30.04.2021, 10.15 Uhr

Nicht für alle, aber fast: Ist ein E-Auto das Richtige für mich?

Die Branche brummt, ständig rollen neue Modelle in die Showrooms. Und der Staat gibt bis zu 9000 Euro obendrauf. Zusammen mit dem guten Umweltgewissen sorgt das dafür, dass Stromer ziemlich verlockend klingen. Doch sind sie auch etwas für Sie und Ihren Alltag?

Stecker statt Zapfsäule: Für viele eine Alternative, auch für Sie? Bild: unsplash.com/CHUTTERSNAP Bild: Bild: unsplash.com/CHUTTERSNAP

Bevor man sich für ein so vollkommen anderes Antriebskonzept mit allen damit einhergehenden Möglichkeiten, Notwendigkeiten und Limitierungen entscheidet, sollten einige Grundlagen stimmen.

1. Ich habe mich in allen Details über Elektromobilität informiert

Elektrofahrzeuge sind weit mehr als normale Autos, die einen E-Motor statt eines Verbrenners und eine Batterie statt eines Kraftstofftanks haben. Tatsächlich verbirgt sich dahinter ein vollkommen anderes Mobilitätskonzept, andere Technik und auch eine Sprache voller Details, die sich von vielem unterscheidet, was wir in der Fahrschule erlernt haben.

Der wichtigste Schritt zur Entscheidung ist es deshalb, sich umfassend über alle Aspekte der Elektromobilität zu informieren. Dafür bietet das Portal net4energy eine ganze Reihe von Guides zum kostenlosen Download, die sich sowohl mit den Fahrzeugen als solchen wie auch der Ladeinfrastruktur befassen.

Wichtig: Dieses Selbststudium sollte nur auf hohem Niveau stattfinden. Sowohl von Gegnern wie Befürwortern der Elektromobilität kommen im persönlichen Gespräch häufig zu einseitige Informationen.

2. Ich gehöre hinsichtlich meiner Fahrdistanzen zum Durchschnitt

In nur wenigen Jahren haben sich durch massive Fortschritte bei der Batterieentwicklung die Reichweiten von Elektrofahrzeugen enorm gesteigert. Es bleiben jedoch zwei Tatsachen:

  • Selbst im Schnelllademodus dauert es immer noch zirka eine Stunde, eine leere Fahrzeugbatterie aufzuladen. Dabei ist dieser Modus jedoch nicht sonderlich gut für die Lebensdauer des Akkus. Besser ist der normale Ladeprozess, der dauert jedoch mehrere Stunden.
  • Selbst bei großen Stromern ist die Reichweite deutlich geringer als die von Verbrennerfahrzeugen. Sie beträgt im realistischen Mittel zwischen drei- und vierhundert Kilometer. Allerdings kann sie sich bei kalter Witterung und vielen Verbrauchern (Licht, Heizung) auch nochmals spontan verringern.

Das bedeutet im Klartext, dass es unbedingt nötig ist, seine normalen Fahrdistanzen zu errechnen. Die allermeisten E-Autos sind selbst unter absoluten Frost-Ausnahmebedingungen für 150 bis 200 Kilometer (am Stück) gut. Werden sie an kalten Tagen jedoch häufiger mit Pausen dazwischen bewegt, sollte entweder immer ein Ladekabel bereitliegen oder die Heizung ausgeschaltet bleiben – jedes Mal das ausgekühlte Auto neu aufzuheizen, frisst unheimlich viel Strom.

Das heißt, wer zur Masse derjenigen gehört, die täglich nur wenige Dutzend Kilometer pendeln und auch nach Feierabend nicht viel fahren, ist ein deutlich besserer Kandidat für eine ganzjährige E-Auto-Nutzung als jemand, der regelmäßig beispielsweise von Köln nach Berlin oder Hannover nach Stuttgart fahren muss.

3. Ich fahre selten bis nie per Auto in den Urlaub

Mit Kind und Kegel ins Auto und dann ab dorthin, wo sich die schönsten Tage des Jahres besonders gut genießen lassen – typischerweise also mindestens einige hundert Kilometer von der eigenen Haustür entfernt.

Wer zur Gruppe dieser Menschen gehört, sollte sich die Anschaffung eines Stromers gut überlegen – oder darüber nachdenken, wie er solche Fahrten auf anderen Wegen bestreiten kann, etwa mit einem Zweit- oder Mietwagen oder per Bahn.

Denn so gut E-Autos mittlerweile sind, sie sind einfach keine Fahrzeuge für die Langstrecke:

  • Auf Autobahnen steigt der Stromverbrauch. Je schneller ein E-Auto unterwegs ist, desto geringer ist die Reichweite. Dieses Phänomen verstärkt sich zudem natürlich bei einer typischen Urlaubsbeladung mit Gepäck und Personen.
  • Die Versorgung mit Ladestationen unterwegs ist längst noch nicht so dicht, auch nicht an Autobahnen. In der Praxis ist deshalb für jede Fahrt eine umfangreiche Planung notwendig – zudem gibt es kein einheitliches Bezahlsystem, sodass auch dieser Punkt etwas chaotisch werden kann.
  • Selbst beim Schnellladen vergeht viel Zeit – und längst nicht jede Ladesäule steht in einer Ecke, die es erlaubt, aus der Not eine Tugend zu machen und Sightseeing zu betreiben.

4. Ich habe eine feste Möglichkeit zum Aufladen abseits von öffentlichen Ladestationen

Eine eigene Tankstelle hat niemand und braucht sie auch nicht. Allerdings gibt es beim Elektroauto sehr gute Gründe, warum man nach Möglichkeit unbedingt eine feste, vielleicht sogar persönliche Lademöglichkeit besitzen sollte:

  • Da das Laden relativ lange (im Vergleich zum Tanken) dauert, ist es deutlich praxistauglicher, wenn der Stromer laden kann, wenn er sowieso stundenlang unbenutzt steht.
  • Ladestrom ist nicht gleich Ladestrom, zumindest nicht preislich. Öffentliche Ladesäulen sind dabei meist die mit Abstand teuerste Variante – auch wenn an manchen Orten sogar kostenloses Laden möglich ist. Typischerweise kann die Kilowattstunde deutlich jenseits von 50 Cent kosten. Zudem kommen unterschiedliche Zahlungsmodelle zum Einsatz. Manche Anbieter rechnen nach Stromverbrauch, andere nach Ladedauer, wieder andere haben Abo-Modelle. Zwar soll die neue Ladesäulenverordnung Einheitlichkeit bringen, diese ist jedoch noch nicht in der Praxis angekommen.

Es muss keine Wallbox in der eigenen Garage sein, auch wenn dies natürlich die beste, weil planungssicherste Methode wäre. Jedoch sollten angehende E-Auto-Käufer zumindest eine andere Möglichkeit haben, an der sie ihr Fahrzeug während der unbenutzten Zeit laden können. Ob das der Arbeitgeber ist, der das Laden als geldwerten Vorteil ermöglicht oder vielleicht ein Nachbar, mit dem man sich einig wird, ist zweitrangig.

Es zählt dabei nur, dass man nicht ständig auf die Verfügbarkeit von öffentlichen Ladesäulen angewiesen ist.

5. Ich kann dafür sorgen, dass das Auto wirklich komplett emissionsfrei fährt

Die eigene, heimische Wallbox ist auch deshalb das Optimum des Aufladens, weil nur sie dem Besitzer die volle Kontrolle über die Stromquelle gibt. Denn: Auch wenn natürlich sämtliche E-Autos lokal emissionsfrei unterwegs sind, weil sie keine Abgase ausstoßen und der einzige Feinstaub vom Abrieb der Bremsen und Reifen stammt, so muss der Strom natürlich irgendwo erzeugt werden.

Zwar sind Elektrofahrzeuge selbst dann noch deutlich emissionsärmer als jeder Verbrenner, wenn sie nur mit Graustrom geladen werden – also Strom aus unterschiedlichen, auch fossilen Quellen. Jedoch wird die Umweltbilanz erst dann glänzend und wirklich vorbildlich, wenn man selbst die Quelle des Stromanbieters wählen kann, also einen wählt, der grünen Strom offeriert.

Dabei ist dieser Punkt zwar nicht so wichtig wie die zuvor genannten vier, dennoch sollte er bei all jenen Beachtung finden, die mit ihrem Wechsel zum Stromer besonders auch die Umwelt im Sinn haben. Denn bis der deutsche Strommix generell grün ist, werden noch einige Jahre des Aus- und Umbaus vergehen.

Fazit

Batteriebetriebene Elektrofahrzeuge sind noch nicht für jeden eine Alternative. Allerdings sind sie es für sehr viel mehr Menschen, als viele glauben. Denn all die noch bestehenden Limits dieser Form der Elektromobilität betreffen nur eine Minderheit der deutschen Autofahrer. Und sie ist definitiv auch nicht nur etwas für Eigenheimbesitzer, die sich eine Wallbox installieren können – diese Zeiten sind längst vorbei.

Wer alle fünf Punkte hier mit Ja beantworten kann, kann mit Fug und Recht behaupten, ein E-Auto-Kandidat zu sein. Dann heißt es nur noch über den eigenen Schatten springen und Probefahren. Der Rest des Umstiegs ist nämlich meist nur eine Kopfsache.

lic/news.de

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