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Mehr Überstunden?: Immer mehr Arbeitnehmende wollen das nicht

Deutsche Arbeitnehmende arbeiten häufig viel mehr als in ihrem Arbeitsvertrag vereinbart. 2021 machten über 4,5 Millionen von ihnen Überstunden, einige davon sogar unvergütet.

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Foto: Christin Klose, dpa Bild: Christin Klose/dpa

Nun sprach sich ausgerechnet Finanzminister Christian Lindner für noch mehr Bereitschaft zur Mehrarbeit aus. Doch viele Arbeitnehmende und Arbeitsebene sehen diese Entwicklung kritisch.

Um deutsche Wirtschaft anzukurbeln, sollen Arbeitnehmende freiwillig mehr leisten – ein Vorschlag, der auf Kritik stößt

Auf die Frage, wie die deutsche Wirtschaft wieder auf Erfolgskurs gebracht werden kann, hat Bundesfinanzminister Christian Lindner eine klare Antwort: „mehr Überstunden". In einer SWR-Sendung sprach er sich im Juni 2022 für eine höhere Arbeitsbereitschaft der deutschen Arbeitnehmenden aus, um damit auch den wachsenden Fachkräftemangel auszugleichen. Zusätzlich sprach er sich für neue Wachstumsimpulse und Unternehmensgründungen aus.

Doch die Forderung von Christian Lindner stößt nicht nur bei Arbeitnehmenden, sondern auch bei vielen Medizinern und Psychologen auf enorme Kritik. Viele sehen darin einen weiteren Schritt in die zunehmende Leistungsgesellschaft, die vielen Bürgern in der Bundesrepublik das Leben im wahrsten Sinne des Wortes schwermacht.

Mangelnder erholsamer Schlaf durch Ängste, Sorgen oder zu viel Arbeit gehören längst zum Alltag vieler Bundesbürger. Mit dramatischen Folgen, denn Schlafstörungen können häufig Symptome anderer Krankheitsbilder sein. Die Zahl der Burn-out-Betroffenen nahm in den letzten Jahren beispielsweise deutlich zu. 2020 waren es mehr als 180.000, die über 4 Millionen Krankheitstage verursachten.

Krankenkassen- und Ärzte-Umfragen zeigen, dass sich jeder Zweite hin und wieder von Erschöpfungszuständen geplagt sieht und als Ursache dafür den enormen Leistungsdruck in der Gesellschaft und auf der Arbeit nennt.

Experten fordern: Abkehr von Überstunden und stattdessen flexiblere Arbeitszeitmodelle

Viele Arbeitnehmende in Deutschland müssen kaum oder nur wenige Überstunden machen. Doch immerhin 59 Prozent gaben laut Statistischem Bundesamt 2021 an, wöchentlich unter 10 Überstunden zu leisten. 29 Prozent der Befragten hatten sogar 15 mehr Stunden pro Woche. Geht es nach Christian Lindner, sollen künftig alle etwas mehr arbeiten, um die Produktivität der deutschen Wirtschaft zu gewährleisten.

Arbeitsmarktexperten raten jedoch davon ab und fordern stattdessen ein Umdenken bei der Arbeitszeitgestaltung, wo es möglich ist. In einigen Berufen mit Schichtarbeit wie beispielsweise Feuerwehr, Polizei oder im Krankenhaus wird die Etablierung neuer Arbeitszeitmodelle weniger erfolgreich möglich sein, doch auch hier gibt es flexible Lösungen.

Gegenwärtig sehen sich Arbeitgebende nicht nur mit einem Fachkräftemangel konfrontiert, sondern auch mit einer wachsenden Zahl unzufriedener und erkrankter Arbeitnehmender. In einigen Bereichen herrscht laut Experten sogar ein Arbeitsklima der Angst. Bei der Deutschen Post gab es beispielsweise nur eine Entfristung der Arbeitsverträge, wenn die betroffenen Mitarbeitenden nur wenige oder am besten gar keine Krankentage aufwiesen. Für viele Arbeitskräfte waren der Druck und die Angst vor dem Jobverlust zu groß und sie verließen den Konzern.

Arbeitskräfte können sich mittlerweile in nahezu allen Bereichen aussuchen, für welches Unternehmen sie tätig werden möchten. Das bedeutet eine Umkehr bei Bewerbungen, denn jetzt ist es an Arbeitgebenden, sich ins rechte Licht zu rücken und für sich die Werbetrommel zu rühren.

Neue Arbeitszeitmodelle und mehr Wertschätzung können dabei helfen, so viele Experten. Dazu gehört nicht nur die flexible Wahl des Arbeitsplatzes, sondern auch die Arbeitszeiten. Im Gespräch ist immer häufiger auch die Vier-Tage-Woche. Einige Arbeitgebende haben sie bereits erfolgreich getestet und behalten sie sogar bei. Auch Mitarbeitende sind vom Konzept begeistert, dass bereits am Freitag das Wochenende beginnt und sie dafür an den übrigen Tagen von Montag bis Donnerstag täglich etwas mehr arbeiten.

Eine Win-win-Situation für alle, so die einhellige Meinung der Probanden. Arbeitsabläufe werden nach Aussagen der Betriebe deutlich produktiver, denn es gilt, durch die steigende Effizienz alles in vier Tagen zu schaffen. Mitarbeitende haben dadurch mehr Freizeit und gehen motivierter an ihre Arbeit, da sie bereits am Donnerstag nach Arbeitsende in das lange Wochenende gehen können.

Gesundheitsexperten sehen einen enormen Vorteil im höheren Erholungseffekt. Können sich die Mitarbeitenden an drei statt an zwei Tagen ausruhen, unterstützt das die Entschleunigung und das Abschalten. Außerdem planen viele einen Kurzurlaub für die drei Tage, sodass auch die neuen Eindrücke aus einem Städte- oder Wellenesstrip wohltuend auf Körper und Seele wirken.

Homeoffice wird immer beliebter

Nicht nur die Anzahl der Arbeitstage bzw. Arbeitsstunden verändert sich allmählich, auch der Arbeitsort. Immer mehr Unternehmen gestatten ihren Mitarbeitenden, temporär oder sogar gänzlich ins Homeoffice auszuweichen und von zu Hause aus zu arbeiten. Auch hierin sehen Experten viele Vorzüge, wenngleich die Homeoffice-Regelung für zahlreiche Unternehmen zunächst eine (technische und sicherheitsrelevante) Herausforderung ist.

Loggen sich Mitarbeitende von außerhalb im Unternehmensnetzwerk ein, muss maximale Sicherheit beim Datenaustausch gewährleistet sein. Hier ist die Etablierung einer IT-Infrastruktur gefragt, was zunächst einen Investitionsaufwand erfordert. Doch ist der Grundstein für die Struktur gelegt, gibt es durch die Homeoffice-Regelung viele Vorteile für alle. Mitarbeitende müssen beispielsweise weniger pendeln, können ihre Arbeitszeit deshalb noch effizienter nutzen. Auch zusätzliche Kosten für das Unternehmen (etwa für den Zuschuss bei Benzin, die Bereitstellung eines Fahrzeuges oder ein Ticket für die öffentlichen Verkehrsmittel) entfallen. Die Kosten für die Büros im Unternehmen selbst lassen sich dadurch ebenfalls reduzieren. Weniger Energieverbrauch durch Heizung, Licht, Drucker und Co. entlasten auch die Firmenkosten.

Auch immer mehr Arbeitnehmende schätzen die flexible Regelung, von zu Hause aus arbeiten zu können. Haben sie beispielsweise kurzfristige Termine in den eigenen vier Wänden (unter anderem das Ablesen der Zählerstände oder das Erwarten einer wichtigen Paketlieferung), können sie zu Hause bleiben und müssen keinen Urlaubstag nehmen. Stattdessen sind sie weiterhin produktiv und haben trotzdem ausreichend Spielraum, um sich um private Belange zu kümmern.

Lange galt eine Homeoffice-Regelung in Deutschland insbesondere wegen der Angst vor Arbeitszeitbetrug als kaum realisierbar. Doch seitdem immer mehr Arbeitnehmende von zu Hause aus ihre Aufgaben erfüllen, zeigt sich, dass diese Sorge weitestgehend unbegründet war. Auch beim Arbeiten im Büro zu Hause oder am Küchentisch schafften Arbeitnehmende ihre Aufgaben, nahmen an digitalen Meetings teil oder waren für Kollegen und Kunden erreichbar.

lic/news.de