Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach - 15.04.2011, 10.26 Uhr

Katja Kessler: Die perfekte Frau für Schatzi

Katja Kessler hat beschlossen, ihren Mann zu dressieren und dazu passend ein Buch geschrieben - über das Leben mit vier Kindern und Schatzi, ihrem Bild-Chefredakteurs-Ehemann. Mit news.de spricht die Autorin über den Alltag als D-Promi zwischen vollen Windeln und Vip-Partys.

Katja Kessler - mal ohne Schatzi, Omi Kiel und die vierköpfige Rasselbande, dafür mit Pusteblume. Bild: Holde Schneider

Ihr neues Buch heißt Der Tag, an dem ich beschloss, meinen Mann zu dressieren. Am Anfang schreiben Sie aber erst mal einen herzergreifenden Brief an Ihre Mutter, die Sie Omi Kiel nennen.

Kessler: Neben dem Amüsement, das das Buch bieten soll, war mir der Brief wirklich ein Anliegen. Darin erkläre ich ihr meine Liebe und dieses Gefühl, dass ich sie oft gern umarmen möchte, um sie dann eine Runde zu schütteln. (lacht)

Ist es ein Brief geworden, weil es in einer Mutter-Tochter-Beziehung oft Dinge gibt, die man nicht aussprechen kann?

Kessler: Genau. Meiner Mutter gegenüber bin ich oft sprachlos und das deprimiert mich. Denn als Autorin ist das ja mein Job. Ich liebe meine Mutter und gleichzeitig tut sie Dinge, die ich so nicht verstehe. Im Buch beschreibe ich, wie ich - meine Mutter hatte sich endlich bereit erklärt, zu uns zu ziehen - in ihre Wohnung komme und feststellen muss, dass sie ihre ganzen Habseligkeiten, ihr ganzes Leben in Chiquita-Bananen-Kartons verpackt hat. Das tat mir weh, ich hatte das Gefühl, ich muss weinen - aber meine Mutter? Die wollte dafür noch gelobt werden. Ich konnte ihr nicht sagen, dass ich das ganz schlimm finde. Und ich fand schlimm, dass ich ihr das nicht sagen konnte. So ist ein Brief draus geworden.

FOTOS: Katja Kessler Die Mami mit den Hochhackigen

Viele Töchter werden sich in Ihren Schilderungen wiederfinden. Es soll ja auch Mütter geben, die nicht kochen können, und die Töchter trauen sich nicht, es anzusprechen.

Kessler: Tja, ich schon! Ich drohe den Leuten gern mit Oma Kiels Mehlsoßen. Mit denen bin ich groß geworden, die waren einfach nur furchtbar. Das hat echt Wirkung. Die sind alle total eingeschüchtert.

Und wie fand Ihre Mutter den Brief im Buch?

Kessler: Wissen Sie was? Ab und an kommen Freunde zu ihr und sagen: «Mensch Ina, is’ doch ein schöner Brief, nich’?» Dann zuckt sie etwas ratlos die Achseln, sie kennt nämlich nur Auszüge. Oft klopfe ich nachts halb drei an ihre Zimmertür. «Mama, ich muss dir jetzt mal dringend was vorlesen.» Und missbrauche sie als Testzuhörerin für frisch Geschreibseltes ohne Anfang und Ende und tieferen Sinn. Die Arme! Aber das ist das Schicksal der Mütter. Wenn man sie braucht, werden sie an- und ausgeknipst wie ein Nachttischlämpchen. Kinder sind böse.

Neben Geschichten über Ihre Familie beschreiben Sie Promipartys, die nicht gut weg kommen. Gehen Sie nach der Veröffentlichung mit einem mulmigen Gefühl auf diese Veranstaltungen?

Kessler: Ganz im Gegenteil! Ich finde, dass ich mit Vip-Partys und dem Vip-Personal dort richtig zärtlich bin. Ich gehe da ja auch gern hin. Wie der Klempner seinen Blaumann anzieht, so schnalle ich mir die Hochhackigen unter, schlüpfe ins enge Kleid und los. Aber natürlich bergen solche Veranstaltungen auch viel Skurriles. Im Buch beschreibe ich die drei klassischen Promitriebe: den Sexual-, den Steuerspar- und den Platzkärtchentauschtrieb. Letzterer tobt auch in mir. Vor dem Setzen cruise ich gern um die eingedeckte Tafel und sende Stoßgebete zum Himmel: «Oh Gott, ich will aber nicht neben der Beate oder dem Heiner sitzen». Das ist wie in der Schule.

Promis machen sich also auch über das Verhalten anderer Promis lustig.

Kessler: Na klar, unbedingt! Promis unterhalten sich wahnsinnig gern über andere Promis. Und, eiserne Regel: Auch hier kochen alle nur mit Champagner. Das ist doch beruhigend, oder? Übrigens halte ich in meinem Buch den Servicegedanken hoch. Nach dem Motto: «Nicht nur die Schönen und Reichen können überkandidelte miserable Partys feiern - und auch in dir steckt ein schlechter Gastgeber!» gebe ich Tipps zum Nachmachen. Zum Beispiel: Spätestens ab zwei Gästen sollte man auf einen Stuhl steigen, Klong-Klong am Glas machen und sagen: «Herzlich willkommen in der Villa Rotfuchs/ Schwalbenschwanz/ Murmeltier.»

Früher waren Sie als Journalistin auf diesen Partys und heute werden Sie als Promi eingeladen …

Kessler: Naja, ich bin ja eher D-Promi. Und wenn ich mit meinem Mann mitgehe, dann widerfährt mir eine wundersame Metamorphose: dann werde ich zur Salatgarnitur am Schnitzel. Leute unterhalten sich mit mir: «Ach was, ach nein, ach toll!» Und wenn sie sehen, dass mein Mann frei ist, sagen sie «Vergessen Sie nicht, was Sie sagen wollten, Frau Kessler, bis gleich!» und, zack!, weg! Aber das ist auch nicht das wahre Leben. Das wahre Leben sind meine vier Kinder. Mit tausend Höhen und ein paar klitzekleinen Tiefen. Vor zwei Tagen hatte ich es echt eilig und stieß im Badezimmer auf meine zweieinhalbjährige Tochter, die ich bei ihrem Mittagsschlaf wähnte. Stattdessen hatte sie meine Schublade mit den Lippenstiften geplündert und «mala, mala» gemacht an Wänden, Schränken und auf dem Fußboden. Ich habe dann auch nicht gerufen: «Du süßes, kleines, putziges Dingsbums», sondern wütend «Kakao» geschrien. Das sind Situationen, die mich erreichen, die Leben ausmachen. Nicht, wenn ich irgendwo zum Small Talk stehe und mir Häppchen zwischen die Zähne schiebe.

Würden Sie manchmal lieber wieder eine tägliche Society-Kolumne schreiben als «Mala, mala» wegzumachen?

Kessler: Alles hat seine Zeit. Die Kolumne war großartig. Ohne sie würde ich jetzt nicht hier stehen und schlau daher reden. Aber damals war ich Guerillakämpferin, Untergrund. Mich kannte keiner, ich kannte niemanden. Stattdessen habe ich auf Partys meinen Nebenmann angestupst und gefragt: «Sag mal, ist das nicht die Uschi Glas, die da eben an uns vorbei gegangen ist? Wow!»
Jetzt würde ich da nicht mehr jeden Abend hinwollen. Ich bin älter geworden, und in meinem Buch beschreibe ich, warum das toll ist. Als Frau weißt du jetzt, was dir gut tut und warum 300-Watt-Lampen direkt über deinem Kopf unvorteilhaft sind. Mein Mann springt für mich durch den brennenden Reifen, meine Kinder malen mir Bilder. Man sieht: Ich habe mir mein Leben sehr schön eingerichtet.

Hört sich tatsächlich wie ein perfektes Leben an.

Kessler: Ich fühle mich wohl, aber dafür musst du als Frau echt was tun. Du darfst nicht dasitzen und erwarten, dass der Prinz durch die Tür kommt und mit dir ins Paradies reitet. Männer sind immer nur das Petersiliensträußchen obendrauf. Für mich war immer wichtig, dass ich arbeite und eigenes Geld verdiene. Was alles schwierig ist, wenn du Kinder hast. Kann ich trotzdem eine gute Mutter sein? Da lauern jede Menge technische, finanzielle und emotionale Fallgruben. Wer betreut meine Kinder? Wie bezahle ich das? Außerdem sind wir Frauen per Gene Defizitverwalterinnen. Wir fallen abends gern ins Bett und zählen uns erst mal auf, was wir alles nicht geschafft haben. Am nächsten Tag kommt Neues hinzu. Das ist eine sich niemals leerende Liste mit Punkten.

Ich habe noch keine Kinder und Respekt vor Menschen, die beides, Arbeit und Kinder, unter einen Hut bekommen.

Kessler: Aber wenn man sich liebt und zusammen bleiben will und in finanziell stabilen Verhältnissen lebt: Einfach machen! Das ist das größte Glück, was man als Frau mit einem Mann erfahren kann. Auch wenn ich jetzt total retro klinge.

Aber Kinder passen gerade so schlecht.

Kessler: Ja, aber die passen immer schlecht! Entweder ist der Urlaub gerade gebucht oder der Typ, mit dem du jetzt fünf Jahre in einer Beziehung lebst, hat Erdbeerjoghurt mitgebracht, dabei weiß er doch, den magst du nicht. Alles Gründe, um noch mal tief in sich zu gehen und die Entscheidung zwei Wochen nach hinten zu schieben. Aber da liegt der Weg erfahrungsgemäß dann auch nicht klarer vor einem.
Vor drei Jahren schrieb ich den Schwangerschaftsratgeber Das Mami-Buch. Da gab’s natürlich schon zweihunderttausend Ratgeber zu dem Thema und mein Verleger stöhnte nur: «Na, wenn’s denn sein muss.» Ich legte von Vornherein den Schwerpunkt auf die «Software»: Zum Beispiel, dass dich dein Körper beim Schwangersein mit Glücksdrogen überschwemmt, dich das aber nicht automatisch davor schützt, deinen Kerl blöd zu finden. Alles biologisch. Ein Baby miteinander zu bekommen ist eben in erster Linie Emotion und Abenteuer, nicht Medizin und Technik. Und Der Tag, an dem ich beschloss, meinen Mann zu dressieren ist sozusagen die erzählerische Fortsetzung: Da beschreibe ich diese berühmten Tage des Mutterseins. Wenn du denkst: ‹Du kleiner Mistkäfer! Ich bringe dich jetzt ins Tierheim und tausche dich gegen ein Meerschweinchen›.

Das heißt Kinder machen nicht alle Probleme vergessen?

Kessler: Bei einer Lesung packte mir einmal eine Frau das Buch auf den Tisch und sagte: «Weil es das Mami-Buch gibt, gibt’s mein Kind.» Das hat mich umgehauen! Eigentlich könnte ich jetzt mit sofortiger Wirkung aufhören zu schreiben. Hab ja schon die Goldmedaille überreicht bekommen. Aber natürlich sage ich auch Frauen: ohne Ausbildung, ohne stabile Partnerschaft tust du dir mit einem Kind keinen Gefallen. Denn die Probleme, die auf dich zukommen, sind riesig.

In Der Tag, an dem ich beschloss, meinen Mann zu dressieren beschreiben Sie unter der Überschrift «Die Mami-Wikileaks» verschiedene Mutti-Typen. Da kommt die alleinerziehende Hartz-IV-Mutter nicht vor. Macht man sich über die nicht lustig?

Kessler: Wer sagt denn, dass die nicht drin vorkommt? Ich beschreibe Muttertypen, keine Finanzamtsklassenzugehörigkeiten. Nein, worüber ich schmunzle, ist, dass Mütter gern am Rad drehen, wenn’s um ihren Nachwuchs geht. Bescheuerte überdrehte Vornamen sind zum Beispiel überhaupt kein Privileg der Hartz-IV-Mutti. Das kriegen Schauspieler-Muttis auch super hin. Oder dieses Bitchige, Wettbewerbhafte von Frauen an der Sandkiste. Ein All-Time-Klassiker zum Beispiel ist, wenn die eine übers Kind der anderen sagt: «Mach dir nix draus! Deins kriegt auch schon noch Haare!» Übrigens, die Rubrizierung der Mutti-Typen - Rudel-Mutti, Pissnelken-Mutti, Willy-Wichtig-Mutti - hatte ich sofort plastisch vor Augen, weil ich die alle selbst in mir trage.

Genießen Sie es schon jetzt, dass Ihre Kinder Sie später hassen werden, für die Geschichten, die Sie über die vier aufgeschrieben haben?

Kessler: Na ja, genießen? Ich weiß nicht? Ich bin ja keine Masochistin. Aber ich bin bereit, den Kampf mit meinen Kindern aufzunehmen. Ich erzähle ja keine Intimitäten, sondern stinknormale Begebenheiten mitten aus dem Leben, Pars-pro-toto-Geschichten. Skurril, zum Lachen, zum Weinen, hoffentlich zum Nachdenken. Aber sicher: Irgendwann wird meine Tochter die Geschichte lesen, wie sie, nur im Body, mit Gummistiefel verkehrt herum an, Regenschirm unterm Arm die Haustür in Hamburg aufzog und erklärte: «Muss nach Oma Bielefeld gehen.» Da war sie zwei und wollte das erste Mal ausziehen. Bei den Eltern kann ich das allerdings auch verstehen.

Sie schreiben also Geschichten, die sich verallgemeinern lassen. Deswegen können Sie auch anhand Ihres Mannes - den Sie Schatzi nennen - allgemeine Tipps geben, wie man mit Männern umgehen sollte.

Kessler: Ja, mit Männern zusammen zu leben, ist super. Die brauchen halt nur Hilfe.

Beim Lesen hat man natürlich die ganze Zeit Ihren Mann, den Bild-Chefredakteur Kai Diekmann, im Hinterkopf.

Kessler: Echt? Oh! Mist! … Ähm , nun denn ... Aber wissen Sie: Mein Mann und ich könnten mit unserer Art der Kommunikation im Zirkus auftreten. Kommen wir zum Beispiel ins Hotel, sage ich beim Betreten des Zimmer meist: «Oah, hier ist es aber kalt.» Und mein Mann ruft in derselben Sekunde: «Mensch, stickig und warm hier!» Als Nächstes geht er dann zum Fenster und zieht es auf. Und ich kratze mich am Kopf und frage mich: ‹Haben wir uns eben eigentlich unterhalten?›  Aber: Wir arbeiten dran! Spätestens in zwei Jahren, ich fühle das, ist es soweit: Dann lade ich unsere hundert besten Freunde ein und sage vor Publikum «Ich liebe dich». Er soll dann raten, was ich meine.

Sie haben gesagt, dass Ihr Mann der grässlichste Lektor der Welt sei. Hat er dieses Buch lektoriert?

Kessler: Ja, da kommt er mit seinem grünen Krickelkrackelstift und macht lauter Bemerkungen an den Rand. Aber immerhin: Nach Ende dieses Buches meinte er: Jetzt lässt er sich von sich selbst scheiden! Zu klar sind ihm seine Fehler geworden. (lacht)

Hat er sich denn ein bisschen geändert?

Kessler: Ach Quatsch, keinen Zentimeter. Er versucht zwar fleißig, zu dem Mann zu werden, der zu sein er vor der Hochzeit behauptet hat. Aber es fehlt leider an Begabung! Ein halbes Jahr lang hat er versucht, sein feuchtes Handtuch nicht mehr aufs Bett zu werfen. Aber jetzt ist er wieder ganz der Alte. Meine Warnung an alle Frauen: So, wie dir deine Schwiegermutter ihr Goldstück aushändigt, samt Halterpapieren - so ist der dann auch die nächsten dreißig Jahre. Macht euch keine Illusionen.

So witzig liest sich auch Ihr Buch. Sprudelt so ein Text einfach aus Ihnen heraus?

Kessler: Ja, aber dafür habe ich auch zweiundvierzig Jahre gebraucht und vier Kinder, und von morgens bis abends nachgedacht, mindestens. Dafür ist dieses Buch vielleicht das, das am dichtesten an mir dran ist. Außerdem: Ich muss meine Geschichten nicht suchen, die passieren mir ja. Eben noch die volle Windel in der Hand und jetzt das Champagnerglas auf der Promiparty.

Ich habe das Gefühl, ich kenne Sie nach dem Lesen des Buchs ein bisschen. Trügt mich dieser Eindruck?

Kessler: Nein, natürlich bin ich ganz, ganz anders! Dieses Talent für Fettnäpfchen, das Chaotische und die Sommersprossen habe ich mir als öffentliches Image zugelegt. Privat habe ich einen Porzellanteint und mir gelingt alles. Aber erzählen Sie das bitte keinem.

Katja Kessler (42) landete erstmals mit den beiden Dieter-Bohlen-Biografien auf den Bestsellerlisten. Vorher war sie Redakteurin der Bild-Zeitung und machte mit den launigen Texten zum Seite-1-Mädchen («Martha steht am Marthapfahl») und ihrer Society-Kolumne auf sich aufmerksam. Herztöne, Das Mami Buch und Frag mich, Schatz, ich weiß es besser sind weitere Bücher, die die promovierte Zahnärztin verfasst hat. Die Fortsetzung ist nun Der Tag, an dem ich beschloss, meinen Mann zu dressieren. Eine Sammlung kolumnenartiger Geschichten über ihre Kinder, Mit-Mütter und das Leben mit ihrem Mann. Katja Kessler ist seit zehn Jahren mit Bild-Chefredakteur Kai Diekmann verheiratet, den sie in Kolumnen und Büchern unablässig «Schatzi» nennt. Mit ihm hat sie vier Kinder, Yella (8), Caspi (6), Kolja (5) und Lilly (2).

Katja Kessler in Bildern - Klicken Sie sich durch die Fotostrecke.

Autor: Katja Kessler
Titel: Der Tag, an dem ich beschloss, meinen Mann zu dressieren
Verlag: Diana Verlag
Umfang: 336 Seiten
Preis:  12,99 Euro
Erscheinung: 11. April 2011

pfj/ivb/news.de

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