlag: S. Fischer
Umfang: 336 Seiten
Preis: 19,99 Euro

Folgen Sie News.de schon bei Facebook, Google+ und Twitter? Hier finden Sie brandheiße News, tolle Gewinnspiele und den direkten Draht zur Redaktion.

zij/news.de

  • Seite:
  • 1
  • 2
Empfehlungen für den news.de-Leser