26.09.2010, 09.01 Uhr

Alkoholiker-Familien: Die vergessenen Kinder

Sie leiden still: Kinder von Alkoholikern. Liebe, Geborgenheit und Vertrauen kennen sie nicht. Die Eltern sind so sehr mit sich und ihrer Sucht beschäftigt, dass der Nachwuchs einfach vergessen wird. Doch es gibt Hilfe.

Mit dem Griff zur Flasche ruinieren Eltern nicht nur ihr eigenes Leben, sondern vor allem das ihrer Kinder. Bild: dpa

Bernd kann schon beim Öffnen der Tür abschätzen, ob sein Vater getrunken hat. Mit einem Blick weiß er, wie dessen Stimmung ist. Ist sie gut, bleibt die Schnapsflasche heute vielleicht im Schrank stehen. Ist sie schlecht, wird der 17-Jährige am nächsten Morgen wieder die Küche aufräumen und die leeren Flaschen wegbringen müssen.

So wie Bernd geht es in Deutschland etwa 2,6 Millionen Kindern und Jugendlichen: Mutter oder Vater - manchmal auch beide - sind alkoholabhängig. Die Eltern kümmern sich nicht um ihre Kinder. Ihre ganze Aufmerksamkeit ist auf das Suchtmittel gerichtet. Zusätzlich konzentriert sich das Leben der übrigen Familienmitglieder ganz auf den Alkoholiker. So erleiden die Kinder einen Mangel an Geborgenheit, Akzeptanz, Förderung und Betreuung.

Meist schon früh haben sie gelernt, sich auf die Krankheit der Eltern einzustellen. «Sie versorgen ihre Geschwister, managen den Haushalt und müssen sich viel selbst beibringen», sagt Stefan Stark, Leiter des Suchthilfeprojekts «Drachenherz» in Marburg. Mutter oder Vater dagegen liegen betrunken auf dem Sofa und schlafen ihren Rausch aus.

Um den stressigen Alltag zu meistern, entwickelt der Nachwuchs besondere Strategien. So verschweigen die Kinder oft aus Angst vor Ausgrenzung das Familienproblem. «In der Regel wissen noch nicht einmal die engsten Freunde davon», erklärt Stark. 

«Fühle nicht, rede nicht, vertraue nicht», lautet das ungeschriebene Gesetz von Alkoholiker-Familien. Das familiäre Klima ist geprägt von einer Atmosphäre aus Angst, Unsicherheit und Unberechenbarkeit. Zu viel Last liegt auf ihren schwachen Schultern. Dadurch wirken sie in ihrem Verhalten häufig älter als sie sind.

Im Zwiespalt

Die Beziehung zu den Eltern ist sehr ambivalentzwiespältig, mehrdeutig : Auf der einen Seite dominieren Wut und Hass, auf der anderen Seite stehen die Verbindung und die Liebe zu Mutter oder Vater. Daraus resultiert bei vielen eine SpaltungAbwehrmechanismus, bei dem z. B. Objekte in oppositionelle Anteile (z. B. gut-böse) aufgespalten werden. . «Die Jugendlichen trennen den Elternteil in zwei Personen: Es gibt die gesunde Mama und diejenige, die trinkt», erzählt Stark. Für die persönliche Entwicklung sei diese Trennung aber ungesund: «Jugendliche müssen beides integrieren und verstehen, dass beide Seiten zu Mutter oder Vater gehören», sagt Professor Michael Klein von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln.

Der psychische Druck, unter dem Kinder alkoholabhängiger Eltern stehen, ist enorm. Viele entwickeln Schuld- und Ohnmachtsgefühle. «Gerade Jüngere denken, sie müssten braver, lieber oder besser in der Schule sein, damit die Eltern aufhören zu trinken», schildert Stark. Einen Schritt weiter kommen sie nach Ansicht der Experten damit allerdings nicht. «Das ist vielleicht das Schwerste für Jugendliche: Sie müssen begreifen, dass sie ihren Eltern nicht helfen können», so Stark.

Starke Strategien

Wirkungsvoller sei dagegen, wenn die Kinder und Jugendlichen auf sich selbst konzentrieren. Studien haben gezeigt, dass einige von ihnen bestimmte Widerstandskräfte - sogenannte Resilienzen - entwickeln können. Die stressreiche Lebenssituation begreifen sie als Herausforderung.

Kinder und Jugendliche, die Resilienzen aufweisen, können sich besonders gut und flexibel anpassen. Das hilft ihnen, die Stresssituation in der Familie zu überstehen. «Dinge wie Schreiben oder Malen helfen, die Seele zu befreien. Auch Kontakt zu Gleichaltrigen oder anderen Familien hilft, Abstand von zu Hause zu gewinnen» sagt Stark. Viele entwickelten auch ein gutes EmpathieEinfühlungsvermögen -Gefühl, so dass sie später häufig beratend tätig sind beispielsweise in der Suchthilfe. Nur etwa ein Drittel der in Suchfamilien lebenden Kinder entwickeln Resilienzen und können ihr Leben frei von Störungen meistern.

Hohes Suchtpotenzial

Allgemein bekannt ist, dass das Risiko, selbst abhängig zu werden oder Alkohol zu missbrauchen, bei Kindern aus Alkoholiker-Familien sechs mal höher ist als bei Kindern nicht suchtkranker Eltern. Das Ganze ist für die betroffenen Heranwachsenden ein Teufelskreis. Zwei Drittel greifen später auch zur Flasche oder gehen eine Beziehung zu einem suchtkranken Partner ein. «Sie überschätzen sich und denken, dass sie die Situation kontrollieren können - gerade weil sie sie hautnah miterlebt haben», erklärt Stark dieses Paradoxon.

Manche haben die Gewohnheiten in der Familie von Kind an regelrecht aufgesogen und kennen nichts anderes als den Griff zur Flasche: «Die wundern sich und fragen: Das soll eine Krankheit sein?», sagt Niklas Quecke, Leiter der Suchtambulanz an der Universitätsklinik Duisburg-Essen. Alkohol werde von ihnen oft als einziges Mittel zur Problembewältigung angesehen.

Der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (GGVT) sei auch belegt, dass das Risiko, an anderen psychischen Störungen - insbesondere Angststörungen, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen - zu erkranken, deutlich erhöht ist.

Trotz der extremen Belastung, die Jugendliche mit trinkenden Eltern durchstehen müssen: Sich von ihnen abzugrenzen, schaffen nur die wenigsten. «Das ist der allerletzte Schritt, die meisten lassen ihre Eltern nicht fallen», so Stark. Dazu sei die Bindung trotz aller Konflikte zu stark.

Auswege aus dem Teufelskreis

Kinder alkoholsüchtiger Eltern müssen frühzeitig Hilfe erhalten. Schule und Kita haben hierbei eine Schlüsselfunktion. Sie sind zentrale Lebensräume für die Kinder. Lehrer oder Erzieher können den Familien beispielsweise Hilfeangebote vermitteln: Es gibt Suchtberatungsstellen für Kinder und Jugendliche, stationäre therapeutische Angebote für Eltern und Kind sowie Selbsthilfegruppen.

Mitunter ist es ratsam, Kinderschutzdienste oder Jugendämter einzuschalten. Auch Freunde, Bekannte und Verwandte sind gefragt. Wem etwas auffällt, sollte das Kind oder den Jugendlichen vorsichtig und mit viel Einfühlungsvermögen darauf ansprechen und ihm seine Hilfe anbieten.

Bis sich Heranwachsene selbst Hilfe holen, ist es oft ein weiter Weg. Entscheiden sie sich, über die Situation zu Hause zu sprechen, tun sie das meist ohne das Wissen ihrer Eltern. «Wir versuchen manchmal, sie zu kontaktieren und ein gemeinsames Gespräch anzuregen», sagt Stark. Das klappe aber leider nicht immer.

Hilfe für Betroffene:
www.drogenhilfe-nordhessen.de
www.nacoa.de
www.flaschen-kinder.de
www.drachenherz.blaues-kreuz-marburg.de
www.kidkit.de
www.koala-online.de

Information:
Die Broschüre «Kindern von Suchtkranken Halt geben» kann kostenlos beim Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe, Kassel, telefonisch unter der Nummer +49 561 780413 oder per E-Mail unter «mail@freundeskreise-sucht.de» bestellt werden. 

rzf/sca/news.de/dpa

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