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Schwule Fußballer: So plant der DFB das erste Coming-out

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«Fussball ist alles... auch schwul!» (Archivbild) Bild: dapd

Steffi Jones und ihre Freundin haben es einfach getan. Beim Ball des Sports am Samstag in Wiesbaden zeigte sich die Ex-Fußball-Nationalspielerin und heutige DFB-Funktionärin ganz unverkrampft erstmals öffentlich in Begleitung einer Frau, ihrer neuen Freundin Nicole. Ein Outing im Ballkleid, das zwar für Schlagzeilen sorgte, die allerdings am Montag bereits wieder vergessen waren.

Wäre in Wiesbaden ein männlicher Fußball-Nationalspieler mit seinem Geliebten aufgetaucht, hätte es ein mediales Beben gegeben. Schwule Profifußballer sind nach wie vor eines der größten Tabus des Sports. Bis auf Marcus Urban, der einige Zweitligaspiele für Rot-Weiß Erfurt bestritt, hat es bislang kein Spieler im bezahlten Fußball gewagt, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen.

DFB ebnet den Weg zum Outing

Doch das Thema drängt immer mehr an die Öffentlichkeit. Nach dem Interview eines anonymen, schwulen Bundesligaprofis ermunterten selbst Kanzlerin Angela Merkel und Fußball-Kanzler Uli Hoeneß betroffene Spieler zum Coming-out. «Danach haben Herr Niersbach und die Führungsriege des DFB erkannt: Wir müssen homosexuellen Spielern jetzt Unterstützung bieten. Aus dieser Erkenntnis heraus wurde eine Expertenrunde mit dem Namen Outing gegründet», sagt Marcus Urban, Diversity-Berater und Experte des DFB zum Thema. Mit Urban selbst sitzen unter anderem der DFB-Anti-Diskriminierungs-Beauftragte Gunter A. Pilz, weitere Experten wie Tatjana Eggeling und Tanja Walther-Ahrens, Vertreter von DFB, DFL und den Verbänden.

News.de erfuhr exklusiv: Ende Februar soll vom DFB ein Strategiepapier mit dem Titel Umgang mit Coming-outs im Fußball veröffentlicht werden. «Eine Handreichung vor allem für die Verbände und Vereine, viele gute Hinweise finden sich darin für Bundesligaklubs genauso wie für Amateurvereine und für betroffene Spieler, Fans und Medien», sagt Urban im Gespräch mit news.de.

«Kompakt, konkret und attraktiv», soll das Papier sein, das den Weg für den ersten öffentlich schwulen Profi ebnen soll. «Wir wollen die Chance beschreiben, die die Sportwelt hat, sich als nicht so intolerant zu präsentieren, wie sie beschrieben wird.»

Urban glaubt: «Vereine, Verbände, Fans und Medien müssen sich als homo-freundlich outen, dann werden sich auch die Fußabller outen.»

«Einer unserer grundsätzlichen Ansätze ist: Wie kann eine Führungskraft im Fußball reagieren, wenn ein Spieler kommt und sagt: Ich bin schwul? Da gibt es sowohl emotionale Hinweise als auch ganz praktische Vorbereitungsmaßnahmen.»

«Vereine, Verbände, Fans und Medien müssen sich als homo-freundlich outen, dann werden sich auch die Fußabller outen»: Diversity-Berater und DFB-Experte Marcus Urban. Bild: privat

Für news.de stellt Marcus Urban die wichtigsten Inhalte des DFB-Strategiepapiers vor:

Warum überhaupt outen? Ist die sexuelle Orientierung nicht Privatsache?

«Das ist eine Ausrede. Im Alltag spricht jeder ständig über seine sexuelle Orientierung, das ist überhaupt keine Privatsache. Wenn das Privatsache wäre, müssten alle verheirateten Menschen ihren Ehering abnehmen, die Fotos ihrer Partner auf den Handys und Flatscreens löschen und die Bilder von Kindern und Familie von den Büro-Schreibtischen nehmen. Es geht nicht um sexuelle Details, aber es geht bitteschön darum, normal leben zu können.»

Prävention:

«Die beste Vorbereitung ist Prävention und Aufklärungsarbeit. Eine Führungskraft kann bei allen unsicheren Parametern, die es gibt - Fans, Öffentlichkeit, Medien - eine Haltung einnehmen und sich vorher über das Thema Homosexualität informieren.»

Sensibilisierung:

«Wie leiste ich konkret Kommunikations- und Anerkennungsarbeit in meinem Verein? Wie sensibilisiere ich Management, Trainer, Spieler. Woran erkenne ich einen ‹homo-freundlichen› Verein oder Verband?»

Medientraining:

«Wir haben die Fragen, die für die Medien am wichtigsten sind, formuliert und versucht, sie gescheit zu beantworten. Das bietet Funktionären ein Stück Sicherheit und Ent-Dramatisierung, um balanciert damit umzugehen.»

Hilfe für Betroffene:

«Es finden sich auch ganz konkrete Erlebnisse und Geschichten aus meinem Erfahrungsschatz und von anderen, die Mut machen sollen und beschreiben, wie ein Outing funktionieren kann. Zum Beispiel, sich in Schichten zu outen. Erstens: Mut zu fassen, aktiv werden. Danach eine erste Person einweihen, eine zweite, den Trainer, ein, zwei Spieler, das Management und danach die Öffentlichkeit. So wie es Gareth Thomas in Wales gemacht hat, der sich 2009 als erster Rugy-Spieler überhaupt outete.»

Auswirkungen eines ersten Outings:

«Die Auswirkungen eines Outings schwuler Fußballstars werden weit über den Fußball hinaus gehen. Das wird Rollenbilder von Männern und Frauen in unserer Gesellschaft generell verändern. Sehr viele Menschen orientieren sich an den Fußball-Vorbildern im Fernsehen. Wenn nun Fußball-Weltstars - und die gibt es - zu ihrer Homosexualität stehen, werden sich Jugendliche fragen, ob ich noch so rau sein und den Macho herauskehren muss.»

«Ich prophezeie: Das Resultat wird eine gesellschaftliche Veränderung sein, die weit über die Dimension Fußball hinausgeht. Die Einführung einer Frauenquote, das Outing von Klaus Wowereit, die Homoehe sind nichts dagegen. Meine These lautet: Wenn uns diese Akzeptanz schwuler Fußballprofis gelingt, werden Anfragen aus dem Ausland kommen, wie diese Kultur in Deutschland etabliert wurde. Deutschland könnte ein Modell für Geschlechtergerechtigkeit werden - das wäre ein Exportschlager, eine Chance für unser Land.»

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zij/news.de