21.07.2020, 13.36 Uhr

Coronavirus-News aktuell: Superspreader identifiziert! Studie enthüllt die größten Virenschleudern

Das Coronavirus ist weltweit weiter auf dem Vormarsch - doch wie verbreitet sich der Covid-19-Erreger am stärksten? Durch Analysen haben Forscher herausgefunden, wie sogenannte Superspreader die Krankheit verbreiten.

Wie sich das Coronavirus am stärksten ausbreitet, darüber geben aktuelle Cluster-Studien zu Covid-19 Auskunft (Symbolbild). Bild: Adobe Stock / marchsirawit

Seit knapp acht Monaten ächzt die Welt unter der Coronavirus-Pandemie - während sich die Infektionszahlen in Deutschland zuletzt auf einem niedrigen Niveau eingependelt haben, steigen die Fallzahlen in anderen Ländern rapide weiter. Doch welche Faktoren sind für die Ausbreitung des Coronavirus verantwortlich? Dieser Frage gingen aktuelle Studien auf den Grund.

Coronavirus-Studie aus Japan geht sprunghafter Virus-Ausbreitung auf den Grund

In einer Untersuchung untersuchte beispielsweise der japanische Virologe Hitoshi Oshitani, weshalb in seinem Heimatland die Covid-19-Infektionen zunächst vergleichsweise gering waren, kürzlich jedoch sprunghaft anstiegen. Um die Ausbreitung des Coronavirus verstehen zu können, wurden demografische und regionale Fakten zu Coronavirus-Ansteckungen erhoben - die Analyse der Daten brachte den Forschern wertvolle Erkenntnisse.

Den jüngsten Zahlen aus der japanischen Megacity Tokio zufolge häuften sich die Corona-Ansteckungen zuletzt in den Ausgehmeilen der Millionenstadt. Als besonders von Covid-19 betroffen erwiesen sich junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren - also keinesfalls ältere Menschen mit Vorerkrankungen, die bislang als Hauptrisikogruppe identifiziert worden waren.

Coronavirus-Massenausbrüche durch Superspreader beobachtet

Im internationalen Vergleich scheinen sich, so schreibt aktuell der "Focus", diese Beobachtungen zu bestätigen: Es sind in der Mehrzahl der Fälle nicht diejenigen Coronavirus-Patienten, die unter heftigen Symptomen leiden, die für eine rasante Ausbreitung des Virus verantwortlich sind. Vielmehr stellen die Infizierten ohne Covid-19-Symptome eine große Gefahr dar: Selbst wenige symptomlose Infizierte sorgen den Cluster-Analysen zufolge oftmals für Massenausbrüche der heimtückischen Viruserkrankung.

Superspreader als unbekannte Größe in der Coronavirus-Gleichung

Fachleute sprechen dabei von sogenannten Superspreadern, wenn jemand bei einem Anlass viel mehr Menschen ansteckt als zu erwarten wäre. Auf Deutsch könnte man sie Superverbreiter nennen. Eine exakte Grenze, ab wie vielen Ansteckungen man als Superspreader gilt, gebe es nicht. Oft könne im Nachhinein auch nicht mehr zweifelsfrei geklärt werden, ob wirklich alle Fälle auf eine Quelle zurückgehen.

Das Phänomen macht deutlich, dass die sogenannte Reproduktionszahl bei Sars-CoV-2 täuschen kann: Liegt der R-Wert zum Beispiel bei 1, heißt das, dass ein Infizierter im Durchschnitt im Schnitt einen anderen Menschen ansteckt. Als Laie mag man sich darunter eine gleichmäßige Ausbreitung vorstellen. Wissenschaftler nehmen allerdings bei Sars-CoV-2 inzwischen eine deutliche Ungleichverteilung an: Dass wenige Leute ganz viele andere Menschen anstecken, die meisten Infizierten hingegen niemanden oder nur wenige Menschen, wie der Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast zusammenfasste. Je nach Schätzung machten 20 Prozent der Infizierten - oder noch weniger - 80 Prozent der Ausbreitung aus.

DIESE Coronavirus-Patienten sind die größten Virenschleudern

Hitoshi Oshitani nahm die Corona-Zahlen seines Heimatlandes zur Grundlage einer Cluster-Analyse. Mit Forscherkollegen prüfte der Virologe, wo das Risiko für eine Coronavirus-Infektion besonders hoch sei. Seine im US-amerikanischen Fachmedium "Emerging Infectious Diseases" publizierten Erkenntnisse ließen den Rückschluss zu, dass es vor allem junge Frauen, nicht älter als 30 Jahre und trotz Coronavirus-Infektion frei von Symptomen, waren, die die Krankheit unbemerkt im großen Stil verbreiteten. Die Altersgruppe der Superspreader überraschte die Forscher nicht, immerhin hielten sich junge Menschen mit Vorliebe da auf, wo eine hohe Personendichte, enger Körperkontakt und schlechte Luftzirkulation zusammenkommen, beispielsweise in Clubs oder Diskotheken, bei Konzerten oder in Fitnessstudios - also genau dort, wo das Coronavirus ideale Verbreitungsmöglichkeiten vorfindet. Weshalb eine Vielzahl der Infektionen jedoch auf Frauen zurückzuführen waren, vermochten die Forscher anhand der Daten nicht zu ermitteln.

Wie wird man in der Coronavirus-Pandemie zum Superspreader?

Woran liegt es, dass nur manche Menschen so extreme Virenschleudern sind? Komplett verstanden ist das noch nicht. "Superspreading ist wahrscheinlich eine Mischung aus Eigenschaften einer Person und der Situation", sagt Infektiologe Bernd Salzberger vom Universitätsklinikum Regensburg. Voraussetzung ist demnach ein Infizierter, bei dem sich das Virus gerade stark im Rachen nahe der Stimmbänder vermehrt, der eine laute Stimme hat und der über genügend Schleim zur Tröpfchen- und Aerosolbildung verfügt. Letzteres sei ein Kriterium, das ältere Menschen mit eher trockenen Schleimhäuten weniger zu Superspreadern mache, schildert Salzberger. Wie Buchholz vom RKI ergänzt, gibt es auch gesunde Menschen, die beim Atmen und Sprechen von Natur aus mehr Partikel ausstoßen als andere.

Wer allerdings zum hochansteckenden Zeitpunkt zu Hause sitzt - bei Corona ist das nach derzeitigem Kenntnisstand wohl oft der Tag vor Symptombeginn -, wird eher kein Massenverbreiter. Neben einem Anlass gelten auch die Zahl der Kontakte und das Verhalten als entscheidend: "Singen und lautes Sprechen sind die besten Wege, um ein Aerosol zu erzeugen", sagt Salzberger. Aerosole sind feinste Tröpfchenkerne, die im Gegensatz zu größeren Tröpfchen längere Zeit in der Raumluft schweben können.

Kein Lockdown, keine Massentests: Japan setzte auf Cluster-Beobachtungen

Die Beobachtung von Corona-Clustern war in Japan seit Beginn der Pandemie das Mittel der Wahl: Sobald ein Fall von Covid-19 bestätigt wurde, setzten die Wissenschaftler alle Hebel in Bewegung, um Kontaktpersonen ausfindig zu machen und diese, egal ob mit oder ohne Corona-Symptomen, in Quarantäne zu schicken. Um Lockdown-Szenarien und Corona-Massentests kam Japan mit dieser Strategie erfolgreich herum.

So erklärt Virologe Christian Drosten das Superspreader-Phänomen

Dieser Umgang mit der Pandemie hat inzwischen auch außerhalb von Japan Anhänger gefunden. Virologe Dr. Christian Drosten von der Berliner Charité beispielsweise sprach in seinem Podcast vor einigen Wochen von dem japanischen Modell als mögliche Blaupause für Deutschland - Drosten zufolge sei die Cluster-Beobachtung eine Option, einer möglichen zweiten Infektionswelle Herr zu werden. Drosten verglich die Treiber-Funktion der Massenverbreiter im NDR mit einer Partie russisches Roulette: Die meisten Infizierten sorgten für so wenige Ansteckungen, dass es eine Weile nicht auffalle. Irgendwann aber komme die Kugel im Revolver: im übertragenen Sinne ein Superspreader, von dem explosionsartig Infektionsketten ausgehen. Drosten wertet diese Art der Ausbreitung in der aktuellen Pandemie als Chance, ohne Impfstoff glimpflich durch Herbst und Winter zu kommen. Weil man gezielt gegen Superspreading vorgehen könne, wie das Beispiel Japans gezeigt habe.

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loc/news.de/dpa

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