Von Jenny Tobien - 30.04.2011, 08.47 Uhr

Ulla Hahn: «Meine Biographie hat märchenhafte Züge»

Ulla Hahn zählt zu den bedeutendsten Lyrikerinnen der Gegenwart. Und auch mit ihren Romanen hat sie Hunderttausende Leser begeistert. Am Samstag feiert sie ihren 65. Geburtstag. Sie möchte neugierig bleiben und sich weiterhin selbst überraschen.

Ulla Hahn arbeitet derzeit am dritten Teil ihrer Romantrilogie und an einem Lyrikband. Bild: dapd

Schon als Kind brach Ulla Hahn, die am 30. April 2011 ihren 65. Geburtstag feiert, aus dem Arbeitermilieu ihrer Familie aus, indem sie die Literatur für sich entdeckte. Anfang der 1980er Jahre wurde sie durch ihre Lyrik bekannt. Marcel Reich-Ranicki zählte damals zu ihren großen Förderern. Hahn ist mit dem SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi verheiratet und lebt in Hamburg.

Frau Hahn, ist der 65. Geburtstag für Sie Anlass, Bilanz zu ziehen?

Ulla Hahn: Ach, Bilanz ziehe ich eigentlich schon, seitdem ich Das verborgene Wort geschrieben habe. Damals ist eine sehr gute Freundin von mir an Krebs gestorben, viel jünger als ich. Das war ein Anstoß für mich zu schauen, was hast du bisher mit deinem Leben gemacht? Wo stehst du jetzt? Wo kommst du her? Seitdem schau ich immer wieder zurück, und das ist eine spannende Angelegenheit.

Und was haben Sie dabei erkannt?

Hahn: Es ist ein sehr schwieriger, aber lohnender Prozess. Zu akzeptieren, dass man nicht mehr die Person von früher ist, die aber noch in einem steckt. Deshalb kann ich mich auch gut in viele Migrantenschicksale hineinversetzen. Wenn man in den 50er Jahren in einer sogenannten bildungsfernen Schicht aufwächst, ist das gut vergleichbar zu dem, was Migranten heute leisten, wenn sie sich integrieren müssen. Sie stellen sich - ebenso wie ich damals - die Frage: Was kann ich mitnehmen von früher und was muss ich zurücklassen?

Sie sagten einmal: «Schreiben ist meine Weise, mich mit allen möglichen Ängsten auseinanderzusetzen». Haben Sie eine Art Selbst-Therapie gemacht?

Hahn: Schreiben ist immer bis zu einem gewissen Grad Selbsterforschung und Therapie. Man sagt im Deutschen ja auch: «Sich etwas von der Seele schreiben». Und wenn ich mit einem ästhetischen Verlangen an die Sache gehe, wird die Distanz noch größer als etwa beim Tagebuchschreiben. Heute kann ich, was ich geschrieben habe, zum Teil unter Schmerzen, so lesen, als wäre es von jemand anderem. So entfernt ist das. Dadurch habe ich mich auch wieder mit meinen Eltern ausgesöhnt. Ich hab mir meine Familie wieder erschrieben, das kann ich ohne Pathos sagen.

Ihre mitunter schwere Kindheit und Jugend haben Sie in den Bestsellern Das verlorene Wort und Aufbruch verarbeitet. Was kann der Leser von dem dritten Teil der Trilogie erwarten? Und spüren Sie einen gewissen Druck, die hohen Erwartungen erfüllen zu müssen?

Hahn: Im dritten Band möchte ich eine freiere Form des Erzählens ausprobieren. Wann er fertig sein wird, weiß ich noch nicht. Ich lasse mir Zeit und setze mich nicht unter Druck. Ich habe mich wirklich nie gefragt, komme ich an oder komme ich nicht an. Natürlich ist es schön, gelesen zu werden. Aber ich habe nie während des Schreibens auf den Leser geschielt. Wichtig ist es, sich immer wieder selbst zu überraschen und nicht eine Pflicht abzuhandeln.

Berühmt geworden sind Sie in den 1980er Jahren durch Ihre Gedichte. Im Herbst veröffentlichen Sie einen neuen Lyrikband. Wenn Sie sich entscheiden müssten, Lyrik oder Prosa?

Hahn: Mein Geliebter ist die Lyrik und verheiratet bin ich mit der Prosa. Gedichte sind einfach etwas Wunderschönes.

Einmal sagten Sie: «Ich möchte auch noch mit achtzig Liebesgedichte schreiben, aber bitte nicht dieselben wie mit vierzig.» Inwiefern verändert sich Ihr Schaffen?

Hahn: Es war für mich selbst überraschend, wie lässig meine Gedichte geworden sind. Sie sind freier und frecher. Dieser Abbau von Ängsten durch mein jahrzehntelanges Schreiben, den merkt man den Texten an. Und wenn ich heute meine früheren Verse betrachte, ist es, als würde ich die Gedichte einer jüngeren Schwester lesen: Etwas wehmütig, etwas neidisch und manchmal mit einem Kopfschütteln.

Sie bezeichnen sich selbst als politischen Menschen, aber aus öffentlichen gesellschaftspolitischen Debatten halten Sie sich - im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen - weitestgehend heraus. Warum?

Hahn: Wissen Sie, diese Selbstgewissheit, mit der manche Kollegen unsere Politiker und die Lage dieses Landes beurteilen, kann ich nicht teilen. Nicht nur, weil ich durch meinen Mann das Handwerk auch von innen kenne. Der Generalverdacht, dass Politiker nur in die eigene Tasche wirtschaften oder ihre Macht im Sinn haben, ist eine Unverschämtheit. Mit dem Mund kann man alles machen. Und Papier ist geduldig. Aber letzten Endes müssen diese Allesbesserwisser für nichts, was in der Politik geschieht, Verantwortung übernehmen. Doch die Arbeit von amnesty international oder Writers-in-Prison habe ich schon immer unterstützt.

«Nirgend sesshaft außer im Wort», schrieben Sie einmal. Inzwischen sind Sie fest in der Hamburger Gesellschaft verankert. Fühlen sie sich mit bald 65 angekommen?

Hahn: Meine Biografie hat für mich beinah märchenhafte Züge. Aber angekommen? Wenn mein Mann nicht hier wäre - ich könnte morgen meine Sachen packen. Dieses Gefühl, ich müsste an einem bestimmten Ort sein, kenne ich nicht. Ich bin zufrieden, wenn ich Stift, Papier und einen Laptop habe. An einem Platz, an dem es ruhig ist, warm und hell - und mein Mann irgendwo in der Nähe.

car/news.de/dpa

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