Von news.de-Redakteur Andreas Schloder - 08.05.2010, 08.19 Uhr

Muttertag: «Völlig sinnentleert»

Wirtschaftlich ist der Muttertag ein voller Erfolg. Viele Mütter wünschen sich statt Blumen- und Pralinenschlachten allerdings einfach mehr Aufmerksamkeit - und das nicht nur einmal im Jahr.

Schade, dass man einen festen Sonntag braucht, um seiner Mutter und/oder Partnerin Aufmerksamkeit zu schenken. Bild: istockphoto

Heute ist es wieder so weit: Der zweite Sonntag im Mai, an dem Millionen von Mamas in Deutschland mit Blumensträußen, Pralinen oder einem Mittagessen wegen ihres nach ihnen benannten Ehrentages beschenkt und überhäuft werden. Für die Wirtschaft ein ertragreicher Anlass: Nach Angaben des Hauptverbandes des deutschen Einzelhandels (HDE) ist der Muttertag wichtiger als der Valentinstag, weil lukrativer für das Geschäft. Jeder Deutsche gebe demnach im Schnitt 25 Euro für seine Geschenke aus. Allein in der Muttertagswoche wird mit Schnittblumen laut Zentraler Markt- und Preisberichtsstelle (ZMP) ein Umsatz von bis zu 130 Millionen Euro erzielt. 

Eigentlich erfreulich, dass die Mama einem persönlich so viel Wert ist. Doch Birgit Weißwanger-Lehmann sieht das differenzierter. «Der Tag ist, so wie er jetzt zelebriert wird, völlig sinnentleert», bemängelt die Verhaltenstherapeutin aus Berlin. Denn es gehe völlig an dem vorbei, was der Tag einst verkörpert hatte: Die Mutter ehren. Vielmehr werde der Anlass in der Öffentlichkeit - genauso wie der Valentinstag - dazu genutzt, um Kasse zu machen.

FOTOS: Muttertag Geschenke für Mamas

Anna Jarvis, die einstige Begründerin des Muttertages wäre wahrscheinlich nicht sehr davon angetan, wenn sie miterleben würde, was aus ihrer damaligen Motivation geworden ist. Sie hatte vor 103 Jahren, an einem zweiten Sonntag im Mai, zum zweiten Todestag ihrer eigenen Mutter mit 500 weißen Nelken ihre Liebe zum Ausdruck bringen wollen und diese vor einer Kirche im amerikanischen Philadelphia an andere Mütter ausgeteilt. Im darauf folgenden Jahr wurde auf ihr Drängen hin in derselben Kirche den Müttern erstmals eine Andacht gewidmet. Seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat der Muttertag auch in Deutschland Einzug gehalten. Jedoch schon mit ökonomischem Beigeschmack, denn er wurde vom Verband der Floristen forciert.

Und was ist an den anderen 364 Tagen?

Doch nicht jede Mama ist heiß auf einen Blumenstrauß, wie Weißwanger-Lehmann aus eigener Erfahrung kennt. Sie wollen mehr. «Als ich meine Mutter einmal fragte, was ich ihr denn schenken sollte, wollte sie nichts Materielles, sondern bat mich, sie in den restlichen 364 Tagen des Jahres nicht zu vergessen», erzählt die mittlerweile 67-Jährige schmunzelnd.

Und das fordert die Verhaltenstherapeutin von ganz Deutschland – überwiegend von der Politik. «Es muss ein moderneres Bild von Müttern geschärft werden. Eines, dass die Situation der Frauen verständlicher macht. Denn ihre Rolle in der Gesellschaft ist komplizierter geworden», mahnt Weißwanger-Lehmann. Während die Mutter früher klassisch für den Haushalt und die Kindererziehung zuständig gewesen seien, müssten sie dies jetzt noch mit dem Job vereinen – nicht selten als Alleinerziehende.

FOTOS: Ein kleines Lexikon Sag es durch die Blume

Wenn also schon ein Geschenk für die Mütter her muss, dann bitte ein langanhaltendes, eines vom Staat und der Wirtschaft. «Es kann nicht sein, dass Frauen in vielen Berufen immer noch schlechter bezahlt werden als Männer – angesichts ihrer wichtigen Stellung in der Gesellschaft», kritisiert die Therapeutin.

Der perfekte Muttertag: Mit Bratwurst auf der Parkbank

Um aber den Tag in seiner jetzigen Form für alle Familienmitglieder so angenehm wie möglich zu gestalten, rät Weißwanger-Lehmann, die Mütter schon vorab zu fragen, wie sie den Tag verbringen wollen und was sie sich wünschen. Denn die Mutter von drei Kindern hat nicht nur beruflich ihre Erfahrungen mit dem Ehrentag gemacht. Sie kann sich noch gut an ihren ersten eigenen Muttertag erinnern, der sich so eingeprägt hat, und seitdem so nie wieder begangen wurde: «Ich saß mit meinem Mann auf einer Parkbank und wir haben Bratwurst gegessen.»

kat/news.de

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