02.07.2009, 12.19 Uhr

«Die Verschwiegene Bibliothek»: Verbotene DDR-Literatur erhält wieder eine Stimme

Zensur ist ein gängiges Machtinstrument von Diktaturen. Nun erscheint der letzte Band der «Verschwiegenen Bibliothek» mit Texten, die in der DDR verboten waren. Zeitgleich kommt der letzte in der DDR verbotene Film in die deutschen Kinos.

Salli Sallmanns «Badetag» aus der Reihe «Die Verschwiegene Bibliothek». Bild: edition Büchergilde

Als «negativ feindliche Aussteiger» und «Machwerkeverfasser» wurden manche ostdeutschen Autoren von der Staatssicherheit verfolgt. Bei allzu aufmüpfiger Kritik am Real-Sozialismus der DDR drohten Schreibverbote oder die Abschiebung in den Westen. Schlimmstenfalls wurden die Autoren als «Staatsfeinde» vor Gericht gezerrt und landeten hinter Gittern. Das Schreiben haben die so Drangsalierten trotzdem nicht aufgegeben.

Als zehnter und abschließender Band der Reihe Die Verschwiegene Bibliothek ist jetzt das Werk Badetag des Lyrikers und Musikers Salli Sallmann in der Edition Büchergilde erschienen. Sie stellt Texte vor, die in der DDR entstanden sind, dort aber nicht veröffentlicht werden durften. Zu den Zeitdokumenten widerständiger Literatur im Osten zählen Gedichte, Romane, mitunter als Fragmente, Erzählungen, Tagebücher und Briefe.

Wer sich tristen DDR-Alltag mit unumstößlichen Regeln, Kleinkariertheit, Ängsten und Repressalien nicht vorstellen kann, findet in Sallmanns autobiografischen Berichten, Gedichten und Prosa-Miniaturen viele Antworten. Nach einem ersten Auftritt Anfang der 1970er Jahre als Liedermacher im Chansonclub Leipzig haftet ihm der Makel an, «feindlich-negative Texte» in die Welt zu setzen. Tatsächlich ging es in seinem Lied zu Gitarrenmusik lediglich um eine zu enge Küche und um Liebe in der Badewanne.

Weitere Autoren der Edition sind unter anderem Henryk Bereska, Günter Ullmann, Sylvia Kabus, Thomas Körner, Heidemarie Härtl und Gabriele Stötzer. Auf rund 100 Autoren aus den Jahren 1950 bis 1990 ist das 2001 gegründete «Archiv unterdrückter Literatur in der DDR» inzwischen angewachsen. Mit Förderung durch die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur sind dort Texte zusammengetragen worden, die in der DDR als «systemzersetzend» oder «schädlich» galten und nicht erscheinen durften. Die Initiatoren des Archivs, die Germanistin Ines Geipel und der Autor Joachim Walther, der nach der Veröffentlichung des Buches Sicherungsbereich Literatur als intimer Kenner der Verflechtungen von Stasi und DDR-Literaten gilt, fungieren als Herausgeber der Edition Die Verschwiegene Bibliothek.

Doch nicht nur verbotene Literatur erlebt dieser Tage ein Comeback. Gestern war der letzte der zu DDR-Zeiten verbotenen DEFA-Filme, die Komödie Hände hoch oder ich schieße, bei den Dresdner Filmnächten am Elbufer zu sehen. Premiere hatte der Streifen rund 43 Jahre nach seiner Entstehung am Sonntag in Berlin. Heute kommt der Film in die deutschen Kinos.

Der Film von Regisseur Hans-Joachim Kasprzik fiel 1966 trotz zahlreicher Änderungen und Kürzungen der Zensur zum Opfer - ein Schicksal vieler DDR-Filme. Inzwischen wurden alle wieder gezeigt - bis auf die Hände hoch-Komödie, in der neben anderen Rolf Herricht, Gerd E. Schäfer, Agnes Kraus, Fred Delmare und Eberhard Cohrs spielen.

Der Film erzählt die Geschichte des gelangweilten Kleinstadt-Polizisten Holms, der sehnsüchtig auf den großen Fall wartet. Ein guter Freund und Ex-Ganove versucht zu helfen und entführt mit Komplizen ein «feudalistisches Denkmal» vom Marktplatz. Für die DDR-Zensoren war das alles «politisch bedenklich», weshalb der Film unter Verschluss blieb. Gemeinsam mit dem Filmarchiv des Bundesarchivs wurde das überlieferte Material gesichert und eine Schnittfassung auf der Grundlage des Drehbuchs angefertigt.

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voc/bla/news.de/dpa

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