Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert - 18.05.2009, 12.53 Uhr

Musiklizenzierung: «Gema lohnt sich erst, wenn man in den Charts ist»

«He´s behind you, he´s got swineflu» singt The Streets zur Schweinegrippe und bietet den Song zum Download an – bisher 90.000 YouTube-Klicks. Für deutsche Künstler stünde davor der Weg zur Gema, nur einer von vielen Kritikpunkten an der Organisation.

Die GEMA stand auf der Leipziger Musikmesse Pop Up in der Kritik. Bild: ddp

Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (Gema) verwaltet in Deutschland die Lizenzrechte für mehr als sechs Millionen Musikstücke. Konzertveranstalter und Künstler müssen offenlegen, welche Stücke sie verwenden oder aufführen und dafür Gebühren an die Gema zahlen. Gemäß einer komplizierten Berechnung fließt dieses Geld zurück an die Urheber der Werke.

Was in erster Linie dem Schutz der Urheberrechte und der Bezahlung der Künstler dient, nimmt zuweilen bizarre Züge an: Würde ein Gema-Mitglied, genau wie Mike Skinner alias The Streets es tut, seine eigene Musik im Netz anbieten, müsste er für diese Verwendung Gebühr entrichten. Wer nicht Mitglied der Verwertungsgesellschaft ist, muss ihr den Download trotzdem melden und nachweisen, dass die Musik Gema-frei ist.

Auch wenn jede Gebühr am Ende wieder dem Künstler zu Gute kommt, hat Roy Lorenz kein Verständnis für diesen Verwaltungsaufwand. Der Chef des Dresdner Labels wba-records arbeitet kaum noch mit Künstlern zusammen, die Gema-Mitglied sind. «Für jede gepresste Platte müsste ich Gebühren zahlen – egal ob ich sie verkaufe, oder nicht. Das steigert nur meine Kosten und mindert das, was ich dem Künstler zahlen kann», sagt er und steht mit seiner Kritik nicht allein da: «Gema lohnt sich erst, wenn man in den Charts ist», ist der Tenor unter vielen der Künstler, die am Wochenende auf der Leipziger Musikmesse Pop up vertreten waren.

Tatsächlich werden an weniger als ein Zehntel der Gema-Mitglieder mehr als 70 Prozent der jährlichen Ausschüttungssumme verteilt. Grund dafür ist, dass Songs erfolgreicher Künstler wie Die Fantastischen Vier oder James Last viel häufiger gespielt werden und ein entsprechend hoher Gebührenanteil an diese Musiker zurückfließt. Frank Dostal, stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrates der Gema, hält eine Mitgliedschaft dennoch für unerlässlich, will man mit seiner Musik Geld verdienen. «Je früher man eintritt, desto besser versteht man den Laden und kann eigene Ideen einbringen», sagt er auf dem Pop-up-Forum «Wann ist Gema sinnvoll?» und ruft dazu auf, die Organisation zu verbessern, statt sie zu verteufeln.

Wie die Gema zu freien Lizenzen steht

Für die konkreten Sorgen der Künstler hält Dostal moralische Appelle bereit: Dem Musiker 33, der im Publikum sitzt, rät er zur Entscheidung für die Solidargemeinschaft Gema – und gegen den Markt. 33 hatte beklagt, dass viele kleine Veranstalter nur Gema-freie Musik spielen lassen wollen, weil sie sonst Gebühren zahlen müssten. Er bekäme nach eigener Aussage keine Aufträge mehr, wäre er Mitglied der Gesellschaft. Frei entscheiden, welche ihrer Songs durch die Gema lizenziert werden, können die Mitglieder nicht: die Gesellschaft vertritt pauschal jedes Werk der angemeldeten Musiker.

Das beklagt auch Andreas Gebhard, Geschäftsführer von newthinking communications und Moderator des Pop-up-Forums. «Eine Lizenzierung der Musikstücke unter einer freien Lizenz wie der Creative Commons (CC) ist für Gema-Mitglieder nicht möglich.» Mit der von US-Jurist Lawrence Lessig initiierten CC können Künstler für jedes ihrer Werke festlegen, ob und wie genau es verbreitet oder verändert werden darf.

«Jeder Zuhörer, der weiß, ich darf diesen Song weitergeben, ist potenzieller Käufer und Konzertbesucher. CC ist also eine Mischung aus Marketing und dem Signal: Ich hab verstanden, wie es im Internet funktioniert», meint Gebhard. Die Lizenz sei eine Ergänzung zum klassischen Copyright und stehe damit nicht in Opposition zur Gema oder zu anderen Verwertungsgesellschaften. Gebhard hofft auf Gesprächsbereitschaft. «Immerhin saßen wir heute zum ersten Mal zusammen auf einem Forum. Verwertungsgesellschaften weltweit sind dazu in der Lage, CC mit ihren Strukturen zu vereinbaren. Da wird das die Gema auch schaffen.»

So hat die dänische Verwertungsgesellschaft KODA im Januar 2008 die Veröffentlichung eines ganzen Albums unter CC-Lizenz zugelassen, ihr britisches Pendant MCPS/PRS räumt Künstlern wie The Streets immerhin die freie Lizenzierung einzelner Werke ein. Jedoch: Auch Mike Skinner kann nicht machen, was er will und bekommt Gegenwind von seiner Plattenfirma. «Die würden nicht billigen, was ich mit He's behind you, he's got swineflu und anderen Songs im Internet tue.» Skinner veröffentlicht seine Onlinesongs deshalb unter seinem eigenen Label The Beats.

voc

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