Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 25.10.2008, 17.04 Uhr

Wochenbettdepression: Wenn der Baby-Blues nicht abklingt

Es ist ein Thema, das viele Frauen betrifft: Mütter, die nach der Geburt keine Liebe für ihr Kind empfinden und die an ihren Schuldgefühlen fast ersticken. Ihre Traurigkeit hat einen Namen: postpartale Depression.

Nicht jede Frau empfindet das Mutterglück. Bild: ap

Die Angst überfiel Nadja Wolf* am zweiten Tag nach der Geburt ihrer Tochter Sarah*. Sie sah ihr süßes Baby an und empfand - nichts. «Ich dachte, ich bin in einem anderen Film», sagt Nadja Wolf. Sie hatte sich doch so sehr auf ihr Kind gefreut, hatte die Schwangerschaft trotz der Trennung von ihrem damaligen Partner gut überstanden und nach der Geburt, als die Hebamme ihr Sarah auf den Bauch legte, «ein riesiges Glücksgefühl» empfunden.

Doch von überschwänglicher Freude war plötzlich nichts mehr zu spüren. Stattdessen plagten Nadja Wolf Panikattacken, Schwindel und Sehstörungen – und eine Gefühlskälte gegenüber ihrem Kind, die ihr Angst machte. «Ich konnte die Nähe meines Kindes nicht aushalten, vor allem nicht beim Stillen. Ich war entsetzt über mein Verhalten», berichtet sie.

Eben noch überglücklich und im nächsten Moment zu Tode betrübt – viele Frauen erleben diesen Stimmungsumschwung nach der Geburt, auch Heultage oder Baby-Blues genannt. Dr. Wolf Lütje, Chefarzt der Frauenklinik Viersen, sieht darin keinen Grund zur Besorgnis, denn der Baby-Blues sei etwas völlig Normales. «Ich bin sogar der Meinung, dass die Frauen ihn brauchen. Denn eine Geburt ist ein Lebensereignis, das mit enormen Anstrengungen und Schmerzen verbunden ist und das weitreichende Folgen für den weiteren Lebensweg einer Frau und ihres Partners hat», sagt Lütje. Nach der Geburt stellten sich viele Frauen die Frage, wie es weitergehen solle und ob dies alles auch zu schaffen sei.

Dem Fachmann zufolge kann der Baby-Blues in den ersten zehn Tagen nach der Entbindung auftreten, meist zwischen dem dritten und fünften Tag. Typische Kennzeichen sind Traurigkeit, häufiges Weinen, Stimmungsschwankungen, Schlaflosigkeit und große Erschöpfung. Die Frauen sind ängstlich und leicht reizbar. Lütje rät, auf diese Symptome zu achten, denn wenn die schlechte Stimmung ungewöhnlich lange anhält, etwa über zwei Wochen, kann sich daraus eine postpartale Depression, auch Wochenbettdepression genannt, und im schlimmsten Fall eine Psychose entwickeln. Letztere gilt als schwerste Form der nachgeburtlichen Krise und ist unter anderem dadurch zu erkennen, dass die betroffenen Frauen sehr unruhig und verwirrt sind oder gar Halluzinationen haben.

Warum Nadja Wolf sich das Leben nehmen wollte

Nadja Wolf wusste lange nicht, was sie hatte. Sie wusste nur, dass sie nun als alleinerziehende Mutter plötzlich eine große Verantwortung trug. Sie fühlte sich unsicher, empfand unendliche Traurigkeit und hatte Angst vor jedem Tag, vor jeder Nacht. Die Unsicherheit übertrug sich auf die kleine Sarah. «Ich hatte oft das Gefühl, der Grund für ihr Weinen zu sein», sagt Nadja Wolf. Für die junge Mutter war die Welt nur noch schwarz. «Ich fühlte mich so leer, das schöne Gefühl der Schwangerschaft war verpufft.» Zugleich schämte sie sich. Sie wollte eine gute Mutter sein – so wie die Frauen aus der Windelwerbung.

Verwandte und Freunde merkten nichts von Nadja Wolfs Stimmungstief. Sie versuchte sich zusammenzureißen - bis sie eines Tages Selbstmordgedanken hatte, sich vom Balkon stürzen wollte und sich voller Entsetzen darüber einer guten Freundin anvertraute. Diese riet ihr, professionelle Hilfe zu suchen. Doch der Therapeut, dem Nadja Wolf ihr Leiden schilderte, nannte sie hysterisch und schickte sie nach Hause. «Ich bin wohl einfach beim Falschen gelandet», meint Nadja Wolf.

Laut Statistik erleben etwa zehn Prozent aller Mütter die schwere Form des Baby-Blues; verlässliche Zahlen gibt es nicht, weil die Krankheit oft nicht erkannt wird. Häufig bleiben die Frauen in ihrer Hilflosigkeit alleine, viele Ärzte halten sie lediglich für überfordert. «Die Wochenbettdepression ist in unserer Gesellschaft leider immer noch ein Tabu», sagt Lütje, der bedauert, dass Ignoranz und Unwissen auch in Fachkreisen noch weit verbreitet sind. Symptome würden oft falsch interpretiert oder heruntergespielt. «Mütter werden uns stets als strahlende, fröhliche und glückliche Frauen dargestellt. Äußert ein Frau jedoch Zweifel oder zeigt sie depressive Verstimmungen, wird sie gleich als schlechte Mutter abgestempelt.»

Über die Ursachen der Wochenbettdepression ist sich die Fachwelt nicht einig. Die einen verweisen auf extreme hormonelle Veränderungen nach der Geburt, die anderen bringen biologische, soziale und gesellschaftliche Faktoren ins Spiel. Nach Angaben von Lütje sind meist solche Frauen betroffen, deren Eltern oder Großeltern unter Depressionen gelitten haben, die ungewollt schwanger wurden, die bereits eine Fehlgeburt hatten oder eine schwierige Geburt erlebten.

«Es gibt Frauen, die sind einfach nur aus Erschöpfung depressiv. Die muss man ein paar Tage ausschlafen lassen, dann ist die Depression weg», sagt der Mediziner, der auch schon Väter erlebt hat, die Symptome einer Wochenbettdepression zeigten. «Nicht nur als Berufstätige, sondern auch als Eltern sehen wir uns immer höheren Ansprüchen gegenübergestellt. Denen können wir nicht immer genügen, das macht uns depressiv», erklärt Lütje.

Wie den Frauen geholfen wird

Der Gynäkologe macht betroffenen Frauen Mut: «Eine Wochenbettdepression geht zwar nicht so schnell weg wie ein Schnupfen, aber sie ist heilbar.» Rat und Hilfe finden Frauen bei ihrer Hebamme, bei Selbsthilfegruppen, Psychologen und bei Mutter-Kind-Einrichtungen, von denen es laut Lütje noch viel zu wenige in Deutschland gibt. Die Mütter werden seinen Erfahrungen zufolge am schnellsten gemeinsam mit ihren Kindern gesund. Angehörigen rät er, für Entlastung zu sorgen und den Müttern die Schuld- und Schamgefühle zu nehmen. «Vorwürfe bewirken nur, dass sich die Frauen noch mehr zurückziehen. Wir müssen den Frauen vielmehr erlauben, ihr Kind zunächst abzulehnen, auch wenn uns das grausam vorkommt», sagt Lütje. So könnten Frauen aus der Sackgasse herausfinden und sich dem anderen Weg, dem mit Kind, öffnen.

Postpartale Depression ist Lütje zufolge kein neues Krankheitsbild. Sie tritt jetzt nur häufiger zutage, weil es immer weniger Großfamilien gibt, in denen die Frauen aufgefangen und nach der Geburt entlastet werden – so wie in Papua-Neuginea. Dort gibt es Mütterhäuser, in denen Frauen nach der Geburt alle Arbeit abgenommen wird. So können sie sich erholen und sich an ihr neues Leben mit Kind gewöhnen.

Ungefähr neun Monate nach der Geburt empfand Nadja Wolf «so etwas wie Liebe» für Sarah. Hätte sie gewusst, dass sie damals unter einer Wochenbettdepression litt, hätte sie erneut versucht, sich einem Experten anzuvertrauen. «Aber ich habe erst während meiner zweiten Schwangerschaft erfahren, was hinter meinen Stimmungsschwankungen und Ängsten steckte. Ich stieß zufällig im Internet auf die Seite schatten-und-licht.de und war erstaunt und zugleich erleichtert, dass es Frauen gibt, die dasselbe wie ich erlebt haben», berichtet sie. Gleich nach der Geburt ihres Sohnes begann sie eine Gesprächstherapie – auch aus Sorge darum, ein zweites Mal zu erkranken.

Inzwischen engagiert sich Nadja Wolf ehrenamtlich im Verein Schatten und Licht, der bundesweit aktiv ist. Sie hilft Frauen, die wie sie nach der Geburt in eine Krise geraten. «Ich weiß ja selbst, wie gut es tut, mit anderen zu sprechen.» Zu ihrer Tochter hat sie hat ein entspanntes und inniges Verhältnis. «Sie weiß, dass ich damals sehr krank war, aber die Details kennt sie nicht – noch nicht.»

*Namen von der Redaktion geändert.

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