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Von Berrit Gräber - 26.05.2009, 16.20 Uhr

Trichotillomanie: Ein Zwang zum Haareraufen

Es beginnt oft schon in der Kindheit: Die krankhafte Lust, sich Haare auszureißen. Obwohl etwa 800.000 Deutsche an diesem zwanghaften Verhalten leiden, ist die Krankheit bisher kaum bekannt. Die gute Nachricht: Sie ist heilbar.

800.000 Deutsche raufen sich zwanghaft die Haare. Bild: news.de

Viele Betroffene verspüren bereits sehr früh in ihrem Leben den unwiderstehlichen Drang, sich die Haare auszureißen. Nicht nur eins, sondern viele. Manchmal ganze Büschel. Wie in Trance gerupft und gezupft wird nicht nur am Kopf. Auch Augenbrauen, Wimpern, Arm- oder Schambehaarung müssen daran glauben. Dieser Zwang, der von massiven Schuldgefühlen und Depressionen begleitet wird, kann bis ins hohe Alter gehen. Kahle Stellen werden unter Kopftüchern oder Perücken versteckt.

Diese krankhafte Lust am Haarausreißen nennt sich Trichotillomanie (TTM). Die Schätzungen, wie viele Menschen an TTM leiden, gehen stark auseinander und liegen zwischen 0,5 und 15 Prozent weltweit. Dennoch die Zwangsstörung ist kaum bekannt, anders als Waschzwang, Kleptomanie oder Spielsucht, wie das Deutsche Grüne Kreuz in Marburg erläutert. Kein Wunder: Die etwa 800.000 Deutschen, die unter «Trich» leiden, versuchen typischerweise krampfhaft, ihr Problem zu verheimlichen. Viele schämen sich für ihren absonderlichen Tick - und für die kahlen Stellen am Kopf und die fehlenden Wimpern. Erst wenn der Leidensdruck zu groß wird, suchen sie Hilfe.

«Das Krankheitsbild gehört zu den Störungen der Impulskontrolle», sagt die Diplom-Psychologin Annett Neudecker, die sich seit Jahren mit der psychischen Störung und ihren Therapiemöglichkeiten beschäftigt. Untersuchungen in Kindergärten und Universitäten ergaben, dass Männer und Frauen gleichermaßen davon betroffen sind, gehäuft aber Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 15 Jahren.

Die Flucht nach vorn zur Behandlung mit einer Verhaltenstherapie würden aber häufig nur die erwachsenen Frauen antreten, sagt Neudecker. Dabei hätten Patienten, die an Trichotillomanie leiden, eine Chance auf Heilung.

Warum Menschen anfangen, sich immer wieder Körperhaare auszureißen, konnten Wissenschaftler bislang nicht eindeutig klären. Klar sei lediglich, dass viele Betroffene dabei keinen Schmerz spüren. Nur eine starke innere Anspannung, die sich im Ausreißen entlädt. Danach spüren sie eine große Erleichterung. Als wohltuend und befriedigend wird empfunden, wenn sie die Haarwurzel erwischt haben. Aber auch Haare beißen, kauen und schlucken gehört zu den Symptomen von TTM, berichtet Neudecker.

«Im Nachhinein weiß ich heute, dass ich wohl schon in früher Pubertät einzelne Wimpern ausgerissen und dann mit Tesa auf ein Blatt Papier geklebt habe, um sie zu sammeln», erzählt Nina auf der Webseite der Selbsthilfegruppe trich.de. «Ich weiß, das klingt recht blöde, doch damals fiel mir irgendwie nicht auf, dass das eigentlich nicht normal ist.»

Was bei den meisten Patienten auffalle, sei die Kombination mit anderen Symptomen wie Angstzuständen oder Depressionen. Viele könnten mit Stresssituationen nicht gut umgehen, hätten eine lieblose Kindheit und geringes Selbstbewusstsein. Auch der Hang zu starkem Perfektionismus, schwere emotionale Belastungen in der Pubertät oder traumatische Erlebnisse könnten bei dem Krankheitsbild eine Rolle spielen. Zumindest in einigen Fällen sind auch genetische Ursachen nicht auszuschließen.

kat/roa

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