05.12.2010, 13.44 Uhr

Literatur: Marianne von Willemer: Goethes große Liebe

Ihr großes Geheimnis wurde erst neun Jahre nach ihrem Tod bekannt: Marianne von Willemer war nicht nur eine große Liebe von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Als einzige der vielen Frauen, die Deutschlands Dichterfürsten inspiriert haben, hat die Schauspielerin und Tänzerin auch bei Goethe mitgeschrieben.

Marianne von Willemer: Goethes große Liebe Bild: dpa

Frankfurt/Main (dpa) - Ihr großes Geheimnis wurde erst neun Jahre nach ihrem Tod bekannt: Marianne von Willemer war nicht nur eine große Liebe von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Als einzige der vielen Frauen, die Deutschlands Dichterfürsten inspiriert haben, hat die Schauspielerin und Tänzerin auch bei Goethe mitgeschrieben.

Einige Gedichte Willemers fanden Eingang in Goethes großes Spätwerk «West-östlicher Divan», das von der persisch- arabischen Dichtkunst beeinflusst ist.

«Es gibt zwei, von denen wir es ganz sicher wissen, das sind die berühmten Gedichte an den Ostwind und Westwind», sagt Prof. Anne Bohnenkamp-Renken, Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts, einem Goethe verbundenen Forschungszentrum in dessen Geburtsstadt Frankfurt. Willemer, die am 6. Dezember 1860 im Alter von 76 Jahren starb, hatte sich als Co-Autorin des dichterischen Zyklus im Gespräch mit dem Schriftsteller Herman Grimm bekannt. Der Sohn des Märchensammlers Wilhelm Grimm, der Willemer öfter in Frankfurt vor ihrem Tod besucht hatte, offenbarte dies jedoch erst in einem 1869 veröffentlichten Aufsatz.

Bis heute debattiert die Goethe-Forschung, welche Gedichte im «Divan» noch auf Marianne zurückgehen könnten. Willemer ist zwar mit einem Bankier verheiratet gewesen, hat jedoch von Herkunft und Werdegang nichts Großbürgerliches. In Österreich als uneheliches Kind geboren, kommt sie im Alter von 14 Jahren nach Frankfurt und tritt schon als junges Mädchen als Schauspielerin und Tänzerin am Theater auf.

Der theaterverrückte Bankier und Witwer Johann Jacob Willemer nimmt im Jahr 1800 die mehr als 20 Jahre jüngere Marianne in seinem Haushalt auf. Aus dem Vater-Tochter-Verhältnis wird eine Intimbeziehung. Der schon lange in Weimar lebende Goethe lernt das Paar 1814 - der Dichter ist damals 65 Jahre alt - bei einem Kur- Aufenthalt in Wiesbaden kennen. Goethe besucht die Willemers dann in seiner Geburtsstadt. Näher kommen sich Marianne und der fast vier Jahrzehnte ältere Dichter in einem Willemer gehörenden Weinberg- Türmchen, wo beide mit Blick auf den Main den Sonnenuntergang genießen. Ein Jahr später logiert Goethe dann im Sommer mehrere Wochen lang in der Gerbermühle, dem am Main gelegenen Landsitz des Bankiers.

Beide entflammen füreinander - ihre Liebe verewigen sie als Hatem und Suleika in einem poetischen Dialog im «Divan». Von Zeitgenossen wird Marianne als charmante, geistvolle und attraktive Frau beschrieben. «Sie war eine sprühende Persönlichkeit», sagt Bohnenkamp-Renken. Kein Wunder also, dass Goethe ihren Reizen erlag. Und sie war dem Großdichter, der ebenfalls eine große Faszination auf Marianne ausübt, intellektuell ebenbürtig. 1819 erscheint dann der «Divan», in dem Goethe zumindest verschlüsselt Hinweise gibt, dass Marianne mitgewirkt hat.

Doch die Romanze ist zu diesem Zeitpunkt schon längst vorbei. Für Marianne, die nach dem Scheitern der Beziehung schwer erkrankt, wird der «Divan» zum Trost. Aber auch Goethe hat am Ende der Beziehung zu knabbern. Kurz nach dem Tod seiner Frau Christiane Vulpius bricht er 1816 nochmals von Weimar nach Frankfurt auf. Kurz vor Erfurt bricht beim Wagen eine Achse - der Dichter nimmt das als böses Omen und kehrt um. «Goethe hat auch gelitten, aber er war geübter, solches Leiden in Kreativität umzumünzen», stellt Bohnenkamp fest. Daraus war in jungen Jahren schon Goethes «Werther» entstanden.

Marianne von Willemer blieb also bei ihrem Gatten, der sie 1814 kurz nach dem ersten Zusammentreffen des Paares mit Goethe geheiratet hatte. Der Bankier, der 1838 starb, war selbst ein großer Verehrer Goethes. Die Willemers waren einst sogar auf den Spuren des Dichters nach Italien gereist. Goethes Suleika liegt heute auf dem Frankfurter Hauptfriedhof begraben. «Die Liebe hört nimmer auf», steht auf einem schlichten Kreuz.

news.de/dpa