Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 14.01.2010, 11.39 Uhr

Reinhold Messner: «Ich kann ihn nicht lebendig machen»

1970 bestiegen die Messner-Brüder den Nanga Parbat (8125 Meter). Nur einer kam lebend zurück. Im Interview mit news.de spricht Reinhold Messner über den Tod seines Bruders Günther, das Älterwerden und über neue Herausforderungen.

Reinhold Messner hat viel erreicht und viel erlebt. Am Ziel ist er aber auch mit 65 Jahren noch nicht. Bild: dpa

Im Film Nanga Parbat kommt die Frage auf, ob Bergsteiger Künstler sind. Sind sie es?

Messner: Ja, das Bergsteigen hat durchaus ein Element, das mit der Kunst zu tun hat. Ich sehe mich als Kletterer eher der Kunst verwandt als dem Sport. Bergsteigen ist für mich ein schöpferischer Akt und Bergsteiger sind Ideatoren, sie müssen vor einer Tour entscheiden, wie sie einen Berg besteigen, welche Route sie nehmen oder welche Wand sie durchsteigen. Dann realisieren sie diese Idee.

Sie kehrten 1970 allein von der Besteigung des Nanga Parbat zurück. Ihr Bruder Günther blieb lange Zeit verschollen. Ihnen wurde vorgeworfen, für den Tod Ihres Bruders mitverantwortlich zu sein. Warum war es Ihnen wichtig, die Geschichte auf die Kinoleinwand zu bringen?

FOTOS: Reinhold Messner Der Tausendsassa aus Südtirol

Messner: Weil diese Geschichte einen Spielfilm trägt, als einzige von all meinen Erlebnissen. Es ist eine menschliche Geschichte, eine Brüdergeschichte, und es geht um die Verantwortung Dritten gegenüber. Ich kann für mich verteidigen, dass ich eine Felswand hochsteige und herunterfalle. Aber es gibt Menschen, vor allem Angehörige, die keine Bilder dafür haben, dass einer am Ende der Welt einfach verschwindet. Diese Menschen müssen so etwas emotional aufarbeiten können, sie müssen Bilder dafür bekommen. Meine Geschwister und ich haben unsere Kinder zum Nanga Parbat und zur RupalwandDie Rupalwand ist mit 4500 Metern die höchste Steilwand der Erde. Sie wurde 1970 von den Brüdern Messner auf dem Weg zum Gipfel des Nanga Parbat erstbestiegen. gebracht, damit sie sich Bilder machen konnten von dem, was dort geschehen ist. Jetzt, mit dem Film, ist das leichter zu verstehen. Ich bin sehr gespannt, wie meine Brüder auf den Film reagieren, sie haben jetzt noch mehr Möglichkeiten, mit dem Verlust ihres Bruders zurechtzukommen.

Ist der Film eine Rechtfertigung von Ihrer Seite?

Messner: Eine Rechtfertigung ist nicht mehr notwendig. Für mich ist die Sache nach dem Fund meines Bruders 2005 abgeschlossen. Ich habe dazu Stellung genommen und Bücher darüber geschrieben. Mit dem Auffinden der Überreste meines toten Bruders ist eindeutig nachgewiesen, dass die HerrschaftenGemeint sind Expeditionsteilnehmer von 1970 - allen voran Max von Kienlin. damals einfach eine Lüge in die Welt gesetzt haben, die sich zweifelsohne gut verkaufen ließ. Es ist heute in Millionen von Köpfen festgeschrieben, was diese Leute sich damals ausgedacht haben.

Wie lauteten die Vorwürfe der Gegenseite?

Messner: Man behauptete, dass ich meinen Bruder am Gipfel über die Aufstiegswand zurückgeschickt hätte. Dann sei ich alleine über die Gegenseite, die Diamir-Seite abgestiegen. Wenn das aber der Fall gewesen wäre, hätte man meinen Bruder nie dort finden können, wo er entdeckt wurde.

FOTOS: «Nanga Parbat » Der Schicksalsberg der Messners

Wie war Ihr Verhältnis zu Ihrem Bruder?

Messner: Wir waren zwei Brüder, die extrem geklettert sind – das war unsere Welt. Ich war zwei Jahre älter – dieser Altersunterschied wiegt sehr viel, wenn es um die höchste Wand der Welt geht. Und ich habe als der Ältere automatisch immer die Führung und die größere Verantwortung übernommen. Das Verhalten am Berg ist nicht in irgendwelchen Regeln festgeschrieben, die wir einhalten, weil wir in einem sozialen Umfeld leben. Was wir da oben tun, ist in den Genen festgeschrieben. Wir gehen als Anarchisten ohne Vorschriften in eine archaische Welt: Oben am Berg zählt nur die Natur. Und die ist alle Tage neu, chaotisch und sehr lebendig. Der Mensch versucht, in dieser Natur zurecht zu kommen, sein Leben zu retten und den Gipfel zu erreichen. Der Selbsterhaltungstrieb, den wir alle in uns haben, lässt uns viel weitergehen, als wir uns selbst vorstellen können. Menschen, die in die Enge getrieben werden, versuchen immer, ihr Leben mit Zähnen und Klauen zu verteidigen.

Fühlen Sie sich im Film gut getroffen - so als schelmischer Draufgänger?

Messner: Ja, Florian Stetter spielt einen Reinhold Messner, der mir zur damaligen Zeit zumindest nicht unähnlich war. Er spielt sehr gut. Ich finde nicht, dass er mich als einen Draufgänger darstellt. Meine Kinder sagen, ich sei viel radikaler. (lacht)

Was fühlen Sie beim Betrachten des Films?

Messner: Es gibt Momente in dem Film, in denen Emotionen wieder aufbrechen. Aber ich habe inzwischen mehrere Bücher geschrieben, ich habe x-mal auf der Bühne gestanden und über dieses Thema gesprochen, was viel schwieriger war, weil ich beim Erzählen eher wieder in die Emotionen hineinkomme, die ich damals empfunden habe. Ich bin dutzende Male zum Nanga Parbat zurückgekehrt und habe dort mit einer eigenen Stiftung den Einheimischen Schulen und eine kleine Krankenstation gebaut. Ich bin mehr oder weniger im Reinen mit dieser Tragödie, aber die Belastung bleibt. Bis zum Nanga Parbat war ich ein fanatischer Kletterer, das sage ich mit aller Selbstkritik. Nachher wurde ich ein professioneller Höhenbergsteiger. Ich muss dazu sagen, dass es für mich einfacher war, den Tod meines Bruders zu verarbeiten. Für meine Mutter war es viel schwerer, weil sie ein Kind verloren hatte – am anderen Ende der Welt. Ohne Bilder dazu. Ohne Leiche. Wir Menschen können einen Verlust eher verkraften, wenn wir unsere Toten bestatten können. Erst dann finden wir Ruhe. Das habe ich erst mit der Nanga-Parbat-Geschichte verstanden.

Lesen Sie auf Seite 2, was Reinhold Messner immer wieder antreibt

Gab es in Ihrem Leben weitere Situationen, in denen Sie dem Tod ins Auge geblickt haben?

Messner: Ein paar Mal, ein halbes Dutzend Mal, würde ich sagen. Bei extremen Touren.

Und was treibt einen dann immer wieder an?

Messner: Im Grunde ist das nicht erklärbar. Wir gehen freiwillig in die gefährlichsten Zonen der Erde, dorthin, wo Stürme, Lawinen, Steinschlag und eine sauerstoffarme Luft uns umbringen könnten. Wir gehen aber nicht dahin, um umzukommen. Wer selbst dieser Leidenschaft verfallen ist, versteht, dass die «Eroberung des Nutzlosen» eine der faszinierendsten Möglichkeiten ist, sich selbst und die Welt kennenzulernen, sich selbst in die Natur hineinzubegeben und sie als etwas Reales, wenn auch Gefährliches wahrzunehmen. Die beste Aussage dazu stammt von Gottfried Benn: «Bergsteigen ist am Tod provoziertes Leben.» Das heißt, Bergsteigen ist ein sehr intensives Leben, weil es lebensgefährlich ist. Es ist ja im Grunde völlig schizophren, dass jemand dorthin geht, wo er sterben könnte. Aber ich glaube auch, dass Außenstehende wissen, dass wir nicht mit dem Leben spielen. «Mit dem Leben spielen» ist auch der falsche Ausdruck. Wir Bergsteiger stellen uns vielmehr selbst immer wieder in Frage und testen aus, wie das Leben an der Grenze des Möglichen ist. Und im Grunde wissen wir viel intensiver als andere, dass das Leben begrenzt ist, dass es mit dem Tod zusammenhängt. Das Leben ist wie ein Bogen eingespannt zwischen Geburt und Tod. Und je klarer mir das ist, dass es eben eingespannt ist, umso klarer kann ich auch leben. Ein Bogen, der sauber gespannt ist, schießt perfekter als ein Bogen, der nicht gespannt ist.

Kam es Ihnen damals nicht in den Sinn, das Bergsteigen zu lassen und etwas Anderes zu machen?

Messner: Meine Eltern haben damals sofort gesagt: «Jetzt reicht's. Mach' dein Studium fertig!» Ich habe dann tatsächlich wieder studiert und als Lehrer gearbeitet – aber nur vier Monate lang. Im Januar 1971, mitten im Schuljahr, habe ich gekündigt, mein Universitätsstudium endgültig aufgegeben und entschieden, Bergsteiger zu werden. Den Beruf gab es damals noch nicht. Ich habe erkannt, dass es mir gar nichts nutzt, wenn ich daheim bleibe und Lehrer mache. Meinen Bruder kann ich dadurch nicht mehr lebendig machen. Das ist Teil meiner Verantwortung. Aber ich habe trotzdem das Recht, mein Leben weiter zu leben. Das wird mir gerne als Egoismus vorgehalten. Ich wäre froh, wenn alle Menschen ihre Sache machen würden. Wir hätten viel weniger soziale Probleme, wir hätten viel weniger Aggressionen und wir wären erfolgreicher auf dieser Welt. Die meisten Leute dürfen aber nicht das machen, was sie am besten können, weil sie irgendwelchen Zwängen folgen müssen, die mit zunehmendem Alter immer schlimmer werden, wenn man sich nicht rechtzeitig herauskatapultiert.

Sind sind 65 Jahre alt. Irgendwann werden Sie nicht mehr die Kraft haben, einen Berg zu besteigen. Wie gehen Sie mit dem Älterwerden um?

Messner: Dann macht man eben Filme! Wenn ich bedenke, was der Joseph mit 70 Jahren alles mitgemacht hat. Er ist bis auf 7000 Metern mit rauf geflogen, er hat weite Strecken mit uns zu Fuß zurückgelegt - zwar mit Mühe, aber er hat es gemacht und nie gesagt, das habe ich nicht mehr nötig.

Was wird Ihre nächste Herausforderung sein – vielleicht ein Film?

Messner: Im Moment bin ich dabei, ein Projekt zu Ende zu bringen. In den vergangenen zehn Jahren habe ich mich vor allem um mein Museum gekümmert – und das war für mich dieselbe Befriedigung, wie den Everest zu besteigen. Wenn das alles fertig ist, bin ich wieder frei für etwas Neues, und ich schließe nicht aus, dass ich auch mal einen Film machen werde. Ich hatte das große Glück, Joseph Vilsmaier über die Schultern schauen zu dürfen. Das war auch einer der Gründe, bei der Realisierung des Filmes dabei zu sein. Ich wollte sehen, wie das geht. Natürlich habe ich auch dabei geholfen, diese Geschichte zu erzählen, habe gelegentlich eingegriffen und erklärt, wie man einen Pickel richtig hält. Ansonsten konnte ich von ihm nur lernen. Wir haben versucht, nicht mit unglaubwürdigen Tricks zu arbeiten, wie es in dem Film Vertical Limit, der am K2 spielt, geschieht. Da sitzt man drin und sagt, das ist alles nicht möglich, ich kann nicht über einen 20-Meter-Spalt springen und mich drüben an einer senkrechten Wand anhalten. Bei uns dagegen ist alles Gezeigte im Grunde möglich, wenn auch vieles reduziert ist – die Zeitdauer, der Hunger, die Kälte, die Verzweiflung.
 

Reinhold Messner (1944, Brixen/Südtirol) ist der erste Mensch, der auf den Gipfeln aller 14 Achttausender stand (1970 bis 1986). Der erste Achttausender war der Nanga Parbat - der Berg, an dem sein Bruder Günther 1970 auf mysteriöse Weise ums Leben kam. Messner wurde vorgeworfen, an dessen Tod nicht unschuldig gewesen zu sein. Messner ist Politiker der Südtiroler Grünen und war von 1999 bis 2004 Mitglied des Europäischen Parlaments. Im Juli 2009 heiratete er seine langjährige Lebensgefährtin Sabine Stehle, mit der er drei Kinder hat.

bla/reu/news.de

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