Von news.de-Redakteurin Katharina Schlager - 26.01.2010, 16.02 Uhr

Kältekammer: Heilsamer Gefrierschock

Aus der Kältekammer kommen Patienten nicht nur schmerzfreier, sondern auch mit einem befreiten Grinsen heraus. Warum drei Minuten bei minus 120 Grad so euphorisieren und bei Rheuma so gut wirken, erklärt news.de.

Bei minus 120 Grad lassen die Schmerzen nach und die Glückshormone geraten in Wallung. Bild: ddp

Minus 120 Grad. Temperaturen, wie sie in der Kältekammer herrschen, in die Ärzte ihre Rheumapatienten schicken, kann sich niemand vorstellen. Denn die persönliche Erfahrung reicht meist nur bis maximal minus 30 Grad. Dr. Helmut E. Stierle betreut im Zentrum für Orthophädie und Rheumatologie in Wuppertal eine solche begehbare Gefrierkammer. Die Kälte werde aber gar nicht als solche empfunden, beruhigt der Experte. Denn: «Die Haut ist kein genaues Thermometer.» 

Die Kälte bewirkt primär, dass die Gefäße sich zusammenziehen. Dadurch wird die Durchblutung kurzfristig vermindert und der Stoffwechsel gedrosselt. Als Gegenreaktion kurbelt der Körper anschließend die Durchblutung und damit auch den Stoffwechel verstärkt und unter Volldampf an. Es wird eine enorme Wärme erzeugt. «Das hilft zwar nicht Entzündungen zu heilen», räumt Stierle mit zu hohen Erwartungen auf, «aber sie werden zumindest verbessert.»

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Die Kältetherapie, die in den 1980er Jahren in Japan entwickelt wurde, ist ein physiotherapeutischer und ergotherapeutischer Ansatz, der begleitend bei entzündlichen Erkrankungen, wie etwa Rheuma, aber auch Arthrose, angewendet wird. Sie wird als Teil einer Therapie genutzt, um Patienten eine schmerzfreiere und damit effektivere Gymnastik zu ermöglichen und Medikamente einzuschränken. Mit der Kälte werden somit vor allem die Symptome behandelt, aber nicht die Ursachen ausgeheilt.

Lebensgefahr bei 15 Minuten

Die Kältekammer ist konstruiert wie ein großer Eisschrank. Damit beim Einstieg in die Kammer nicht zu viel Kälte entweicht, gibt es eine Vorkammer mit 60 Minusgraden. Der Unterschied zwischen minus 60 und minus 120 Grad übersteige die Wahrnehmung des Körpers, so Stierle. In dieser Schleuse halten sich die Patienten zum Akklimatisieren etwa 30 Sekunden auf, bis sie in die Kältekammer eintreten. Dort dauert der Aufenthalt maximal drei Minuten. Der Körper verliert extrem viel Wärme. Bei längerem Aufenthalt würde er schnell erfrieren, erklärt Stierle die Kürze der Anwendung. Lebensgefährlich werde es bereits bei etwa 15 Minuten.

So lange es zu keinen Erfrierungen kommt, spürt der Körper die Kälte nicht. Während es sonst bei so niedrigen Temperaturen heißt «warm anziehen», sind beim Gang in die Kammer Kleidungsstücke eher hinderlich. «Denn die sind immer leicht feucht und würde sofort gefrieren», erklärt Stierle. Lediglich Ohrenschützer, dicke Wollsocken und ein Badeanzug oder eine Badehose sind notwendig. Auch sollten die Kältepatienten einen Mundschutz tragen. «Damit die eingeatmete Luft nicht ganz so kalt ist», erklärt der Mediziner. Die Patienten sind bei der Anwendung in ständiger Bewegung.

Meist geht es zu dritt in die Kammer. «Zu viert würde es schon recht eng werden», so Stierle. Alleine darf niemand rein. Das wäre zu gefährlich. Die Tür lässt sich von innen öffnen, sodass die Patienten nicht auf das Personal angewiesen sind, das immer zur Aufsicht da ist und Sprechkontakt zum Innenraum hat. Zwar dürfen die Wände durchaus kurz angefasst werden, wenn man etwa ins Stolpern gerät. «Aber längeres Abstützen würde dazu führen, dass man festfriert», warnt der Kälteexperte. «Bisher gab es bei uns aber noch keinen einzigen Vorfall», beruhigt Stierle. Auch von anderen Kältekammern sei nicht bekannt, dass es jemals zu bedrohlichen Situationen gekommen wäre.

Kosten aus eigener Tasche

Die Anwendung muss aus der eigenen Tasche bezahlt werden, da die Krankenkassen die Kosten nicht übernehmen. «Der Preis liegt unter 20 Euro», so Stierle. «Das klingt bei nur drei Minuten erst einmal sehr viel», räumt er ein, «aber die Wirkung ist auch besonders effektiv.» Bei stationär behandelten Patienten können ein oder zwei Anwendungen pro Tag angeordnet werden. Sonst kommen die Patienten meist ein- bis zweimal die Woche zum kurzen Kammergang in die Klinik.

Eine Altersbeschränkung gibt es nicht. Nur Fitnessvoraussetzungen. «Wir haben auch 85-Jährige, die regelmäßig in die Kammer gehen», sagt Stierle. Wichtig sei nur, dass die Patienten völlig ohne Gehhilfe zurecht kommen. Das gelte übrigens auch bei Kindern. Können die Kleinen ohne die Hilfe der Eltern aufrecht gehen, dann spreche nichts gegen ein paar Minuten in der Kälte. Allerdings sollten ihre Eltern immer mitkommen.

Es gebe dennoch einige Patienten, denen Stierle die Kältekammer nicht anraten würden. Etwa bei Kälte-Urtikaria. «Das ist Hautausschlag aufgrund von Kälte», erklärt Stierle. Aber auch kälteempfindliche Asthmaformen fallen unter die Ausschlusskriterien sowie Arteriosklerose oder Herzbeschwerden aufgrund von Kälte. Das gilt auch für das Raynaud-Syndrom, eine Gefäßerkrankung, bei der der Blutfluss bei Kälte stark eingeschränkt wird, weil sich die Gefäße spastisch verkrampfen. Deswegen gehen dem Kammergang auch ausführliche Gespräche und Untersuchungen voraus.

Panik vor dem eisigen Schritt

Obwohl eine solche extreme Kälte, die dann auch noch halbnackt erlebt werden soll, ungewöhnlich ist, seien die meisten Patienten eher neugierig als abgeschreckt. Aber Stierle habe es schon des Öfteren erlebt, dass jemand kurz vor dem Schritt in die Kälte Panik bekommen hat. Zumal der Raum sehr klein ist und Platzangst schnell eine Rolle spielen kann. «Wir schlagen dann vor, dass der erste Gang nur 30 Sekunden dauern soll», erzählt der Kälteexperte. «Zum Ausprobieren und Herantasten.»

Die Kältekammer lindert nicht nur Schmerzen, sondern wirkt auch euphorisierend. Das liegt zum einen an der Überwindung, sich in diese Extremtemperaturen begeben zu haben, vermutet Stierle. Aber auch die verstärkte Durchblutung des Gehirns sowie eine vermehrte Ausschüttung der Glückshormone (Endorphine) führen zu einem befreiten Lächeln auf den Gesichtern der Patienten.

Eine besondere Anwendung findet die Kältekammer bei Sportlern. Denn: Im Training kann es zu kleinsten Verletzungen und Rissen an den Muskelfaser und Sehnen kommen. Damit der Körper nicht mit einer Entzündung reagieren muss, kann die Kältetherapie helfen und somit das Training unterstützen.

sis/reu/news.de

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