25.10.2010, 06.10 Uhr

Gefühlsblindheit: Wenn man spürt und es nicht merkt

Was geht in mir vor? Was tue ich anderen mit meinem Verhalten an? Wer gefühlsblind ist, kann das oft nicht beantworten. Die Betroffenen, meist Männer, leben sozial isoliert. Und oft sind auch körperliche Beschwerden die Folge.

Manche Frau hat einem Mann schon Gefühllosigkeit vorgeworfen. Tatsächlich kann dahinter eine ernstzunehmende Krankheit stecken. Bild: DAK

Zehn Prozent der Bundesbürger sind laut Studien gefühlsblind, Männer häufiger als Frauen. «Diesen Menschen fällt es schwer, ihre Gefühle wahrzunehmen, zu beschreiben und zu interpretieren», erläutert Henrik Kessler von der Universitätsklinik Bonn. Zwar ist die sogenannte Alexithymie keine Krankheit, wie der Facharzt für Psychotherapie betont. Aber auffällig oft entwickeln diese Menschen körperliche Beschwerden ohne organische Ursache.

Betroffene können mitunter komplexe mathematische Probleme lösen oder mit verbundenen Augen Motoren zerlegen. Zu sich selbst fehlt ihnen jedoch der Zugang. Und weil sie auch die Gefühle anderer Personen nicht spüren, leben sie weitgehend außerhalb jener sozialen Sphäre, die andere Menschen miteinander teilen.

Manchmal schließt sich das Tor zur Innenwelt im Erwachsenenalter nach einem Trauma - etwa wenn das Opfer eines Verkehrsunfalls jede Empfindung scheut, die an das Ereignis erinnern könnte. Experten zufolge reichen die Wurzeln der Gefühlsblindheit meist weit in die Kindheit zurück.

Informationen über das eigene Befinden nehmen Babys bereits mit der Muttermilch auf. «Schon beim Stillen spiegelt die Mutter in ihrer Mimik das Innenleben des Säuglings wider», erklärt der Mediziner Matthias Franz von der Universitätsklinik Düsseldorf. In der frühen Kindheit lernen Menschen allmählich, die anfangs diffusen körperlichen Gefühlsregungen - schneller Puls, Bauchgrummeln oder Schwitzen - mit konkreten Emotionen und Worten wie Angst, Freude oder Wut zu verknüpfen. Franz spricht von einem «Tanz der Gefühle zwischen Mutter und Kind».

Anfälligkeit für Depressionen

Werden solche Empfindungen in der Familie tabuisiert oder ignoriert, bleibe der Lernprozess aus und die eigene Innenwelt dem Betroffenen auch später fremd - häufig mit Konsequenzen. «Gravierende Probleme verursacht die Alexithymie oft erst im mittleren Lebensalter», sagt Franz, «wenn es darum geht, vertrauensvolle Abhängigkeitsbeziehungen aufzubauen und eine Familie zu gründen.» Während es im Beruf mitunter gut läuft, scheitern die Betroffenen in der Partnerschaft und leben auffällig oft allein.

Diese Entwicklung kann die Gesundheit gefährden. «Emotionale Kommunikation ist ein Schlüsselfaktor zur Regulation von Stress und zwischenmenschlichen Konflikten», erläutert Franz. Ohne dieses Ventil sind Menschen deutlich anfälliger für Depression oder Angststörungen.

Und weil Alexithymiker ihre körperlichen Reaktionen auf Gefühle zwar spüren, aber nicht zuordnen können, deuten sie diffuse körperliche Regungen oft als Zeichen von Krankheit. Pulsrasen interpretieren sie nicht als Signal von Aufregung, sondern als Symptom einer Herzerkrankung, Magengrummeln nicht als Hinweis auf Nervosität, sondern als Bauchweh. Reizdarm, Herzneurosen oder chronische Schmerzbeschwerden sind unter Gefühlsblinden weit verbreitet.

«Diese Menschen sind körperlich nicht unbedingt kränker als andere Personen, aber sie gehen öfter zum Arzt», sagt Kessler. Wird der Mediziner bei der Untersuchung nicht fündig, fühlen sich die Patienten nicht ernst genommen. Derlei Störungen könnten sich mit der Zeit verschlimmern. «Wenn Ärzte die Probleme systematisch nicht verstehen, sind die Patienten zur Eskalation gezwungen», erklärt der Mediziner und erinnert an ein quengelndes Kind, das immer lauter schreit, wenn die Mutter nicht reagiert.

Therapie dauert oft Jahre

Viele finden den Weg zur psychotherapeutischen Behandlung erst unter Leidensdruck - wenn die Ehe gescheitert ist, eine Depression sich nicht bessert oder die vermeintlich körperliche Erkrankung austherapiert ist. Weil klassische Ansätze wie Gesprächstherapien oft erfolglos bleiben, galt die Alexithymie lange Zeit als kaum behandelbar.

Burkhard Brosig von der Universitätsklinik Gießen rät gefühlsblinden Menschen anfangs zu einer stationären Behandlung, um aus dem Alltagstrott auszubrechen. Sinnvoll seien zunächst nonverbale kreative Ansätze wie Mal- oder Musiktherapie. «Man muss den Patienten da abholen, wo er steht», sagt der Arzt für Psychosomatik. «Die Menschen sollen lernen, ihre Gefühle zunächst zu spüren und dann zu benennen.» Gruppentherapien können die Betroffenen schulen, ihr Innenleben auszudrücken und gleichzeitig die Gefühlswelt ihrer Mitmenschen zu entdecken. Wenn jemand Zugang zu der verschütteten Emotionalität bekommen hat, sei eine ambulante Fortsetzung der Behandlung sinnvoll, meint Brosig.

Aber die Experten warnen vor der Hoffnung auf einen schnellen Erfolg. Zwar profitieren viele Patienten von einer Therapie. Aber das Alphabet der Gefühle lerne man nicht in wenigen Wochen. «Der Prozess ist sehr langwierig», sagt Franz. «Das kann manchmal Jahre dauern.»

ham/rzf/ivb/news.de/ap

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