Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 29.10.2008, 14.59 Uhr

Spiegel der Seele: Was die Haut über unsere Psyche verrät

Von manchen Menschen heißt es, sie hätten eine dünne Haut, während anderen ein dickes Fell nachgesagt wird. Haut ist mehr als eine Hülle; wie kein anderes Organ ist sie der Spiegel der Seele.

Quaddeln auf dem Rücken quälen auch die Seele. Bild: dpa

Wie es um die Seelenlage eines Menschen bestellt ist, lässt sich in vielen Situationen an der Haut ablesen. Der Göttinger Dermatologe Professor Klaus Bosse sagt dazu: «An der Haut führt jeglicher Input zu einem sofort sichtbaren Output in Form von Erröten, Erbleichen, Schwitzen oder sensorischen Missempfindungen als Ausdruck der jeweiligen Gefühlslage.» Die Haut sei somit ein Ausdrucksorgan par excellence. «Wir erröten schamvoll, wir schwitzen vor Angst, werden blass oder bekommen eine Gänsehaut vor Schreck.»

Diese Redensarten drücken auch für Kurt Seikowski aus, dass die äußere Hülle des Menschen eng mit seiner Psyche und seinem Befinden verbunden ist. Wie eng, zeigt sich nach Meinung des Psychologen der Hautklinik des Universitätsklinikums Leipzig bei vielen Hautkrankheiten. «Emotionaler Stress und Konfliktsituationen sind zwar nicht die Ursache von Hautkrankheiten, aber sie können an deren Entstehung beteiligt sein und Krankheitsschübe auslösen.»

Bei Neurodermitis beispielsweise gilt psychische Belastung nach direkten Hautreizungen als zweithäufigster Auslöser von Schüben; Ekzembildung und Juckreiz können zunehmen, wenn die Seele leidet. Aber auch für die Schuppenflechte wurde ein solcher Zusammenhang nachgewiesen. So reagiert das Immunsystem von Patienten der Psoriasis, wie die Schuppenflechte im medizinischen Fachjargon genannt wird, in stressigen Situationen anders als das von Gesunden.

Lesen Sie auf Seite 2, was die Haut alles leistet

Die Haut ist das größte Organ des Menschen, sie umschließt eine Fläche von etwa zwei Quadratmetern und ist bis zu 20 Kilo schwer. Darüber hinaus ist sie das einzige Sinnesorgan, das für den Menschen lebensnotwendig ist. Sie erfüllt mehrere Funktionen gleichzeitig: Sie ist sowohl für die Wahrnehmung der Umwelt zuständig (Berührung, Druck, Wärme und Schmerz) als auch für die biologischen Prozesse in unserem Organismus – wie Atmung, Flüssigkeitsausscheidung, Zusammenhalt des Körpers und Schutz vor äußeren Einflüssen.

Bei Gefühlswallungen erreichen die Nervenbotenstoffe aus dem Gehirn die Haut. Sie bewirken sodann eine Hautreaktion – etwa eine Gänsehaut oder einen Krankheitsschub. Für die kaum kontrollierbaren Reaktionen der Haut auf heftige Gemütsbewegungen haben Wissenschaftler eine Erklärung parat. Professor Uwe Gieler vom Medizinischen Zentrum für Psychosomatische Medizin der Universität Gießen sagt: «Die Haut und das zentrale Nervensystem haben den gleichen entwicklungsgeschichtlichen Ursprung. Beide bilden sich beim Menschen aus den gleichen Anlagen.» So entwickeln sich beim Embryo zunächst sowohl die Haut als auch das Gehirn, während die anderen Sinnesorgane erst später, etwa vom dritten Schwangerschaftsmonat an, entstehen.

Als psychosomatische Hauterkrankungen gelten in erster Linie Neurodermitis, Schuppenflechte, Nesselsucht und seltener auch Akne, Herpes-Infektionen und Haarausfall. Darüber hinaus gibt es Hautkrankheiten, die ihre alleinige Ursache in schweren psychischen Problemen haben. Dazu gehören zum Beispiel die Selbstverstümmelungen, die sich ein Kranker zufügt, um eine Krankheit vorzutäuschen, oder weil er unbewusst das Bedürfnis hat, sich selbst zu verletzen.

Lesen Sie auf Seite 3, welche Wirkung eine Hypnose hat

Außerdem sind die absichtlichen Hautschädigungen zu nennen, wie die Akne mit schweren Kratzfolgen oder die Haarrupfsucht, also der Zwang, sich büschelweise die Haare auszurupfen. Auch die Vorstellung, in der Haut befänden sich unsichtbare Parasiten, ist Ausdruck einer schwerwiegenden seelischen Störung. Die dritte Gruppe sind organisch bedingte Hautstörungen, die einen Patienten so belasten können, dass sie häufig seelische Beeinträchtigungen nach sich ziehen. Alle sichtbaren Hauterkrankungen können depressive und soziale Reaktionen auslösen, die bis in die soziale Isolation führen. Der Arzt spricht dann von somato-psychischen Reaktionen.

Seikowski erlebt in seiner Praxis oft, dass sich Hautkranke stigmatisiert fühlen. Sie erleben Ausgrenzung, Angst anderer vor Ansteckung oder sogar Ekelreaktionen. Die Behandlung einer Hautkrankheit sollte deshalb ganzheitlich erfolgen, empfiehlt er. Neben der klassischen dermatologischen Therapie müssten die Patienten die Möglichkeit zu Psychotherapie und zum Erlernen von Entspannungstechniken erhalten.

«Nicht nur die kranke Haut braucht Medikamente, sondern auch die angeknackste Seele ist auf Hilfe angewiesen», sagt der Psychologe, der bei seinen Patienten auch autogenes Training und Hypnose anwendet. «Durch die Hypnose kann man dem Patienten das Gefühl vermitteln, sich entspannen zu können», erklärt Seikowski. Der direkte Einfluss auf die Haut sei während der Hypnose nicht unbedingt zu spüren. Es werde zunächst Entspannung induziert, und erst in der Folgezeit merke der Patient, dass sich die Haut wieder mehr beruhigt und sich Quaddeln und Juckreiz zurückbilden.

Zum Glück spiegelt die Haut aber nicht nur seelische Belastungen, sondern auch Lebensfreude und innere Zufriedenheit wider. Wenn ein Mensch «vor Glück strahlt» oder sich «rundum wohl in seiner Haut fühlt», deutet alles darauf hin, dass seine Welt in Ordnung ist.

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