Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - Uhr

Influenza: Warum die Grippe den Winter besonders mag

Es liegt nicht am Vitaminmangel, der schlechten Immunabwehr oder an überheizten Räumen, warum uns die Grippe vor allem im Winter erwischt. Es ist das Virus selbst, das sich diese Jahreszeit aussucht.

Die Grippe hat Deutschland immer noch fest im Griff. Die gute Nachricht: Der Höhepunkt ist erreicht. Bild: dpa

Wer dieser Tage auf die Internetseite der Arbeitsgruppe Influenza des Robert-Koch-Instituts - www.influenza.rki.de – stößt, sieht die Deutschlandkarte in tiefem Rot. Rot steht für «stark erhöhte Aktivität der akuten respiratorischen Erkrankungen», heißt es auf der Seite. Übersetzt heißt das: Deutschland ist vergrippt, wobei der Osten und Süden mehr schnäuzt und trieft als der Norden und Westen.

Die Karte wird den Winter über wöchentlich von der Arbeitsgruppe veröffentlicht und verdeutlicht, wie viele Menschen an der Grippe, auch Influenza genannt, erkrankt sind. Die grüne Farbe steht für eine leicht erhöhte Virusaktivität, bei Blau ist alles im normalen Bereich.

Dass die Grippewelle in dieser Saison besonders stark sein würde, war absehbar. So war die Influenza-Saison des vergangenen Jahres ausgesprochen schwach, und auf eine milde Saison folgt meist eine schwere. Zudem wird die diesjährige Grippewelle von einem Virustyp namens A/H3N2 getragen, von dem man weiß, dass er immer wieder an schweren Grippeepidemien beteiligt ist. Seinen letzten großen Auftritt hatte er hierzulande im Winter 1995/96, als laut Expertenschätzungen 30.000 Menschen starben.

Die spannende Frage, die sich die Influenza-Experten jedes Jahr aufs Neue stellen, ist die nach dem Höhepunkt einer jeden Grippewelle. Die gute Nachricht: Die Republik hat ihn bereits hinter sich – er war Ende Januar und nicht Ende Februar oder Anfang März wie in vielen Wintern zuvor.

Warum das Schmuddelwetter zu Unrecht verdächtigt wird

Derweil haben amerikanische Forscher entdeckt, warum sich die Grippe im Winter häuft und nicht in den wärmeren Frühlings- und Sommermonaten die meisten Opfer fordert, wenn alles andere Leben blüht und gedeiht. Der Grund: Grippeviren lieben kalte und trockene Luft - weitaus mehr als das feuchte Schmuddelwetter, das gemeinhin als Virenfreund verdächtigt wird.

«Wenn die absolute Luftfeuchtigkeit gering ist, leben die Influenza-Viren deutlich länger und werden auch leichter übertragen», sagt Atmosphärenforscher Jeffrey Shaman von der Oregon State University in Portland. Die absolute Luftfeuchtigkeit beschreibt das maximale Aufnahmevermögen der Luft für Dampf bei einer bestimmten Temperatur. Warme Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen als kalte Luft, deshalb ist die absolute Luftfeuchtigkeit im Sommer höher als im Winter.

Der Wassergehalt der Luft entscheidet auch, wie lange Grippeviren außerhalb des Körpers ansteckend bleiben und wie hoch das Infektionsrisiko ist. Die Ansteckungsgefahr steigt, wenn die absolute Luftfeuchtigkeit sinkt, und ist deshalb in den Wintermonaten am größten. Warum aber diese Bedingungen für die Viren vorteilhaft sind, konnten die Forscher nicht klären.

Gemeinsam mit dem Gesundheitswissenschaftler Melvin Kohn hat Shaman aber herausgefunden, um wie viel infektiöser die Viren sind, wenn die Luft trocken ist. Die Erreger waren in trockener Kälte zwei bis drei Mal so lange überlebensfähig wie in feucht-warmer Umgebung. «Der Zusammenhang war erstaunlich eindeutig», sagt Shaman. Er vermutet, dass sich durch Erhöhung der Luftfeuchtigkeit in Räumen, in denen sich möglicherweise infizierte Menschen aufhalten, das Ansteckungsrisiko verringern ließe.

Wie sich die Grippe von einer Erkältung unterscheidet

Die Ansteckung erfolgt über kleine Tröpfchen, die beim Sprechen, Niesen oder Husten in die Umgebung gelangen. Daraus folgern Experten, dass man durch Meiden von Menschenansammlungen das Risiko, sich eine Grippe einzufangen, vermindern kann.

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird die Grippe häufig mit einer Erkältung gleichgesetzt. Doch schon beim Ausbruch der Erkrankung zeigen sich erste Unterschiede. Eine Erkältung beginnt meist schleichend mit einer laufenden Nase, gefolgt von Halsschmerzen, Husten oder Kopfschmerzen. Der Allgemeinzustand ist nur wenig beeinträchtigt. Der Schnupfen ist mehr lästig als gefährlich, Muskelschmerzen oder Fieber treten selten auf.

Im Gegensatz dazu setzt die Grippe typischerweise schlagartig ein: hohes Fieber, Schüttelfrost, Glieder- und Halsschmerzen, starkes Krankheitsgefühl und trockener Husten. Die Betroffenen müssen meist das Bett hüten oder benötigen gar einen Arzt. Die echte Grippe ist also mitnichten eine harmlose Erkrankung und fordert nach Angaben des Robert-Koch-Instituts jedes Jahr zwischen 8000 und 11.000 Todesopfer.

Die Therapie gegen eine bereits ausgebrochene Grippe-Infektion besteht vor allem in der Anwendung sogenannter Neuraminidase-Hemmer wie Tamiflu und Relenza. Sie hemmen einen Eiweißstoff, den die Viren benötigen, um sich von ihrer Wirtszelle zu lösen und im Körper auszubreiten.

Problematisch ist, dass der Patient Tamiflu innerhalb der ersten 48 Stunden der Erkrankung einnehmen müsste. Doch das geschieht eher selten, da viele Betroffene erst dann zum Arzt gehen, wenn die Grippe bereits auf ihrem Höhepunkt ist. Zudem zeigen Studien der vergangenen Monate, dass immer mehr Virenstämme eine Resistenz gegenüber Tamiflu aufbauen.

Eine Impfung erscheint daher zuverlässiger, weil sie das körpereigene Immunsystem auf die Erreger vorbereitet. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt diese jährlich zu wiederholende Prophylaxe allen chronisch Kranken und über 60-Jährigen sowie Menschen mit erhöhtem Ansteckungsrisiko wie Verkäufer, Lehrer, Polizisten und Angehörigen der medizinischen Berufe.

Doch auch hier dürfen die Erwartungen nicht zu hoch gesteckt werden. US-Forscher kommen in einer Analyse von Versicherungsdaten zu dem Schluss, dass gegen Grippe geimpfte Senioren während einer Grippewelle nur zu acht Prozent seltener an Lungenentzündung erkranken als nichtgeimpfte. Das ist deutlich niedriger als die 30 bis 40 Prozent, die sonst von Experten als Risikosenkung angegeben werden.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Impfung aber nicht mehr sinnvoll. Das Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass der Gipfel der Grippewelle erreicht ist und die Zahl der Erkrankungen abnehmen wird. Der Körper braucht jedoch nach einer Impfung knapp zwei Wochen, bis er einen Impfschutz aufgebaut hat. Ob jemand noch Schutz braucht, sollte individuell mit dem Arzt geklärt werden.

Todesfälle resultieren daraus, dass eine Grippeerkrankung eine enorme Belastung für den Organismus - Herz-Kreislauf oder Lunge - darstellt und ältere oder chronisch kranke Menschen den Viren nur wenig entgegensetzen können.

ruk