07.01.2010, 16.08 Uhr

Ausdauer lernen: Hektik hilft Kindern nicht

Gerade wenn Eltern es eilig haben, fällt es schwer, einem Kind die Zeit zu lassen, die es braucht, um sich die Jacke selbst anzuziehen. Hektisch helfen hilft aber nicht. Sonst bleibt die Fähigkeit zur Ausdauer auf der Strecke.

Eine Jacke anzuziehen, ist ganz schön schwierig: Kinder sollten es immer wieder selbst probieren, bevor Erwachsene helfen. Bild: dpa

Zoe sitzt auf dem Fußboden und müht sich, eine Socke über ihren rechten Fuß zu stülpen. Immer wieder rutscht sie ab, immer wieder versucht die Zweijährige sie über die Zehen zu ziehen. Nicht alle Kinder halten so lange durch wie Zoe. Manche kreischen schon beim zweiten Fehlversuch und schleudern den Strumpf wütend in die Ecke. Geduld und Ausdauer können Kinder lernen und üben, sagen Experten - wenn die Erwachsenen sie lassen.

«Ausdauer» wird heute häufig gefordert. Ganze Bücher beschäftigen sich mit Kindern, die sprunghaft von einer Sache zur anderen wechseln. «Dabei ist doch unsere ganze Kultur, unsere Art zu leben, schnell und ungeduldig», stellt die Diplom-Psychologin Helga Gürtler fest. «Kinder wachsen heute in eine Welt hinein, die eine sehr breitgestreute Aufmerksamkeit verlangt.»

Eltern müssen also die Balance finden, ihre Kinder auf diese Welt vorzubereiten und sie gleichzeitig davor zu schützen, sagt Angelika Eger von der Uniklinik Jena. Die Kinderärztin weiß aus ihrer Arbeit mit konzentrationsschwachen Kindern, dass sich Geduld und Ausdauer trainieren lassen. Wichtig dabei sei das Verhalten der Erwachsenen. «Eltern sollten ihren Kindern nicht alles abnehmen, sondern deren Autonomie fördern. Dazu gehört es, Kinder probieren zu lassen und nicht immer alles zu vereinfachen.»

Spielzeit ist zu kurz bemessen

Dazu aber braucht es Geduld - und Zeit. Die ist meist knapp. Die Erzieherin Bärbel Merthan aus Riegsee in Bayern kennt den Alltag vieler Familien: «Eltern kommen morgens in den Kindergarten gehetzt, und weil sie schnell wieder los müssen, ziehen sie dem Kind die Jacke aus - obwohl das Kind es alleine könnte.» Sie haben oft keine Zeit, zu warten.

Haben Kinder wenig Durchhaltevermögen, kann das auch eine Folge davon sein, dass sie häufig in ihren Aktivitäten unterbrochen werden. «Oftmals ist die Spielzeit viel zu kurz bemessen: Schon die Kleinen müssen in die Musikstunde oder zum Sport», sagt Bärbel Merthan. Helga Gürtler rät Eltern, die Nachmittage so zu gestalten, dass den Kindern nach einem durchstrukturierten Vormittag genügend unverplante Zeit bleibt, «egal, wie pädagogisch wertvoll manche Kurse sind».

Oft spielen Kinder gerade selbstvergessen und schon heißt es «Schluss jetzt, wir müssen los». «Unterbrechen Sie das Spiel möglichst nicht abrupt», rät Gürtler. Besser seien Vorankündigungen. Wenn Eltern etwa zum Essen rufen wollen, können sie das schon zehn Minuten vorher ansagen. «Dann kann sich das Kind darauf einstellen.»

Häufige Unterbrechungen und zu viel Programm hindern Kinder oftmals daran, Ausdauer und Geduld spielerisch zu trainieren. «Eltern sollten auf die Impulse ihrer Kinder achten», sagt Merthan, «dann kann man Aufmerksamkeit und Ausdauer an Themen schulen, die Kinder gerade interessieren.» Sind etwa Piraten hoch im Kurs, könne man mit den Kindern ein Theaterstück dazu einüben oder eine Schatzkarte malen. Das fördert die gewünschten Fähigkeiten. Stück für Stück ließen sich dann auch ungeliebtere Aufgabenbereiche miteinbeziehen.

Langeweile macht kreativ

An den Vorlieben des Kindes anzuknüpfen hält auch Angelika Eger für sinnvoll. Bei leicht ablenkbaren Kindern rät sie darüber hinaus, den Tagesablauf zu überdenken. «Schaffen Sie klare Strukturen und Regeln für die Kinder. Und sorgen sie für Wiederholungen und Rituale - das gibt den Kindern Sicherheit.» Eine Sicherheit, die es dann auch ermöglicht, sich einer Sache mit Hingabe zuzuwenden.

Kinder brauchen Zeit für sich. Dann werden sie kreativ. «Wir beschäftigen Kinder von morgens bis abends», kritisiert die Kinderärztin Angelika Eger. Ihrer Meinung nach steckt bei vielen Eltern die Angst dahinter, ihr Kind könne sich langweilen. «Langeweile ist ganz und gar nicht gefährlich», beruhigt auch die Erzieherin Bärbel Merthan. «Im Gegenteil, das kann sehr gut sein: Ein Kind, das sich langweilt, hat die besten Chancen kreativ zu werden, denn es hat Zeit, frei zu spielen und sich etwas zu überlegen.»

kat/news.de/dpa

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