Von news.de-Redakteur Herbert Mackert - 08.12.2010, 11.38 Uhr

Versicherungen: Kostenfalle Provision

Abschlussgebühren für Vermittler drücken gewaltig auf die Rendite von Lebens- und Rentenversicherungen. Weil eine einheitliche Regel fehlt, will jetzt die Branche selbst gegen Auswüchse vorgehen. News.de nennt die größten Abkassierer unter den Versicherern.

Bewertungsreserven, Überschussanteile, Abschlusskosten: Lebensversicherungen sind für viele Kunden wie eine verschlossene Auster. Bild: dpa

Zwar müssen die Abschlussgebühren seit der Änderung des Versicherungsvertragsgesetzes 2008 dem Kunden bei Vertragsunterzeichnung mitgeteilt werden. Doch im Wust von Papieren und Formularen nimmt der die Provision im Kleingedruckten meist kaum wahr.

Dabei können die Provisionen saftig sein. Bei Lebensversicherungen und Altersvorsorgeverträgen betragen diese zwischen ein und zwei Jahresbeiträgen - so lange erwirtschaftet die Police erst mal nur die Provision für den Vermittler - die Ansparleistung für den Versicherten beginnt erst danach.

Bei privaten Krankenversicherungen fließen bis zu 18 Monatsbeiträge ins Portemonnaie des Vertreters oder Versicherungsmaklers. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen listet die Abschlusskosten von 50 Versicherern auf - die Spanne reicht von 0,28 Prozent der Versicherungssumme bis zu stolzen 7,92 Prozent beim Spitzenreiter Arag.

Inzwischen will sogar der Vorstandschef der Ergo Versicherungsgruppe, Torsten Oletzky, «Exzesse bei den Vertriebskosten verhindern». Er fürchtet um das ohnehin ramponierte Image der 46 privaten Krankenversicherer in Deutschland.

Böses Erwachen bei vorzeitiger Kündigung

Das böse Erwachen stellt sich meist erst bei der Kündigung des Vertrags ein. «Die Kunden stellen dann oft erst fest, dass nicht so viel im Topf ist, wie sie ausgerechnet haben.» Die Versicherungsexpertin der Verbraucherzentrale Hamburg, Kerstin Becker-Eiselen, kennt die vielen langen Gesichter von Lebensversicherten, die sich wegen der niedrigen Rückkaufswerte Rat bei ihr holen. Denn neben einer Stornogebühr zieht die Versicherungsgesellschaft die Abschlussgebühren von der Ablaufleistung ab.

Besser als eine einmalige Abschlussgebühr zu Beginn wäre nach Ansicht von Verbraucherschützern eine Verteilung aller Kosten auf die gesamte Laufzeit. Dann nämlich stünde die Zufriedenheit des Kunden über einen möglichst langen Vertragszeitraum im Mittelpunkt. «Sie können es auch Bestandsprovision nennen. Wenn der Kunde regelmäßig einen kleinen Obolus leistet, dann wird er auch regelmäßig betreut und beraten», glaubt Becker-Eiselen. Für sie ergäbe sich eine Win-win-Situation für beide Seiten.

Der Vermittler denkt «nach mir die Sintflut»

Denn fast drei Viertel aller Lebensversicherungspolicen werden in Deutschland vorzeitig gekündigt. Zum Nachteil des Kunden: Während er die volle Abschlussprovision gezahlt hat, erhält er längst nicht die volle Leistung aus dem Vertrag.

Für den Chefredakteur der Zeitschrift Stiftung Warentest, Hermann-Josef Tenhagen, ein Unding: «Wir haben bei den Finanzdienstleistungen an ganz vielen Stellen diese Angewohnheit, dass zu Beginn des Geschäfts eine Gebühr für den Kunden fällig wird, die Leistung aber erst viel später erfolgt und sich auch dann erst deren Qualität zeigt.» Einmalprovisionen hält er für einen Fehler im System: «Sie verleiten die Vertriebsmitarbeiter dazu, schnell etwas zu verkaufen und dann zu denken ‹nach mir die Sintflut›», sagt Tenhagen im news.de-Gespräch. Bei Autoversicherungen übrigens sind Bestandsprovisionen bereits Standard.

«Wie bei einem Bankkonto sollten neben der Ansparleistung auch die Kosten für Verwaltung und Abschlussgebühr regelmäßig ausgewiesen werden», erläutert Becker-Eiselen. So flössen diese in die Gesamtkalkulation ein - als positiver Nebeneffekt wären Versicherungsprodukte besser miteinander vergleichbar.

Noch besser aber wären aus Verbrauchersicht gar keine Vermittlungsprovisionen. Denn sie seien Gift für eine wirklich unabhängige Beratung. «Ein provisionsgesteuerter Vertrieb führt immer dazu, dass ich jenes Produkt verkaufen möchte, das mir als Vermittler den größten Profit einbringt - und nicht das mit dem größten Nutzen für den Kunden», betont Becker-Eiselen.

Immerhin eine Verbesserung brachte die Novellierung des Versicherungsvertragsgesetzes: Seither müssen die Abschlussgebühren bei der Berechnung von Ablaufleistung oder Rückkaufswert auf die ersten fünf Jahre der Laufzeit verteilt werden. Die sogenannte Zillmerung, bei der die Provision in voller Höhe gleich im ersten Jahr abgezogen wurde, wurde aufgehoben. Bei vorzeitiger Kündigung der Police bleibt nun mehr für den Kunden.

So hoch sind die Abschlussprovisionen der 50 größten Lebensversicherer Deutschlands

Abschlussprovisionen von Lebensversicherern
Anbieter Provision
Europa 0,28 %
CosmosDirekt 0,53 %
Hannoversche Leben 0,60 %
ASSTEL 1,57 %
HUK-Coburg 1,61 %
DEVK Allgemeine AG 1,94 %
TARGO (früher CiV) 1,98 %
Provinzial Hannover 2,14 %
WWK 2,42 %
Die Continentale 2,45 %
ALTELEIPZIGER 2,59 %
LVM 2,66 %
PBV (früher BHW) 2,74 %
DEVK a.G. 2,75 %
Provinzial Rheinland 2,76 %
Debeka 2,79 %
neue Leben 2,81 %
Lebensversicherung von 1871 2,90 %
R+V 2,93 %
Nürnberger 2,94 %
Volkswohl Bund 3,09 %
DBV 3,13 %
ERGO Direkt (früher KarstadtQuelle) 3,16 %
Sparkassen-Versicherung Sachsen 3,18 %
Durchschnitt Branche 3,30 %
Provinzial NordWest 3,48 %
GENERALI 3,77 %
SV SparkasseVersicherung 3,84 %
Swiss Life 3,94 %
Heidelberger 3,96 %
AXA 3,97 %
Stuttgarter 4,00 %
AachenMünchener 4,02 %
Bayerische Beamten (BBV) 4,05 %
Delta Lloyd (früher Berlinische) 4,05 %
Victoria (jetzt ERGO) 4,11 %
Bayern-Versicherung 4,21 %
Württembergische 4,27 %
HDI-Gerling 4,59 %
Gothaer 4,62 %
Allianz 4,71 %
SIGNALIDUNA 5,04 %
Zurich Deutscher Herold 5,05 %
Deutsche Ärzteversicherung 5,54 %
Aspecta 6,10 %
Deutscher Ring 6,18 %
VPV 6,22 %
Hamburg-Mannheimer (jetzt ERGO) 6,45 %
Condor 6,72 %
Skandia                                  7,10 %
ARAG 7,92 %

Angabe der Abschlusskosten in Prozent der Versicherungssumme des Neugeschäfts im Durchschnitt der Jahre 2004 bis 2008. Die Tabelle ist dem Buch Privatrenten und Lebensversicherungen der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen entnommen. Die Zahlen basieren auf Daten der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin).

jag/reu/news.de

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