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Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 27.02.2009, 00.08 Uhr

ABO-Hysterie: Im Bann der Blutgruppen

Während Europäer auf ihre zwölf Tierkreiszeichen schwören, setzen viele Japaner auf die Blutgruppen. Aus ihnen, so die Meinung der Asiaten, lassen sich intimste Details zur Persönlichkeit ableiten. Doch was verraten A, B, AB und 0 wirklich über uns?

Japan steht ganz im Bann einer Theorie, die es seit bald hundert Jahren gibt: der Charakterlehre nach Blutgruppen. Bild: news.de

Blutgruppen-Horoskope sind in Japan Kult und gehören wie bei uns die Sternzeichen-Horoskope zum Alltag. Im japanischen Fernsehen ist jeden Morgen ein Spot zu sehen, der verrät, welche Blutgruppe wohl den besten Tag hat. Kontaktbörsen achten bei der Partnervermittlung auf kompatible Blutgruppen, und das japanische Softball-Team der Frauen orientiert die Trainingsprogramme der Athletinnen an dem Körpersaft - offensichtlich mit Erfolg, die Mannschaft holte bei den Olympischen Spielen im vergangenen Sommer in Peking Gold.

Angeschoben hat diesen Kult der Journalist und Autor Toshitaka Nomi. Dutzende Bücher hat er über Blutgruppen und ihren Einfluss auf die Persönlichkeit geschrieben und liefert darin Rat für alle denkbaren Lebenslagen. Er ist überzeugt, dass Menschen mit Blutgruppe A empfindsame Perfektionisten, pünktlich, geduldig, etwas ängstlich und gut im Umgang mit Pflanzen sind. «Der Gruppe-A-Mensch will alles ganz genau wissen und alles korrekt machen», sagt Nomi.

Träger der Blutgruppe B sind dagegen nach seiner Deutung Frohnaturen, tierlieb, kreativ, leidenschaftlich, exzentrisch und egoistisch. Fließt das Blut der Gruppe 0 durch die Adern eines Menschen, so sei dieser sportlich, selbstbewusst, neugierig und großzügig, aber auch eingebildet und skrupellos. Die AB-Träger schließlich sollen schräg und abgefahren, geheimnisvoll und unberechenbar sein. Auch der Rhesusfaktor spielt eine Rolle – kurz gesagt gilt die Formel: Positiv ist besser als negativ.

In Deutschland denken die meisten beim Thema Blutgruppe ans Blutspenden und an das Deutsche Rote Kreuz (DRK). Deren Sprecherin Svenja Koch hält die japanische Blutgruppen-Deutung für Hokuspokus. «Blutgruppen haben keinerlei Einfluss auf die Persönlichkeit des Trägers», sagt Koch. Die Beschäftigung damit sei allenfalls ein amüsanter Zeitvertreib.

Lesen Sie auf Seite 2, warum wir unterschiedliche Blutgruppen haben

Doch warum haben wir eigentlich verschiedene Blutgruppen? «In der Evolution haben sich aus einer ursprünglichen Blutgruppe weitere Blutgruppen entwickelt», erklärt die DRK-Sprecherin. Sie hätten den Menschen zu den verschiedenen Zeiten jeweils Überlebensvorteile geboten. So haben zum Beispiel Studien in Indien nachgewiesen, dass die Blutgruppe B besonders resistent gegen Cholera ist und dass genau diese Blutgruppe dort häufiger vorkommt. Die Asiaten sind generell vorwiegend B-Träger, während in Deutschland und im übrigen Europa die Blutgruppe A vorherrscht. Welche der Blutgruppen die ursprüngliche war, darüber sind sich die Wissenschaftler nicht einig. Für die einen war es 0, für die anderen A.

Bis 1901 ahnte niemand etwas von der Existenz der verschiedenen Typen. Wahllos pumpten damals die Ärzte ihren Patienten fremdes Blut in die Adern. Viele Empfänger klagten über Schweißausbrüche, Nierenschmerzen oder Erbrechen. Laut einer Studie aus dem 19. Jahrhundert überlebten von 347 Menschenblut-Empfängern weniger als die Hälfte eine Transfusion – die Ärzte wussten nicht, warum. Bis Karl Landsteiner 1901 eine bahnbrechende Entdeckung gelang: Der österreichische Bakteriologe experimentierte mit seinem eigenen Blut und dem von fünf Kollegen.

Dabei stellte er fest, dass die Proben beim Vermischen in bestimmten Kombinationen verklumpten. Landsteiner hatte das ABO-System aufgespürt. Er entdeckte 1940 gemeinsam mit dem Amerikaner Alexander Solomon Wiener auch den Rhesusfaktor - bei Versuchen mit Rhesusaffen. Besitzt der Mensch ein Rhesusfaktor-Antigen, so ist er rhesus-positiv, hat er keines, ist er rhesus-negativ.

Die Blutgruppen unterscheiden sich ebenfalls durch Antigene, die sich zu Hunderttausenden auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen, den Erythrozyten, befinden. Menschen mit der Blutgruppe A besitzen Antigene vom Typ A, bei Angehörigen der Gruppe B finden sich nur B-Antigene auf den roten Blutzellen. Weisen die Zelloberflächen überhaupt keine A- oder B-Merkmale auf, gehört das Blut zur Gruppe 0. Menschen mit dieser Blutgruppe können nur Blut ihrer eigenen Gruppe vertragen. Manche Menschen besitzen dagegen beide Antigen-Typen und können deshalb das Spenderblut jeder anderen Gruppe vertragen. Sie gehören zur seltenen Gruppe AB, deren Anteil in Deutschland gerade einmal fünf Prozent ausmacht.

Lesen Sie auf Seite 3, welche Zusammenhänge es zwischen Blutgruppen und Krankheiten gibt

Je nach Blutgruppe scheint der menschliche Körper unterschiedlich zu reagieren - zum Beispiel bei der Blutgerinnung. Das könnte die Disposition für bestimmte Krankheiten beeinflussen. So gibt es zum Beispiel Vermutungen, dass Menschen mit der Blutgruppe 0 ein geringeres Herzinfarktrisiko haben, dafür aber anfälliger für Magengeschwüre sein sollen. US-Forscher fanden dafür auch eine Begründung: Denn das verantwortliche Bakterium (Heliobacter pylori) heftet sich mit Vorliebe an Zellen, die einen für die Blutgruppe 0 typischen Faktor tragen. Blutgruppe A zeigt dagegen statistisch gesehen häufig Anfälligkeiten für verschiedene Krebsarten und Herzinfarkte. Und Träger der Blutgruppe B sollen häufiger von Asthma betroffen sein.

Der amerikanische Naturheilkundler Peter J. D'Adamo stützt seine Blutgruppendiät auf diese Studien. D'Adamo geht davon aus, dass Menschen die Nahrung, die sie zu sich nehmen, auf unterschiedliche Art und Weise verarbeiten. Das sei auf die Lektine zurückzuführen. Das sind Bestandteile der Nahrung, die den Blutgruppenmerkmalen ähneln. Esse man die falschen Lektine, könne es zur Verklumpung des Blutes kommen, was wiederum die oben erwähnten Krankheiten auslösen könne.

Der Theorie des Amerikaners zufolge sollen Menschen mit der Blutgruppe 0 Fleisch, aber kein Getreide und keine Milchprodukte essen, da 0 seiner Ansicht nach die älteste Blutgruppe sei und die ersten Menschen Jäger und Sammler gewesen seien, die keinen Ackerbau und keine Viehzucht betrieben hätten. Menschen mit der Blutgruppe A empfiehlt D'Adamo, vorwiegend Gemüse und Getreide zu essen, aber kein Fleisch und keine Milch, denn diese Menschen wären die ersten Bauern gewesen – ohne Tiere zur Nahrungserzeugung. B-Trägern, den Nomaden-Typen, rät D'Adamo, Milch, Fleisch und Getreide als Hauptlebensmittel zu wählen. AB-Typen schließlich sollten sich vorwiegend von Obst und Gemüse ernähren, da sie ein Produkt der Vermischung der Blutgruppen A und B seien und somit den modernen Menschen symbolisieren.

Die Blutgruppendiät wird von vielen Seiten angezweifelt. Allen voran von der Stiftung Warentest und der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DEG). Die Stiftung Warentest stellt den Sinn und Unsinn der Diät in Frage, «weil wir trotz jahrhundertelanger Verstöße gegen diese Regeln immer noch am Leben sind». Und die DGE kritisiert, D'Adamos Thesen seien in keinem Fall wissenschaftlich untermauert, und langfristig seien bei solchen Diäten Nährstoffmängel programmiert.

Wissenschaftliche Belege gibt es auch nicht für den Blutgruppen-Wahnsinn in Japan. Doch die Japaner stört das wenig. Dort macht die Begeisterung selbst vor höchsten Regierungsämtern nicht halt. Ministerpräsident Taro Aso enthüllt auf seiner offiziellen Website nicht ohne Stolz, dass er der Blutgruppe A angehört. Sein Rivale und Oppositionsführer Ichiro Ozawa verkündet dagegen, er habe den Typ B.

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