Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann - 12.10.2009, 09.18 Uhr

Jugendbuch «Weggesperrt»: Willkommen in der DDR-Hölle

Wer eine Meinung hatte, nicht regelkonform funktionierte, der stand in der DDR auf der Abschussliste - nicht nur als Erwachsener. Weggesperrt erzählt von einem Mädchen, das für seine Hoffnung auf Freiheit die gewalttätige Staatsmacht zu spüren bekam.

Der news.de-Nachrichtenüberblick Bild: Istockphoto

Autorin Grit Poppe hat sich mit dem Jugendbuch Weggesperrt einer Wahrheit gewidmet, die lange totgeschwiegen wurde. Ihre Hauptfigur steckt 1988 noch in der Pubertät und besucht die neunte Klasse. Ein schwieriges Stadium, besonders in einem Land, das einen sich frei entfaltenden Geist und Individualität nicht gerne sieht und von Protest schon gar nichts hält.

Doch ihre Mutter lässt sich den Mund nicht verbieten. Der Staatssicherheit ist sie damit ein Dorn im Auge. Die Situation eskaliert, als die Mutter einen Ausreiseantrag stellt, nachdem ihre beste Freundin von der Stasi verhaftet wurde.

Und so ist der Start in Anjas Geschichte bestimmt von Dramatik und Angst. Die beiden Frauen werden auf der Straße von Männern verfolgt. Doch die erfolgreiche Flucht in die Wohnung ist nur von kurzer Dauer. Am frühen Morgen werden sie verhaftet - und getrennt.

Anja und ihre Mutter sehen sich da zum scheinbar letzten Mal. Die Hoffnung, dass diese merkwürdige Situation nur wenige Stunden dauert, muss sie schnell aufgeben. Für das Mädchen beginnt eine Zeit der Ungewissheit, der Verzweifelung, der Angst, des Drangsaliertwerden. Anja wird in ein Übergangsheim der Jugendhilfe und später zu einem Jugendwerkhof gebracht.

Dort muss sie funktionieren, für den Staat arbeiten. Ihr Tagesablauf ist generalstabsmäßig organisiert: Um 5 Uhr heißt es aufstehen, dann steht Frühsport an, dann Frühstück, dann Arbeit. Im Fernsehen dürfen sie nur die Nachrichten schauen, um sich dann im Kasernenhofton nach den Inhalten befragen lassen zu müssen. Und immer wieder Sport. Damit sie und die anderen Mädchen, die der Staat zur Überwachung und sozialistischen Erziehung unter seine Kontrolle gebracht hat, nicht auf dumme Ideen kommen.

Terrorist wider den Staat

Was Anja schmerzlich vermisst, ist eine Spur Menschlichkeit. Denn ein Mensch ist sie zu dieser Zeit nicht mehr. Nur noch eine Nummer, ein Straftäter, ein Terrorist wider die Staatshoheit. Wenige Erzieher lassen erkennen, dass sie ohnmächtig sind gegen den Druck von oben. Viel schlimmer ist, dass sich die inhaftierten Mädchen gegenseitig an die Gurgel gehen. Der Gedanke, der Anja durchhalten lässt, ist Flucht. Die schließlich auch gelingt - doch nur von kurzer Dauer ist.

Die Situation eskaliert, als Anja einen Brief ihrer Mutter bekommt, den die Erzieherin nicht aushändigen will. In einer Kurzschlussreaktion knüppelt sie die Frau nieder - und wird dafür in Torgau weggesperrt. Der Geschlossene Jugendwerkhof ist die Hölle, die letzte Konsequenz - eine Art Hochsicherheitsknast für Jugendliche. Hier wird sich zeigen, ob ihr Überlebenswille stark genug ist oder ob sie der stattfindenden Umerziehung unterliegt, die nichts anderes ist als Gehirnwäsche.

Anjas Geschichte ist bedrückend, ja erschreckend. Was sie im Jugendwerkhof und in Torgau erlebt, ist ein Kampf ums Überleben - physisch wie psychisch. Es liegt nicht in der Natur des Menschen, einfach nur zu funktionieren, sich Regeln unterzuordnen. Das Streben nach Freiheit, nach Selbstverwirklichung ist ein Instinkt den abzustellen einer Entmenschlichung gleichkommt.

Autorin Grit Poppe geht es nicht darum, mit oberflächlicher Dramatik zu punkten. Die Geschichte des Mädchens, die frei erfunden ist, aber auf den Erfahrungen von Zeitzeugen beruht, steht für das Schicksal vieler in der DDR. Sie ist ein Symbol dafür, dass der sozialistische Staat seine Existenz nur mit der Unterdrückung eines Volkes legitimieren konnte. Zugleich ist Weggesperrt ein Mahnmal für alle jene Menschen, die sich gegen die sozialistische Indoktrination gewehrt haben - und dafür staatliche Grausamkeit zu spüren bekamen.

Geschichte hinterfragen

Das Jugendbuch steht aber auch für ein Bekenntnis zur Menschlichkeit. Und für viele Fragen: Wer gibt einem Staat das Recht, Menschen so zu behandeln? Was rechtfertigt, die Persönlichkeit eines einzelnen zu töten?

Weggesperrt ist ein Plädoyer dafür, das Leben in einem Staat nicht zu verklären. Es ist eine Warnung davor, sich ausschließlich unterzuordnen, seine Meinung nur von anderen abhängig zu machen. Zugleich ist das Buch eine Aufforderung, sich mit der jüngeren deutschen Geschichte auseinanderzusetzen, Fragen zu stellen und Überzeugungen nicht blind zu übernehmen. Und es steht dafür, dass Unterdrückung kein Weg ist, um die bisweilen problematische Jugend in die Spur zu bringen.

Das Jugendbuch bietet einen Ansatzpunkt, Geschichte mal aus einem anderen Blickwinkel zu lernen. Für alle wichtigen Begriffe der Zeit, gibt es im Anhang einen Glossar sowie einen kurzen Abriss zur friedlichen Revolution.

Titel: Weggesperrt
Autorin: Grit Poppe
Verlag: Cecilie Dressler Verlag
Seitenzahl: 332 Seiten
Preis: 9,95 Euro
Erscheinungsdatum: August 2009
Weiterlesen: Wir Kinder aus dem JWH, Schattenkinder hinter Torgauer Mauern

ped/ham/news.de

Empfehlungen für den news.de-Leser