Von news.de-Redakteurin Susett Queisert - 22.10.2015, 19.43 Uhr

"The Walk"-Regisseur Robert Zemeckis: "Heutige Kinofilme sind nicht mehr originell!"

Star-Regisseur Robert Zemeckis ("Zurück in die Zukunft", "Forrest Gump") sprach mit news.de im Interview über die unbegründete Höhenangst beim Anschauen seines neuen Films "The Walk", in dem Joseph Gordon-Levitt einen atemberaubenden Seiltanz vollzieht.

Regisseur Robert Zemeckis wurde mit "Forrest Gump", "Cast Away" und "Zurück in die Zukunft" weltbekannt. Bild: dpa

Regisseur Robert Zemeckis betritt den Raum, gibt jedem der anwesenden Journalisten die Hand und stellt sich mit "Bob" vor. Kaum zu glauben, dass gerade DER Regisseur von "Forrest Gump", "Cast Away" und natürlich der "Zurück in die Zukunft"-Trilogie" vor einem sitzt.

Für "The Walk" hob er Schauspieler Joseph Gordon-Levitt auf ein Drahtseil in 417 Metern Höhe: Der Franzose Philippe Petite präsentierte am 7. August 1974 einen Seiltanz zwischen den Twin Towers des World Trade Centers, ohne Netz und Sicherung. Diese atemberaubende Geschichte zeigt Zemeckis seit dem 22. Oktober 2015 auf den deutschen Kinoleinwänden. News.de traf den Regisseur in Berlin und sprach mit ihm über den Seiltanz, Höhenangst und das World Trade Center.

Es scheint, als wäre "The Walk" ein typischer Zemeckis-Film: All Ihre Hauptdarsteller haben ein Problem mit der Zeit.

Robert Zemeckis: Ja, das ist das Problem. Aber die einzige Antwort, die ich Ihnen hierzu geben kann, ist, dass ich nur Filme mache, bei denen ich mir zwei Fragen mit "ja" beantworten kann: Würde ich mir den Film selbst anschauen? Und denke ich, dass andere daran interessiert sind, diesen Film zu sehen? Wenn ich beide mit ja beantworte, dann beschließe ich, den Film zu machen und überlasse die weiteren Interpretationen dem Publikum.

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Für "The Walk" hatten Sie allerdings zehn Jahre gebraucht, ehe Sie ihn auf die Leinwand bringen konnten. Weshalb hat es so lange gedauert?

Zemeckis: Es ist heutzutage sehr schwer, einen Film zu machen, der kein Prequel oder einen Vorgänger hat. Ein Film mit einer einzigartigen Story ist immer schwer umzusetzen. Es ist leider eine sehr traurige Situation zurzeit, und ich hoffe, sie ändert sich. Die Industrie ist derzeit nur auf dem Trip, Filme zuzusetzen, die man bereits kennt.

Half der Erfolg der Dokumentation (Anm.d.Red.: "Man On Wire" von 2009) bei der Umsetzung von "The Walk"?

Zemeckis: Nein, als ich mit der Idee des Films begann, war die Dokumentation noch nicht veröffentlicht. Die Dokumentation ist wunderschön und zeigt die wahren Leute der Geschichte. Das Problem bei der Dokumentation ist aber die Darstellung des finalen Akts, des tatsächlichen Hochseiltanzes. Das war der finale Höhepunkt dieser faszinierenden Geschichte. Und genau den wollte ich darstellen.

Haben Sie jemals versucht, selbst auf einem Hochseil zu balancieren?

Zemeckis: Nein, es ist sehr schmerzhaft. Und mein Körper ist nicht dafür gemacht, er ist ganz anders ausbalanciert als es der Fall bei Philippe Petit war.

Für die Geschichte mussten Sie die World Trade Center wieder digital erschaffen. Wie haben Sie sich gefühlt, diese am Computer und letztlich auch im Film wiederzusehen?

Zemeckis: Ich hab mich stolz gefühlt, denn wir haben nicht nur die Türme, sondern ganz Lower Manhattan im Jahre 1974 am Computer kreiert. 

Robert Zemeckis teilt seine Vision am Set mit Joseph Gordon-Levitt und Ben Kingsley. Bild: 2015 Sony Pictures Releasing GmbH

Nach dem Terroranschlag des  11. Septembers wurden die Zwillingstürme in vielen Filmen herausgeschnitten. Setzen Sie mit Ihrem Film eine Art Statement?

Zemeckis: Mir ist bewusst, dass sie eigentlich eine Grabstätte sind. Aber unser Film soll eher eine Liebeserklärung an die Türme darstellen. Unsere Intention war, immer etwas zu feiern, was in der Geschichte der Türme passierte, etwas nicht tragisches, sondern genau das Gegenteil. Die Menschen in New York mochten die Türme damals nicht, bis Philippe ein Drahtseil dazwischen spannte. Seitdem sahen sie sie anders. Wir wussten, dass alle Menschen ihre eigene Meinung über die Tragödie mit den Türmen in den Film einbringen werden. Ich denke, wir sollten die Türme nicht nur als Zeichen einer Tragödie betrachten, sondern auch als etwas Menschliches, Dankbares. 

Ihre Protagonisten, egal ob Forrest Gump oder Chuck Noland in "Cast Away", kämpfen in bestimmten Szenen mit dem Tod oder müssen sich mit der Todesangst auseinander setzen. Weshalb wählen Sie vermehrt dieses Thema in Ihren Filmen?

Zemeckis: Ich weiß es nicht. Ich denke, es ist ein dramaturgisches Mittel, zumindest in meinen Filmen. Es gibt diesen Moment der Wahrheit, in dem man alles riskieren muss.  Ich nehme dieses Stilmittel gern vom klassischen Western und aus Dramen.

Hatten Sie in Ihrem Leben schon einmal so ein Erlebnis, wie es Philippe hatte?

Zemeckis: Ja, als Filmmacher steige ich vielleicht nicht physikalisch auf ein Hochseil, aber ich lege mein Herz darauf.

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Haben Sie eine Lieblingsszene im Film?

Zemeckis: (überlegt) Es gibt verschiedene. Aber einer meiner Lieblingsmomente im Film ist, wenn man den Gesichtsausdruck von Joseph das erste Mal sieht, als er zwischen den Türmen läuft. Ich wusste, dass Joseph schauspielert, aber ich wusste auch, dass er seine eigene Fähigkeit feierte, auf dem Seil zu laufen. Und so real kann keine Darstellung sein. 

Viele Kinozuschauer verlassen bei Ihrem Film den Kinosaal, weil sie sich schlecht oder unwohl aufgrund der genialen Höhendarstellung fühlen. Haben Sie diese Illusion erwartet?

Zemeckis: Diese Menschen sind sehr sensibel bei Höhe. Ich meine, es ist der beste Platz, gegen seine Angst zu kämpfen, weil man komplett sicher ist. Es ist ja fast therapeutisch, den Film zu schauen, da man, wenn die Lichter angehen, realisiert, dass man völlig ok ist (lacht).

Denken Sie, Ihr Film würde anders wirken, wenn die Menschen nicht wüssten, dass ein Mann diese irre Aktion tatsächlich in der Vergangenheit getan hat?

Zemeckis: Ich weiß es nicht. Ich habe den Hinweis am Anfang des Filmes, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt, gesetzt, weil ich denke, wenn man nichts über die Geschichte weiß und es wäre nur Fiktion, dann würde man es nicht glauben. Der Film bekommt eine enorme Bedeutung, weil es tatsächlich so geschah und nie wieder so geschehen wird. 

Philippe Petit (r.) am Set mit Joseph Gordon-Levitt und Robert Zemeckis. Bild: 2015 Sony Pictures Releasing GmbH

Hat es damals, als Sie zum Beispiel "Zurück in die Zukunft" drehten, mehr Spaß gemacht, einen Film zu machen, wenn Familien noch gemeinsam ins Kino gingen und es etwas Besonders war im Vergleich zu heute, wo der Film mehr Entertainment ist oder sogar auf dem Smartphone gestreamt werden kann?

Zemeckis: Richtig. Damals waren Filme kulturelle Meilensteine und Hauptthema in Nachrichtenmagazinen. Sie waren der Zeitgeist der damaligen Generation. Jeder war daran interessiert, zum Beispiel "E.T." zu sehen. All diese Filme haben enorm viel Geld eingespielt, was aber kein Vergleich zu den heutigen Blockbustern ist. Heute redet keiner mehr über diese Filme. Da wird ein Film nach dem nächsten verschlungen. Diese Entwicklung ist interessant und seltsam. Aber ich habe große Hoffnung, denn ich denke, die Möglichkeit, Filme in einer immer teurer werdenden Art und Weise immer spektakulärer zu machen, macht Filme immer interessanter. An manchen Stellen muss man sich aber einfach nur auf die menschliche, emotionale Geschichte besinnen. 

Vielen Dank für das nette Interview!

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qus/loc/news.de

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