28.09.2020, 09.54 Uhr

Coronavirus-News aktuell: Lockdown am Pranger! Bringen die Corona-Maßnahmen Menschen um?

Es ist eine brisante Frage, die sich immer mehr Menschen stellen: Sterben Patienten nicht am Coronavirus, sondern an den Corona-Maßnahmen? Einige Forscher und Ärzte sagen, ja. Doch eine britische Studie fordert, die strengen Regeln beizubehalten.

Sterben mehr Menschen an den Corona-Maßnahmen als am Coronavirus? Bild: picture alliance/Ospedale Pediatrico Bambino Gesù/dpa

Die Kritik am Corona-Lockdown im März und den bis heute geltenden Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionszahlen, reißt nicht ab. Wie sinnvoll sind die Regeln eigentlich? Verursachen sie nicht vielmehr Risiken, als die Pandemie selbst? Die Wissenschaftler sind sich hier uneinig.

Coronavirus News aktuell: Sterben mehr Menschen am Lockdown als an Covid-19

In einem Interview mit dem "Handelsblatt" sagte Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (65, CSU) zeigte er die Situation in Afrika auf. Er sagte: "An den Folgen der Lockdowns werden weit mehr sterben als am Virus." Denn die Versorgung mit Medikamenten und Lebensmitteln bricht zusammen. Krankheiten wie Malaria oder HIV werden zurzeit nicht mehr behandelt. Er rechnet damit, dass eine halbe Million Afrikaner an Tuberkulose und 400.000 Menschen an HIV oder Malaria sterben.

Auch in der westlichen Welt sterben mehr Menschen an Zivilisationskrankheiten während der Coronavirus-Krise als an dem Virus selbst, beschreibt ein Bericht des "Wall Street Journal" unter Berufung auf US-Behörden. Demnach starben seit März 2020 mehr Amerikaner an Alzheimer, Hirngefäßerkrankungen, Bluthochdruck oder Diabetes als in den Jahren 2015 bis 2019.

US-Gesundheitsbehörden schätzen, dass zwischen Januar und August 2020 bis zu 263.000 mehr Amerikaner als in den Vorjahren das Leben verloren. Davon starben rund 188.000 Menschen an den Folgen von Covid-19. Die anderen Todesfälle gehen auf abgesagte Operationen und Arztbesuche zurück. Denn die Angst sich anzustecken sei wahrscheinlich groß, mutmaßen die Verfasser.

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Arzt vermutet: Immer mehr Herzpatienten gehen nicht zum Arzt und sterben

In Deutschland zeigte sich ein ähnliches Bild. Im März und April gingen weniger Patienten ins Krankenhaus. Das geht aus internen Dokumenten der AOK hervor, aus denen die "Bild"-Zeitung zitiert. Im Juni meldete die Krankenkasse: Während des Lockdowns wurden 31 Prozent weniger Herzinfarkte und 18 Prozent weniger Schlaganfälle behandelt. Die Behandlung von Herz-Kreislauf-Krankheiten ging um 42 Prozent und die von Muskel-Skelett-Krankheiten um 65 Prozent zurück. Wie viele der nicht behandelten Patienten gestorben sind, lässt sich derzeit, aufgrund der dezentralen Erfassung, nicht sagen. 

"Die Anzahl schwerer Fälle ist relativ konstant geblieben", erklärt Prof. Dietrich Andresen (70), Notfallmediziner, Kardiologe und Chef der Deutschen Herzstiftung, im Gespräch mit "Bild". Er warnt aber eindringlich: "Was zurückgegangen ist, sind die leichteren Fälle. Die Rechnung zahlen diese Patienten später. Dann nämlich, wenn die Herzerkrankung voranschreitet und in einer schweren Herzschwäche oder einem plötzlichen Herztod endet." Obwohl es für Deutschland noch keine statistischen Zahlen gibt, hält der Kardiologe das jedoch "für sehr wahrscheinlich".

Britische Forscher sicher: Corona-Lockdown rettet Leben

Laut einer britischen Studie verhindert der Corona-Lockdown Todesfälle. Mithilfe eines Schätzmodells haben Wissenschaftler um Dr. Amitava Banerjee in Abhängigkeit des erreichten Ausmaßes der Viruseindämmung die COVID19-bedingte Übersterblichkeit berechnet. Dafür haben sie mehr als 3,8 Millionen Versichertendaten von britischen Staatsbürgern in einem Alter von 30 Jahren oder älter untersucht. In ihre Berechnung haben sie auch Risikopatienten einfließen lassen und zwei mögliche Szenarien beschrieben. 

Das bedeutet: Würde es keine Maßnahmen geben, würden 80 Prozent der Menschen durch eine Infektion oder indirekt an anderen Erkrankungen sterben, weil das Gesundheitssystem zusammenbricht. Lässt sich die Pandemie ein Stück weit eindämmen liegt die Übersterblichkeit bei zehn Prozent. Wenn die Regierung die Pandemie komplett eindämmen kann, liegt das Risiko bei null. In Deutschland gehen die Forscher von zehn Millionen Risikopatienten aus. Innerhalb eines Jahres würden 466.322 Menschen aufgrund ihrer Vorerkrankungen sterben.

Die Forscher plädieren deshalb dafür, die strengen Corona-Regeln beizubehalten, denn die Ergebnisse seien von "internationaler Relevanz". Außerdem müssen besonders Risikopatienten vor einer Infektion geschützt werden. Sie sagen aber auch, dass sie das Grundsterberisiko nicht genau einschätzen können, weil durch den Lockdown Menschen nur einen eingeschränkten Zugang zu Gesundheits- und Sozialeinrichtungen haben. Das wirkt sich auf bestehende Grunderkrankungen aus.

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bos/bua/news.de

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