Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 23.01.2010, 15.13 Uhr

Schwindel: Attacken aus dem Nichts

Alles dreht sich, der Boden schwankt, ein Sog zieht nach unten: Wer unter Schwindelattacken leidet, fühlt sich regelrecht aus der Bahn geworfen. Jeden kann es treffen, denn Schwindel ist nach Kopfschmerzen das zweithäufigste Krankheitssymptom.

Schwindelanfälle können viele verschiedene Ursachen haben, die von harmlosen Störungen bis zu ernsten Krankheiten reichen. Bild: Istockphoto

Den Tag, an dem ihre Welt ins Wanken geriet, wird Sonja Winter nie vergessen. «Ich wollte gerade die Einkäufe ins Auto räumen», berichtet sie. «Dabei drehte ich mich um – und plötzlich war mir so schwindlig und schlecht, dass ich mich auf den Boden setzen musste.»

Der Rettungswagen brachte sie ins Krankenhaus, wo die Ärzte die Menièrsche Krankheit diagnostizierten und sie mit Infusionen behandelten. Zu Hause kamen die Schwindelanfälle erneut. Sonja Winter konnte ihre Arbeit als Krankenpflegerin nicht wieder voll aufnehmen. «Wenn ich mich mit Schwung ins Bett legte», berichtet sie, «drehte sich das Schlafzimmer.»

FOTOS: Fitness Sanfter Sport mit starker Wirkung

Nach Schmerz ist Schwindel das zweithäufigste Krankheitssymptom. Die Auslöser von Schwindelattacken sind vielfältig, nicht jeder Schwindel ist gefährlich oder behandlungsbedürftig. «Denn Schwindel ist auch ein Alltagsphänomen, das wir aus vielen Situationen kennen», sagt Anne Freimann, die als Redakteurin für die Medizinsendung Service: Gesundheit im hr-Fernsehen arbeitet und einen Ratgeber über Schwindel geschrieben hat.

Chaos im Gleichgewichtsorgan

Im Alltag kann uns Schwindel zum Beispiel als Beifahrer oder beim Fahrstuhlfahren ereilen: Im Fahrstuhl haben wir nicht selten das Gefühl zu fallen. Der Grund: «Das Auge erkennt keine Veränderung, und trotzdem nehmen wir die Bewegung des Lifts wahr», erklärt Freimann. Ähnliches gilt beim Auto. Hier wird uns als Beifahrer vor allem beim Blick in die Straßenkarte übel oder schwindelig. Das liegt daran, dass die Augen unterschiedliche Informationen bekommen. Während sich das Auto bewegt, ist die Karte ruhig. Die unterschiedlichen Informationen lösen Chaos im Gleichgewichtsorgan und dadurch Schwindel aus.

Während diese sogenannten akuten Schwindelattacken harmlos sind und schon nach einigen Minuten vollkommen verschwinden, treten andere Schwindelarten plötzlich und ohne Vorwarnung auf. Die Betroffenen haben das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren und keine Kontrolle mehr über sich und ihre Umwelt zu haben. Die Welt dreht sich wie ein Karussell. Es wird einem schwarz vor Augen oder der Blick verschwimmt. «Schwindelattacken werden deshalb oft auch als Bedrohung wahrgenommen», sagt Freimann.

Lesen Sie auf Seite 2, wie die Welt wieder ins Gleichgewicht kommt

Damit die Welt wieder ins Gleichgewicht kommt und die Therapie erfolgreich ist, ist eine schnelle und vor allem genaue Diagnose wichtig. Doch das ist schwierig angesichts von mehr als 380 verschiedenen Schwindelformen.

Die genauen Ursachen für die Schwindelattacken sind oft nicht leicht auszumachen. So kann zum Beispiel das Gleichgewichtsorgan im Innenohr erkrankt sein. Migräne, Diabetes, Herzkreislauf-Probleme oder eine verspannte Nackenmuskulatur können Schwindel auslösen. Auch kann die Ursache des Schwindels im Bereich der Neurologie, der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, der Inneren Medizin, der Psychiatrie oder der Augenheilkunde liegen. Freimanns Rat: Erst zum Hausarzt und dann zum Facharzt oder zu einer Schwindel-Ambulanz.

Mediziner unterscheiden zwischen systematischem und unsystematischem Schwindel. Unter dem systematischen Schwindel versteht man alle Schwindelformen mit Scheinbewegungen. «Er tritt häufig als Folge einer Störung des Gleichgewichtsorgans, das im Ohr sitzt, auf. Die Schwindelattacken äußern sich vor allem in einem Dreh-, aber auch in einem Lift- oder Seitwärtsschwindel», erläutert Freimann. Der Betroffene hat das Gefühl, im Boden zu versinken oder zur Seite und nach vorn gezogen zu werden.

Zum unsystematischen Schwindel gehören unbestimmte Beschwerden wie Taumeligkeit, Benommenheit und ungerichtetes Schwankungsgefühl. Er wird laut Freimann häufig durch eine andere Erkrankung ausgelöst: etwa durch eine Augenerkrankung, Probleme mit der Halswirbelsäule, zu hohem oder zu niedrigem Blutdruck, Blutdruckschwankungen, Herzrhythmusstörungen, infolge von Medikamenteneinnahme oder durch Ängste. Der Schwindel kann aber auch Anzeichen eines drohenden Schlaganfalls sein.

Die wichtigsten Schwindelformen

Die häufigste Schwindelerkrankung ist der gutartige Lagerungsschwindel. Er entsteht im Innenohr und tritt in Attacken auf, meist beim Aufwachen. Aber auch beim Laufen kann das Gefühl entstehen, man liefe auf einer Matratze oder einer anderen instabilen Unterlage.

Der Lagerungsschwindel geht auf eine Funktionsstörung des Gleichgewichtsorgans im Innenohr zurück. Ursache sind Otholiten (Ohrsteinchen), die sich von ihren Sinneszellen abgelöst haben und in die Bogengänge geraten sind. «Bei jeder Kopf- und Körperbewegung, beim Umdrehen im Bett oder Aufstehen, geraten diese verirrten Steinchen in Bewegung und lösen heftigen Drehschwindel, Übelkeit und Erbrechen aus. Hält man still, bleiben die Steinchen liegen und der Schwindel klingt ab», erklärt Freimann.

Diese Schwindelart kann in der Regel schnell behoben werden. Durch bestimmte Lagerungsübungen, die der Arzt mit dem Patienten durchführt, ist es möglich, die Steinchen wieder an die richtige Stelle im Innenohr zu befördern.

Lesen Sie auf Seite 3, warum der Drehschwindel so gefährlich ist

Der Drehschwindel ist die gefährlichste Schwindelform, denn die kurzen Attacken können unter anderem auch Vorboten eines Schlaganfalls sein. Betroffene, die eine solche Attacke erleben, sollten umgehend einen Arzt aufsuchen.

Zu erkennen ist der Drehschwindel daran, dass der Körper oder die Umgebung sich urplötzlich zu drehen scheinen. Übelkeit und Erbrechen treten auf, und Sitzen oder gar Stehen wird unmöglich. Zusätzlich bewegen sich die Augen unkontrolliert ruckartig. Ursache kann eine Verletzung oder Entzündung des Gleichgewichtsnervs mit Viren wie Herpes, Grippe oder Masern sowie Durchblutungsstörungen des Innenohrs sein.

Auch die Menière-Krankheit, die bislang nicht heilbar ist, hat ihren Ursprung im Gleichgewichtsorgan. «Die Betroffenen leiden unter heftigem Drehschwindel, häufig begleitet von Übelkeit und Erbrechen, Kopfschmerzen, Ohrgeräuschen oder einem Druckgefühl im Ohr», zählt Freimann auf.

Die Beschwerden werden durch eine Ansammlung von Lymphflüssigkeit im Innenohr ausgelöst. Die Flüssigkeit wird entweder nicht richtig abtransportiert oder vermehrt produziert. Durch die Stauung ändern sich die Druckverhältnisse im Innenohr und die empfindlichen Membranen können reißen. Schlimmstenfalls kann das zu Taubheit und Tinnitus führen. Warum es zu den Stauungen oder Abflussschwierigkeiten der Endolymphflüssigkeit kommt, ist bislang nicht ganz geklärt.

Schließlich gibt es noch den Schwankschwindel, der in vielen Fällen durch seelische Störungen – eine Angsterkrankung oder Depression - verursacht wird. «Der Schwindel ist in vielen Fällen ein Alarmzeichen des Körpers, das etwas nicht stimmt, aus dem Gleichgewicht geraten ist», sagt Freimann.

Die Betroffenen leiden häufig nicht nur unter dem Schwindel, sondern auch unter Übelkeit oder Herzrasen, Atmenot oder einem Engegefühl in der Brust. Die Schwindelattacken erleben viele als seien sie betrunken. Bei anderen dreht sich plötzlich alles.

Eine Verhaltenstherapie kann helfen

Ganz gleich, um welche Schwindelform es sich handelt: Um den Teufelskreis aus Schwindel und Angst zu durchbrechen, kann eine Verhaltenstherapie helfen. «Die Behandlung soll in erster Linie Mut machen. Das Konzept dieser Therapie besteht darin, Angst auslösende Situationen, wie zum Beispiel das Betreten eines Supermarktes oder eines überfüllten Busses, nicht zu vermeiden, sondern sich diesen Situationen auszusetzen», erläutert Freimann. Durch das Üben wird der Patient mit der Zeit immer sicherer und verliert seine Angst.

Der vermeintlichen Menière-Patientin Sonja Winter ging es jahrelang mal besser, mal schlechter. Ein Gespräch mit einer Nachbarin brachte die entscheidende Wende: Sie empfahl einen Besuch in einer psychosomatischen Klinik. Dort erfuhr Sonja Winter, dass sie gar nicht unter Morbus Menière litt und auch keine Medikamente benötigte. Sie hatte ein paar Steinchen im Ohr, die der Arzt durch rasche Änderungen der Kopflage aus den Bogengängen des Gleichgeiwchtsorgans beförderte. «Danach war ich etwas benommen», erzählt Sonja Winter. «Aber der Schwindel war weg.»


Weitere Informationen: Kliniken mit Schwindelambulanzen sind auf der Homepage der Selbsthilfegruppe für Morbus Meniére Patienten www.kimm-ev.de zu finden.

Lesetipp: Anne Freimann: Schwindel. So kommt die Welt wieder ins Gleichgewicht, Schlütersche Verlagsgesellschaft, 102 Seiten, 12,90 Euro.
 

voc/news.de

Empfehlungen für den news.de-Leser